Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1882)
- Date
- 1882-05-30
- Page
- Seite 365 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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\fK'' 365 Jeuilleton. Leopold Lompert. Wir leben in seiner Zeit der Jubiläen, und wenn wir auch zugeben, daß da und dort derartige Feste provocirt werden? so ist es doch andrerseits unleugbar, daß in unsrer Zeit bas Gefühl der Pietät mächtiger pulsirt als sonst. Wir Juden feiern auch Jubiläen. Es ist mir jedoch nicht bekannt, daß man das Jubiläum eines Juden begangen hätte, der ausschließlich den Vorzug hatte, reich zu sein, und doch giebt es reiche Juden. Wohl aber feiern wir jene Männer, welche sich entweder auf dem Gebiete des Judenthums oder auf einem andern Gebiete ausgezeichnet haben, und zu diesen Männern gehört vr. Leopold Kompert, der am- 15. Mai 1882 das sechzigste Lebensjahr beendete und zugleich das vierzigjährige Jubiläum als Schriftsteller beging. Das biographische Moment des Jubilars ist bald erledigt. Kompert' wurde am 15. Mai 1822 zu Müuchengrätz in Böhmen geboren.^ Kaum dem Knabenalter entwachsen, verließ er das Vaterhaus und ging nach Prag. Mit dem Ränzel auf dem Rücken- und einem Buche in der Hand zog er in die hundertthürmige Hauptstadt Böhmens:ein , welche zu jener Zeit noch nicht der Kampfplatz der Deutschen und Slaven war: Er studirte in Prag, späten in Preßburg, war dann Erzieher beim Grafen Audrassy und kam hierauf nach Wien. Hier war er anfänglich einige Jahre Erzieher der Kinder des Herrn Moritz Ritter v. Goldschmidt und widmete sich später ganz der Schriftstellerei. Seine ersten literarischen Arbeiten veröffentlichte er, wie üblich, in Zeitschriften, Almanachen rc. Sein erstes selbständiges Werk erschien in dem Sturmjahre 1848 und hatte den Titel: „Geschichten aus dem Ghetto", Leipzig, -Grunow. Diese „Geschichten" haben ihm sofort einen Namen gemacht. Hierauf folgten: ,> Böhmische Juden", »Am Pfluge", „Geschichten einer . Gasse ", „Unter Ruinen" re. ' Alle diese Werke haben zur Zeit ihres Erscheinens großes und berechtigtes Aufsehen gemacht. ' Sie waren einerseits actuell, da sie die Zustände und Verhältnisse, wie sie damals bestanden, schilderten. Sie waren aber auch vom Zauber der Poesie umflossen und gewannen' daher in den weitesten Kreisen-Leser. Sie hatten einen doppelten Erfolg,- die Juden lasen sie und erhoben sich an.denselben; denn von der Seite waren sie noch nicht öder nur in sehr geringem Maße geschildert. Es war Bein von ihrem Beine und Fleisch von ihrem Fleische , aber die Poesie hatte die Personen, mit denen sie lebten, unter denen sie wandelten, verklärt; und auf' Nichtjuden übten' ‘biefe Erzählungen einen besonder« Reiz aus und fesselten sia um so mehr , da sie keine . Ahnung von dem heheren - idealen Leben unter" den Juden hatten. 'Sie chatten bis dahin mit dem Begriffe Jude die abfälligsten Vorstellungen verbunden, und nun erkannten sie, daß die Juden denn doch etwas Anderes seien, als sie sich gedacht hätten. Die Verlagsbuchhandlung Louis Gerschel in Berlin veranstaltet eben jetzt eine Gesammtausgabe von Komperks Schriften in 60 wöchentlichen Lieferungen ä. 30 Pf., auf die wir alle Freunde einer guten Lectüre und insbesondere unsere Glaubensgenossen, die Sinn für Juden und Judenthum haben, aufmerksam machen. Es wird sich, wenn einige Hefte erschienen sein werden, die Gelegenheit bieten, Kompert als Dichter näher zu charakterisiren. Hier möchten wir zunächst ein Moment hervorheben. Kompert hat einen Rivalen, Bernstein in Berlin, und wahrlich wir wissen in vollem Maße „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" zu würdigen. Während jedoch Bernstein als Norddeutscher, als Preuße, mehr mit dem Geiste, mit dem. Verstände seine Compositionen schafft/ arbeitet Kompert als Oesterreicher mit dem Herzen. Wir wollen hier nicht 'auf die anderweitige,- . schriftstellerische Thätigkeit Komperfls eingehen (er war auch mehrere Jahre Redacteur des Feuilletons der in Wien erschienenen politischen Zeitungen: „Der österreichische Lloyd", und „Die österreichische Zeitung"); es mag jedoch hervorgehoben werden, daß er mehrere Jahre gemeinschaftlich mit dem um Juden und Judenthum hochverdienten Josef Ritter v. Wertheimer das Jahrbuch für Israeliten . herausgab und begründete er mit dem jüngst verstorbenen. Szanto die Wochenschrift für jüdische Interessen: „Die' Neuzeit". Kompert führte jedoch nicht bloß ein beschauliches Leben als Dichter; er suchte auch Praktisch zu wirken. Wir können hier zunächst nur seiner Wirksamkeit auf jüdischem Gebiete gedenken, müssen jedoch erwähnen, daß derselbe Landesschulrath . ist und war er mehrere Jahre Gemeinderath der Haupt- und Residenzstadt. Er verzichtete vor kurzer Zeit aus Gesundheitsrücksichten auf letzteres Ehrenamt. Als Gemeinderath verfaßte er seiner Zeit die Adresse der Eommunalvertretung der Residenz an das Kaiserpaar, als dieses die silberne Hochzeit feierte. Der Gemeinderath hat sich jetzt auch veranlaßt gesehen,-dem Jubilar das Bürgerrecht der Stadt Wien zu ver-^. leihen: Der Bürgermeister selbst überbrachte' Kompert das - Diplom. ' Auf die sehr herzlichen Begrüßungsworte des Bür- . . - germeisters Uhl erwiderte Kompert u. A.: „Wenn ich daran. - denke, wie ich' vor mehr als vierzig Jahren als siebzehnjähriger Knabe hilflos und verlassen, ichkann sagen als hungernder Student einzog nach Wien und wie mir jetzt die höchste Auszeichnung zu Theil wird, welche - die erste Stadt des Reiches zu vergeben hat, wenn ich mich, jetzt ihrem Mit- : bärger nennen darf, so macht mich das fast sprachlos." Kompert ist ferner Vorsitzender, des Zweigvereines der Schiller- -