Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-06-27 · Heft 26 (27.6.1882) · p. Seite 423

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 26 (27.6.1882)
Date
1882-06-27
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227420--39989-3257602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ungeheuere Zahl von Applikationen, die von Abenteurern und anderen Leuten ausgehen, welche wohl arm sind, auch wohl Unterstützung in ihrem eigenen Lande verdienen würden, aber nicht russische Juden sind, oder wenn solche, nicht von den; durch Unruhen heimgesuchten Plätzen kommen und durch ihre Uebersiedlung hierher nur ihre Lage verbessern wollen. Für solche Leute kann und darf, gemäß Paragraph 4 der Berliner Beschlüsse, der Fond unter keinen Umständen verwendet werden, auch existiren hier keine Vereine, die diesen Leuten behilflich sein würden. Viele dieser Leute sind von andern Orten aus hierhergekommen, dem Anscheine nach befördert von Beamten odÄ Vereinen, von denen wir keine offizielle Anzeige haben. Wir wissen wohl, daß es die Armen sehr hart trifft, welchen grundlose Hoffnungen zur Auswanderung von wohlthätigen oder unpraktischen Leuten gemacht wurden, zurückgewiesen zu werden. Da aber die Mittel meines Committees nicht einmal hinreichen, den wirklichen Flüchtlingen, welche den Verfolgungen ausgcsetzt waren, beizustehen, so ist der Beschluß gefaßt worden, ohne Ausnahme alle diejenigen wieder in die Städte, von denen sie gekommen, zurückzuschicken, welche nicht als russisch-jüdische Flüchtlinge betrachtet werden können. Diese Maßregel wird von nun an in aller Strenge befolgt werden, und wir haben daher via Hamburg die erste Abtheilung der unberechtigten Applikanten, die aus andern Orten hierher gekommen, zurückbefördert. Wir thun dies mit dem größten Bedauern, nicht nur weil dadurch die Leiden der armen Leute vermehrt werden, sondern auch weil dadurch Unannehmlichkeit und Aerger den zwar wohlmeinenden aber übelberatheneu Personen, die sie hierhergeschickt, verursacht werden muß: In Zukunft werden sie darauf sehen, alle diejenigen, welche nicht der Verfolgung ausgesetzt waren oder durch vorgerücktes Alter, Schwäche oder Mangel an Arbeits- und Produktionsfähigkeit für Auswanderung ungeeignet sind, dahin wieder hinzusenden, woher sie kommen. Auf diese Weise werden wir im Stande sein, erfolgreicher und nachdrücklicher diejenigen zu unterstützen, für die unser Fond rechtlich in Anspruch genommen werden darf. Wir werden unser Bestes thun, Ihre Schutzbefohlenen, wenn sie für Auswanderung in jeder'Beziehung sich eignen, nach Kräften zu unterstützen, so lange unsere Mittel ausreichen. Ergebenst, N. S. Joseph, Schriftführer. Die Einwandernnggsraye im ungarischen Abgeordnetenhause. II. Dem Anträge des Ausschusses und der Motivirung durch den Berichterstatter trat im Namen der äußersten Linken der Abg. Otto Herman entgegen, dessen Name schon den Ur magyaren verräth. Man muß hierbei immer im Äuge behalten, daß eine wirkliche Einwanderung russisch-jüdischer Flüchtlinge in Ungarn noch gar nicht vorgekommen ist. Herman sieht in derselben eine Störung in der ruhigen, stetigen Entwickelung. Zwar sei die Emanzipation der Juden „kein Gnadenakt, sondern die Rückgabe entzogener Rechte. Die Juden theilten sich aber in Neologen, welche sich der Nation assimilirten, und in Orthodoxe, welche ihre Eigenart bewahrten." Aus diese letzteren, denen er „verheerende Tendenzen" zuschreibt, schlägt er nun gewaltig los. Hierauf sich stützend,- findet er eine volkswirthschafttiche, eine sanitäre, ganz besonders eine nationale Gefahr, und stellt einen Antrag, daß „das Einströmen der aus Rußland verjagten Massen und Fragmente derselben in Ungarn unbedingt verhindert werde und daß. die Regierung darauf hinwirke, daß die Angelegenheit der aus Rußland verjagten Massen gemäß beit Prinzipien internationalen Rechts geordnet werde und zwar in solcher Richtung, daß einerseits sowohl das Repatriiren, wie das Weiterwandern und eventuell die Ansiedlung zur Last jenes Landes geschehe, aus welchem die Massen verdrängt wurden, andererseits aber, daß das nachbarliche Berhältniß der europäischen Staaten vor solchen Störungen gesichert werde. Zu diesem Zwecke suche die Regierung mit den übrigen Staaten Europas eine Solidarität zu schaffen.. Das Abgeordnetenhaus weist die Regierung an', daß, inwiefern sich die Nothwendigkeit legislatorischer Verfügungen ergeben sollte, sie dieselben unverzüglich dem Hause unterbreite. Der Antrag ist unterzeichnet von den Abgeordneten: Otto Herman, Ladislaus Hegedüs, Ignaz Helfy, Emerich Näray, Ludwig Mocsüry, Eduard Krißtinkovics, Franz Duka, Josef Bidliczkay, Adam Lazar und Josef Madaraß." Der Ministerpräsident Tisza wendet sich zunächst mit großem' Nachdruck gegen die agitatorischen Hetzereien des Vorredners betreffs der orthodoxen Juden, wobei er von der äußersten Linken oft unterbrochen wird, die jedoch vergebens diese Tendenz ihres Redners ableugnen will. Er beharrt dabei, daß das gesetzliche Recht der Gemeinden jeder unzulässigen Einwanderung genügend gegenüberstehe. Das „unbedingte Verhindern", welches die äußerste Linke beantragt, verlange eine gewaltsame Zurückweisung. Die äußerste Linke ruft dazwischen „Cordon!" Tisza erwidert, ein Cordon sei ein „Zurückschlagen mit Flintenkolben oder Bajonetten" und würde in wenigen Monaten Millionen kosten. Was den Antrag in seinem zweiten Theile betreffe, so würde er, falls Rußland die Forderung, nicht erfülle, den Krieg mit Rußland zur Folge haben müssen. Er kommt darauf zurück, daß eine Einwanderung noch gar nicht stattfinde, also Präventivmaßregeln noch nicht nöthig seien, und sagt: „Seien Sie überzeugt, daß, indem ich einerseits ent- ' schieden zurückweisen muß, was. meiner festen Ueberzeugung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.