Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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5J£ meinden eingeschmuggelt wurden, die aber die Bevölkerung in ihrer besonnenen Haltung nicht wankend machten. Es wurde hierauf beschlössen: 1) Fremde, die siöh über den Zweck ihres Aufenthaltes nicht legimitiren können, auszuweisen; 2) äufwiegelnde Schriften zu confisciren und deren Verbreiter gerichtlich zu verfolgen; 3) die christlichen Seelsorger aufzufordern, den Gläubigen von der Kanzel Frieden und Toleranz zu Predigen. - Lemberg, 14. Juli. Man meldet von hier, daß von 9—12. b. 850 russische Flüchtlinge repatriirt worden sind, und nachdem die-russischen Behörden die Rückkehr derselben erleichtert haben werden, hofft man von zwei zu zwei Tagen etwa 400 Emigranten repatriiren zu können. Brünn, 15. Juli. Der „Tagesbote" meldet, der österreichische Episkopat habe auf Anregung des Erzbischofs Ganglbauer eine Kurrende an den Klerus erlassen, denselben von der Betheiligung an antisemitischen Wühlereien abmahnend. Bei dieser Gelegenheit würde konstatirt, daß sich der österreichische Klerus, Wenige ausgenommen, dieser Agitation fernhalte. Von der Donau, 18. Juli. (Privatmitth.) Ueber die Tißa-Eßlarer Affaire verlautet seit vierzehn Tagen nichts. Die verhafteten Flößer sind — mit Ausnahme eines jüdischen Flößers — auf freien Fuß gestellt. In der dortigen Gegend sieht man ruhig der Untersuchung entgegen. ' Die k. Ober-Staatsanwaltschaft hat auf Grund des 8. 172 des Strafgesetzes (Aufreizung gegen eine Glaubensgenossenschäft) eine Reihe von Preßprozessen gegen die Verfasser und Herausgeber von antisemitischen Zeitungen und Druckschriften bei den Preßgerichten in Budapest und Debreczin angestrengt. Belgien. Brüssel, 21. Juli. (Privatmitth.) Der liberale Radicalismus hat von neuem einen Beweis seiner geradezu fanatischen Unduldsamkeit gegeben. Sie erinnern sich des Streites über die Friedhofssrage. Die Brüsseler Gemeinde untersagte den Israeliten einen eigenen Begräbnißplatz und selbst eine abgesonderte Stelle auf dem städtischen Friedhofe: mit Gewalt sollten alle Confessionen gezwungen werden, ihre Todten unterschiedlos unter und neben einander zu beerdigen. Die Brüsseler Israeliten halfen sich, als alle ihre Reklamationen fruchtlos geblieben waren, damit, daß sie in der benachbarten ziemlich armen Gemeinde Uccle sich auf deren Friedhofe Grabstätten derart kauften, daß diese sämmtlich auf demselben Theile des Friedhofs in zusammenhängendem Komplexe lagen. Dagegen ließ sich absolut nichts einwenden, denn die Verfassung verbietet keineswegs, auf den Friedhöfen den Ort zu wählen, der für den Ankauf von Begräbnißstätten einem jeden am besten scheint. Ueberdies hat niemals ein Katholik einen Platz unter oder neben den jüdischen Gräbern verlangt. Man hätte also die Sache ruhig lassen können,, wie sie war, zumal dieses Arrangement der Gemeinde Uccle ein beträchtliches Einkommen verschaffte. Jndeß die radikale Theorie war dem Gemeinderath öon Uccle wichtiger, als die Forderungen der Gerechtigkeit und selbst das Interesse seiner Mitbürger. Er hat beschlossen, daß er in Zukunft den Israeliten keine Stätten mehr bewilligen werde, die sich neben anderen jüdischen Gräbern befänden, und daß er jene auffordere, ihre Todten auf andern Seiten zu beerdigen, so daß die jüdischen Gräber über den ganzen Friedhof zerstreut sein werden. Sie sehen, das ist ein wahrer Akt der Willkür, der Tyrannei. Da alle staatlichen Aufsichtsbehörden von demselben Geiste beseelt sind, so ist an eine Zurücknahme dieses Beschlusses nicht zu denken. So zahlt man den Israeliten die eifrige Unterstützung zurück, die sie bei jeder Gelegenheit der liberalen Partei leisten, und ohne die letztere an manchen Orten ganz sicher unterliegen würde. Aber Dankbarkeit zahlt bei unseren fänatischen Religionsfeinden ebenso wenig, wie die Voraussicht, daß die Israeliten nun ihre theuern Grabstätten nicht mehr in Uccle kaufen werden. Man hat wieder einer Religionsgemeinschaft einen üblen Streich gespielt — und dieses frohe Bewußtsein hilft diesen Leuten über jedes andere Bedenken hinweg. Dänemark. Kopenhagen, 14. Juli. (Privatmitth.) Ein hiesiges politisches Blalt, welches den Tod Kodefroh's mittheilte, bemerkte dabei, daß dieser und Crsmieux die zwei einzigen Juden seien, welche Minister gewesen. Dies verdient wohl eine Berichtigung, welche jenes Blatt aus dem Ihrigen aufzunehmen geneigt sein wird. Abgesehen davon, daß in Holland auch der Justizminister Asser unvergessen ist, hat als Finanzminister der echt republikanisch gesinnte Goudcheaux eine höchst ehrenvolle Stellung .in der Republik eingenommen. Während Cremieux zweimal Mitglied der provisorischen Regierung und Justizminister war (1848 und 1870) wurde Godefroy und Goudcheaux wiederholt das Ministerportefeuille angeboten, von ihnen jedoch abgelehnt.. Eine sehr lange Dauer seines Ministeriums erfuhr Fould unter Napoleon IH. In Baden ist seit fast zehn Jahren Ellstädter Finanzminister. Es gehört nicht hierher, diejenigen Männer jüdischer Religion aufzuzählen, welche höhere Stellungen in verschiedenen Ministerien, z. B. im auswärtigen Amte Oesterreichs und Italiens bekleideten und noch bekleiden, erinnern wollen wir nur noch daran, daß 1818 der charaktervolle Adolph Fischhof an der Spitze des österreichischen Unterrichtsministeriums eine Zeitlang gestanden. Hierbei' muß man bedenken, daß es eben nur noch wenige Staaten sind, in welchen die Gesinnung, sei es der Dynastien, sei es des