Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1882)
- Date
- 1882-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Cin un-lirteiWs Organ für alles Mische Interesse. - Herausgegeb.en von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. Expedition und Verlag: Bauingärtner's Buchhandlung in Leipzig. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis Vierteljährig 3 Mark. .Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. SS) und Oesterreich bei allen'Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich .an vr.L. Philippson in Bonn direct, , in allen übrigen an die Berlagshändlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an. letztere einzusenden. 46. Jahrgang. Leipzig, den 20. Juni 1882. .' JVo. 35. ' löbalt. Leitende Artikel: Zur Ehre des Jahrhunderts. — Die jüdischen Einwanderer in Amerika. — Ein Zwischenfall. — Londoner Briefe. XIII. — Die Einwanderungsfrage im ungarischen Abgeordnetenhause. I. — Ist der Staat die Quelle alles Rechtes? III. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bonn, Potsdam/ Brelefeld, Bremen, Aschersleben, Stuttgart. — Oesterreich-Ungarn: Wien/Pest. — Belgien: Brüssel — Frankreich: Paris.— Rußland: Petersburg, Warschau.— Rumänien: Galatz. Feuilleton: Der Frauenhülfsverein für russisch-jüdische Flüchtlinge. — Die Cedern des Libanon. /- Bonn, 14. Juni. Zur Ehre der Jahrhunderts. Wir hatten lange Zeit genug die düsteren Vorgänge in Rußland mit ihrem Vorspiel in Pommern und Preußen als eine ,/Schmach unsres Jahrhunderts" zu bezeichnen, wie schon beim Beginn der antisemitischen Hetzen in Berlin der Erbe des deutschen und des preußischen Thrones diese brandmarkte. Aber um so weniger dürfen wir uns der Erkenntnis verschließen, daß das, was seitdem in der civilisirten Welt sich kündgegeben , die Ehre des Jahrhunderts rehabilitirt > und unsren' ' Schmerz über die Leiden unsrer Glaubens -' und Stammesgenossen zu lindern vermag. Wie zuerst in England die bedeutendsten Persönlichkeiten aller Parteien und Confessionen sich zu einem energischen Protest und dann zu einem umfassenden Hilfswerk' für die fo unsäglich hart Betroffenen erhoben, 'wie dies in Nordamerika, Holland, Deutschland und Oesterreich die - glänzendste Nachfolge fand - — namentlich in Deutschland die hervorragendsten Männer in großen und kleinen Städten den Schrei der Entrüstung und den Ruf zur. Hilfe in beredten Worten ertönen, ließen -— wie nunmehr auch in Belgien und Frankreich -die nachdrücklichste Kundgebung manifestirt wird: ..so können wir sagen, daß'die Stimme der Humanität und des Rechts durchgedrungen, das öffentliche Gewissen zum Ausdruck und die Solidarität aller gebildeten Völker gegenalle Ausbrüche der Barbarei zur Geltung gekommen ist. Und dies macht die Ehre, unsres Jahrhunderts aus. Wir. wissen ja längst, daß..Kultur,' Bildung und edlere Gesittung noch lange nicht'in allen Völkernvorwälten, ' daß große, mächtige Staaten noch unter den stnsteren Schatten der Despotie, der Un- und Halbkultur liegen, ja daß auch in den-bestrenommirtesten Nationen es noch Schichten giebt, welche blinder Leidenschaft und barbarischen Gelüsten zugänglich sind, und zwar, nicht blos die unteren. Die Frage war aber nun: ist unser Jahrhundert noch so weit zurück, daß es ruhig , und unbewegt mitten im Frieden die schrankenlosesten Gewalt- und Frevelthaten an. wehrlosen und friedfertigen Menschen verüben sehe , oder ob es sich energisch dagegen erheben, die Unthaten. als solche brandmarken und die traurigen Folgen so viel wie möglich zu lindern suchen werde? Und da wäre es undankbar, wenn wir nicht anerkennen wollten, daß unsre Zeit ihre Schuldigkeit thut. < Ja, wir. sind durch die unglaublichsten Missethaten überführt worden, wie weil noch ein großer Theil selbst der europäischen Menschheit .zurück ist, um vom Recht, und von der Humanität durchdrungen, und geleitet zu werden; aber wir erfahren doch auch jetzt täglich, wie sehr diese-beipen Jdeal.e des Menschen in den Geistern Platz gegriffen und m der Stunde der Noth zu Wort und That werden. Die Vergangenheit bietet einige Beispiele. Die Menschenhaufen, ivelche" die fanatischen Herrscher Spaniens aus ihrem'Vatexlande trieben, 'fanden in den mohamedanischen und später in einigen christlichen