Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 516 (sequence 12)
- Language
- German
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mengestellt und ernstlich erwogen werden. Als Führer in diesen Träumereien dient ihnen Herr Lawrence Oliphant, nach dessen Berichten soll eine Million russischer Juden und eine Million rumänischer Juden — zufällig giebt es in Rumänien überhaupt nur 250,000 Juden — von dem heftigsten Verlangen beherrscht und bereit sein, nach Palästina auszuwandern. Man kann an diesem Beispiele sehen, wie ein vorgefaßter Wahn jede vernünftige Erwägung verhindert. Nach der letzten Schätzung wohnen in dem Paschalik Jerusalem, Gaga und Jaffa mit eingeschlossen, nicht über 220,000 Menschen. Man denke sich zu diesen 2 Millionen Juden hinzugesellt, oder vielmehr von ihnen überfluthet! Wenn Herr Oliphant diese seine Meinung der türkischen Regierung mitgetheilt hat, so ist es nicht zu verwundern, daß sie die Einwanderung russischer Juden in Palästina untersagt hat. Ja, wenn wir ganz Syrien in Betracht ziehen, so beläuft sich die Bevölkerung auf l1/^ Million Seelen. Auch hier also eine völlige Unverhältnißmäßigkeit. Es ist daher erklärlich, daß die amerikanischen Pietisten den „Messias" zu Hülfe nehmen,- kum jede Schwierigkeit auszugleichen. Ich glaubte, Ihnen hierüber einiges mittheilen zu sollen, weil ja auch unter den europäischen Juden, z. B. in Wien, Berlin und Galatz nicht wenige für die Einwanderung in Palästina schwärmen. — Der „Lake Huron", - welcher die erste Sendung von Auswanderern nach Ca na da brachte, war beinahe vierzehn Tage lang in Eis eingeschlossen. Daß die armen Leute halbverhungert, geschwächt und nicht sehr arbeitsfähig ankamen, kann nicht Wunder nehmen. Bis diese untergebracht sind, werden weitere. Sendungen, auf Wunsch des High Conunissioner Sir Alexander Galt (dem 500 Pfund durch das Mansion House Committee für-jene Ankömmlinge übersandt wurden), unterlassen. — Die Flüchtlinge in New Haven (Nordamerika), 90 bis 100 an der- Zahl, haben sämmtlich Beschäftigung gefunden. Sie haben beschlossen, eine Hülfskasse gegen Krankheit, Arbeitsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit zu gründen und ein Arbeitsnachweisbureau für neue Ankömmlinge zu errichten.. Die Kasse führt den Namen: „Russian Refugees Mutual Aid Association.“ Aktive Mitglieder können nur russische Flüchtlinge werden; dey Beitrag beläuft sich auf einen Dollar monatlich. Beitragende Mitglieder zahlen 5 Dollars pro Jahr, Ehrenmitglieder (Patrons) 10 Dollars pro Jahr. Bonn, 23. Juli. (Notizen.) Wir erhalten von Herrn A. Treu folgende Erklärung mit dem Ersuchen um Abdruck: „Zu der Bemerkung in Nr. 28. d. Allg. Ztg. d. I. Seite 470: „daß sich die Conferenz durch Herrn Treu hat verleiten lassen rc.", gestatte ich mir zur geneigten Richtigstellung im Interesse der Wahrheit folgende Erklärung: Bei Eröffnung der Conferenz hatte noch kein Besucher derselben meinen beregten Artikel gelesen; die betreffende Nr. der Jsr. Lehrerztg. war noch nicht in die Hände der Leser gelangt; die Debatte über den betreffenden Gegenstand habe ich nicht angeregt, mich sogar absichtlich an der Diskussion wenig betheiligt. — Als ich im Verlaufe der Debatte bemerkte, ich hätte hinsichtlich Ihres Urtheils über den Lehrerstand einen kurzes Artikel zum Abdrucke gegeben, machte man von mehreren Seiten geltend, die Conferenz habe keinen Einblick in meinen Artikel und müsse die Sache ihrerseits zur Erörterung bringen." Iseuilleton. Einige charakteristische Züge aus unserm synagogalen Gebetbuche. (Fortsetzung aus Nr. 14.) Die jüdische Benediktion ('nWu) hat die Bestimmung, Gott für jeden Genuß, für jede Gabe, für jede bedeutsame Erscheinung in der Natur, wie Frühlingsblüthe und das Weltmeer, den Donner und den Blitz, den Regenbogen u. s. w. den Dank des Herzens auszusprechen. Was man auch gegen die Verpflichtung zur Aussprache formulirter Segenssprüche sagen möge, gewiß ist es, daß durch sie der Zusammenhang mit Ggtt, das Bewußtsein der von ihm erhaltenen Wohlthaten, sowie überhaupt des Werthes aller uns in Natur und Geschichte entgegentretenden Erscheinungen erhalten und gestärkt wird. Andererseits versteht es sich von selbst, daß aufdiese Weise die Benediktionen ins Einzelne führen, die Wirksamkeit der göttlichen Liebe und Allmacht specialisiren und nicht selten auch, auf -das sittliche Bewußtsein wirken mußten. So begegnen wir in den am Morgen zu sprechenden Benediktionen: „Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott, Herr der Welt, der die Nackten kleidet", „der die Gefangenen befreit", „der die Gebeugten aufrichtet"--Sentenzen, welche in den Gebeten oft wiederkehren , und in denen schließlich, selbst unbewußt, die Aufforderung an den Menschen trat, in gleicher Weise, wenn auch nach seinen beschränkten Kräften, für seine leidenden Mitmenschen wirksam zu sein. Die Befreiung von Gefangenen, die eben häufig wiederkehrt, hat einen geschichtlichen Untergrund, weshalb sie auch zu den Werken der Gemiluth Chassadim zählte, und die Auslösung gewaltthätig gefangener Juden oft genug ins Werk gesetzt wurde. Kam es doch sogarvor, daß ein großer Rabbi von seiner Auslösung abrieth, weil zu befürchten stand, daß die damaligen Raubritter auf diese Mildthätigkeit der Juden spekuliren und recht viele derselben gefangen nehmen würden, um das Lösegeld von ihren Glaubensgenossen zu erpressen, gerade wie es noch heute die Banditen in Sicilien, Bul-.