Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1882)
- Date
- 1882-05-16
- Page
- Seite 318 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227414--39878-3257485- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
318 Regierung zu veranlassen, den Juden wirksam Schutz angedeihen zu lassen. Der Unterstaatssekretär Dilke wiederholte darauf gestern die schon früher vom englischen Cabinet abgegebene Erklärung: es sei ihm nicht bekannt, ob die Bereinigten Staaten in St. Petersburg Schritte zu Gunsten der jüdischen Bevölkerung gethan hätten; die englische Regierung sei aber der Ansicht, daß offizielle Vorstellungen in dieser Hinsicht eher ein ungünstiges als ein günstiges Resultat haben würden." (Dies ist die Antwort einer Regierung, an deren Spitze ein Mann steht, der einst die Einmischung seines Vaterlandes gegen den König Bomba in Neapel mit flammenden Worten forderte und erlangte, der mit seinen Anhängern gegen die Türkei wüthete, weil sie in Bulgarien, das in offenem Aufstande sich befand, Greuelszenen nicht verhütete, und mit der Forderungder Einmischung das Cabinet Lord Beaconsfield's stürzte! Jetzt hat er kein Wort auch nur einer diplomatischen Unterrednung. Aber allerdings Rußland ist kein Neapel und keine Türkei und die Unglücklichen sind r— Juden. Redakt. d. A. Z. d. I.) Der Artikel der V. Z. fährt fort: „Obgleich das Gerücht, die Großmächte würden in einer Collectivnote an die russische Regierung gegen die Judenverfolgungen Protest erheben, von Anfang an keine reelle Grundlage hatte, scheint man in Petersburg sehr beunruhigt dadurch zu sein. Das verrathen die Blätter verschiedenster Richtung. Jgnatiew's Blatt, der „Nowoje Wremja", verbirgt sich die Besorgniß hinter Grobheit. Wie uns ein Prioattelegramm meldet, sagt das Blatt nach Erwähnung der Jnterventionsgerüchte: „Die Herren Gesandten sollten sich die Mühe ersparen, weil sie sich sonst der Unannehmlichkeit aussetzen könnten, anstatt von Herrn v. Giers, nur vom Portier des Ministeriums empfangen zu werden." Der „Golos", das freisinnigste und verständigste unter den Petersburger' Blättern, behauptet, daß sich nichts Gefährlicheres für die russischen Juden denken lasse als Gerüchte über eine europäische Intervention, und will dies, wie folgt, beweisen: „Die russische Gesellschaft durchlebt gegenwärtig eine schwere Periode krankhafter Empfindlichkeit Allem gegenüber, was unangenehm ihre Natiönalehre berührt. Diese krankhafte Empfindlichkeit nutzen die russischen Antisemiten zu ihren Zwecken in der cynischsten Weise aus. Wenn anläßlich des letzten traurigen Ereignisses im Süden Rußlands in Westeuropa Gerüchte von der Möglichkeit einer ausländischen Intervention entstehen, so kann in der russischen Gesellschaft, die gegenwärtig über die antisemitischen Bewegungen tief empört ist, leicht ein Umschwung eintreten, der zur Folge haben kanndaß einige ohne Abscheu die jubelnden Tiraden zu lesen anfangen werden, welche die Antisemiten über die Emigration der Juden anstimmen." ' „Bon einer Empörung der „russischen Gesellschaft" über die letzten Greuelthaten gegen die Juden ist nichts wahrzunehmen, es sei denn, daßman diese schwer zu definirende Größe mit einem Artikel eines liberalen Blattes identificirt. Wenn die Empörung nicht blos latent wäre, so müßte sie doch nach einer oder der andern Seite sich wirksam äußern; aber weder die Regierung noch der antisemitische Pöbel mit oder ohne weiße Wäsche lassen sich'dadurch im Geringsten geniren. „Gegen alle Erwartung", sagt in dieser Beziehung unser heutiges Petersburger Privattelegramm, „wird der Judengesetzentwurf mit seinen berüchtigten seK Punkten auf Betreiben Jgnatiew's heute im Reichsrathe zur Verhandlung gelangen. Für den Fall, daß die Berathungen längere Zeit in Anspruch nehmen, wird das Ministercomitö sich mit einer Reihe temporärer Maßregeln beschäftigen, die Jgnatiew projectirt hat. — In „Nowoprage", so meldet uns unser Privattelegramm weiter, „wurden, wie jetzt erst bekannt wird, am 16. Slpril die Juden ausgeplündört. Gegen 2000 Tumultuanten hatten sich zusammen gerottet und demolirten sämmtliche den Juden gehörige Marktbuden und Häuser, nachdem sie alles jüdische Eigenthum nicht, wie anderwärts, vernichtet, sondern sorgsam mitgenommen hatten. Von den Juden- Häusern wurde nur eines gerettet, worin die Post logirt. Die Behörde hat achtzig Verhaftungen vorgenommen." - So weit das Berliner Blatt. Allerdings wäre es Unrecht, in dieser Angelegenheit England allein in Anspruch zu nehmen. Frankreich, das früher, .wenn es Marokko oder Rumänien betraf, mit allem Nachdruck die Vertheidigung der Menschlichkeit übernahm, schweigt gänzlich, und diejenige Macht, welcher gegenwärtig im europäischen Conzert ein gewisser Vorrang eingeräumt wird und die auf dem Berliner Congreß die einflußreichste Stimme führte, rührt sich nicht. Wir maßen uns nicht an, deshalb den Staaten Vorwürfe zu machen. Es ist nur unsre Pflicht, die Situation zu zeichnen: das Urtheil wird die Geschichte sprechen. Auch die „Allg. Zeitung" vom 2. Mai bringt einen Leitartikel, mit dessen abstruser Einleitung wir nicht rechten wollen. Er macht „dem spezifisch christlichen.Herrn Glädstone", sowie dem deutschen Reiche mit seinem „praktischen Christenthum" in ironischer Weise Vorwürfe, und stellt ihnen die nordamerikänische Union gegenüber, die in besonders freundschaftlichem Verhältniß zu Rußland steht. Er fährt fort: „Wie würde es erst auf die hartgesottensten Großrussen wirken, wenn Alles, was sich zur Civilisation zählt, eine gemeinsame oder doch gleichlautende Note nach St. Petersburg erließe mit der kurzen Andeutung: Europa und die mit ihm Gleichgestimmten erinnern den Grafen' Jgnatiew daran, daß das 14. Jahrhundert längst vorüber ist, und daß sie/wenn Rußland noch so weit zurück sein sollte, ihm die Türkei'als n achah'menswerthes Muster empfehlen, einstweilen aber jede