Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1882)
- Date
- 1882-06-06
- Page
- Seite 381 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Je ui tleton t Eine gol-ene Hochzeit. - ' Der als jüdischer VolksschriftstellerZ rühmlich bekannte emeritirte Lehrer, Herr Simon Krämer, früher in Altenmuhr, jetzt in Nürnberg wohnhaft, feierte am 8. d. seine goldene Hochzeit. Der 75 jährige Greis und seine 73jährige Gattin erfreuen sich noch des körperlichen Wohlseins und schöner Geistesfrische. Herr Krämer beging das schöne Fest im stillen Familienkreise, indem er zugleich eine -Spende von 50 Mk. an die Achawa und 50 Mk. an das bayrische Lehrerwaisenstift sandte. Diese letztere Gabe -begleitete er mit einem Briefe, der in Nr^ 19 der „Bayrischen Lehrer-Zeitung" abgedruckt worden, und den auch wir bringen. Der Brief ist an einen christlichen Confrater gerichtet, der die Spende der betr. Kasse übermitteln sollte. Er lautet: „Durch die Gnadenwaltung Gottes ist mir in meinem 75. Lebensjahre das seltene Glück beschieden, mit meiner, im 73. Jahre stehenden Gattin die sogenannte „goldene Hochzeit" heute. im stillen Familienkreise zu feieren. Da ist denn ein Rückblick auf die durchlebten Jahre wohl angezeigt. Es ist ein Lehrerleben, ein Leben voll Mühen, Sorgen und Kämpfen , aber auch nicht ohne Freuden, das ich durchlaufen. Zu meinen freudigen Erinnerungen zählt auch mein Zusammenleben und Streben mit meinen Kollegen der verschiedenen Konfessionen und, ich darf es sagen, mein Mitwirken in Vereinen, in der Presse und auf den allgemeinen großen Lehrerversammlungen, insbesondere auch in den geselligen kollegialischen Kreisen im Distrikte Gunzenhausen, in dem ich 35 Jahre verlebt habe; denn der bayr. Lehrerstand lebt, wie vielleicht kein andrer, ohne Rücksicht auf Konfession, und ohne daß diese darunter leidet, in Amtsbrüderlichkeit und Freundschaft (mit dem Ziele der Menschenbildung) treulich zusammen. Darum haben sich auch die bayerischen christlichen Schullehrer, mit winziger Ausnahme, bei der wüsten Agitation gegen die Juden nicht betheiligt, eine Erscheinung, der Du, verehrter Freund! auf der allgemeinen Lehrerversammlung in Bamberg vorigen Jahres beredten Ausdruck gegeben und Förderung geschaffen hast. Bin ich auch seit meiner nöthig gewesenen Quieszierung nicht mehr in der Lage, in^ der Schule und was sie fördert, zu wirken; vermag ich auch nicht zu meinem Bedauern wegen meines Augenleidens den, in nächtlicher Zeit stattfindenden, hiesigen Vereinsversammlungen beizuwohnen, so bewahre ich doch dem Schullehrerstande und seinen Bestrebungen alle meine Sympathien und bezeuge gern meine Zugehörigkeit. Es stellte mich vor einiger Zeit ein sogenannter höherer Lehrer, ein Doktorirter, ln einem Familienl) Die Schicksale der Familie Hoch. 1839. Hofagent Meier. 1844. Bilder aus dem jüdischen Volksleben. 1849. u. m.'A. kreise mit den Worten vor: „Herr Literat und Privatier N.", worauf ich alsbald sagte: „Die. Hauptsache haben Sie vergessen, ich bin pensionirter Schullehrer." Noch Eines liegt mir am Herzen, das ich gar gern dem bayr. Schullehrerstand nahe legen möchte, wenn ich noch eine Gelegenheit dazu fände. Es wäre, meine ich, eine, meiner christlichen Amtsbrüd.er würdige Aufgabe, wenn sie in ihren Schulen' den so tief liegenden Keimen des Judenhasses die Lebenskraft abschnitten, was sie am ersten im Stand wären und zwar nicht sowohl der Juden wegen, die wahrlich besser sind als ihr Ruf , wohl aber der Christen wegen; denn aus dieser Saat schießt sofort.ein Giftbaum hervor, der Neid, Habsucht, Verrohung und alle bösen Gelüste zeitigt', wodurch also das christliche Volk moralisch geschädigt und in allen seinen Beziehungen zum Ganzen demoralisirt wird. Bedürfte es für die Lehrerschaft noch eines äußeren Grundes, in diesem Sinne zu wirken, so möchte sie der Erfahrungssatz bestimmen, daß alle Zeit "die eintretende Reaktion zuerst gegen die Juden und die Schule sich kehrt. „O! macht lieber alle andern Tageszeiten des . Lebens trübe", sagt . Jean Paul in seiner „Levana", „nur bei Sonnenaufgang lasset es nicht ins Leben regnen." Hat doch die bayr. Lehrerschaft vor Jahren schon einen Akt des Hochsinns im Sinne der Zusammengehörigkeit all'-ihrer Mitglieder dadurch gegeben, daß sie ein, aus ihrer ureignen Initiative hervorgegangenes Lehrerwaisenstift für alle Konfessionen, also auch für die Angehörigen jüdischer Lehrer, gegründet hat, an dem sie auch partizipiren. Ich lebe von der, gnädigst von k. Regierung mir gewährten Pension und von dem, was mir meine guten Kinder geben. Dennoch möchte ich dem Stande dadurch ein schwaches Zeichen meiner Liebe zu Theil werden lassen, daß ich Dir per Posteinzahlung 50 Mki für genanntes Stift mit der Bitte übersende, sie dem Vorstand oder Kassirer, deren Namen Und Aufenthalt mir unbekannt sind, zu übermitteln." — Vermischtes. Antisemitische Bübereien. Die Wiener „antisemitische Holubek-Partei" hat — wie man uns schreibt — in jüngster Zeit ein ganz neues Mittel zur Propagation ihrer Prinzipien adoptirt: Sie hat „antisemitische Siegelmarken" erfunden und vertreibt dieselben in recht ingeniöser Weise. In eine Tabaktrafik tritt ein Herr (unser Korrespondent nennt hier einen jungen Mann aus vornehmer Familie und in einer Lebensstellung, in der man sonst gewöhnlich Besseres zu thun hat, als derlei Allotria zu treiben) und verlangt Cigarren. In dem Momente, in welchem die Verschleißerin diese herablqngt