Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1882)
- Date
- 1882-01-17
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
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Untersuchung. Diese Orthodoxen sind sammt und sonders gut und „fromm" — auch ehrlich? Lemberg, 30. Dezember. Von hier wird telegraphirt: Heute wurden einige Arbeiter verhaftet, weil dieselben, die Warschauer Affaire besprechend, Drohungen gegen die Juden ausstießen. - Rußland. Warschau, 1. Jan. Wie der „Pol. Corr." aus Warschau gemeldet wird, herrscht seit der Rückkehr des Oberpolizeimeisters Buturlin vollständige Ruhe in der Bevölkerung und man betrachtet die Wiederkehr der Excesse gegen die Juden als ausgeschlossen. Die Zahl der Verhafteten ist bis auf 3000 gestiegen. Der effective Schaden wird approximativ auf 1^/2 Millionen Rubel geschätzt; doch könnte derselbe, wenn die' allgemeine Stagnation des. Handels und Verkehrs längere Zeit andauern sollte, größere Dimensionen annehmen. Jnsbesonders werden bedeutende Falliments befürchtet, falls das Ausland mit Creditentziehungen Vorgehen würde. Die Situation am 30. Dezember wird wie folgt geschildert: In der Stadt herrscht nun wenigstens äußerlich Ruhe, doch sind die Befürchtungen vor einer Wiederholung der tumultnarischen Vorgänge noch nicht geschwunden. Aus diesem..Grunde werden auch.noch heute alle öffentlichen Gebäude und- Banken von Militärposten bewacht und' nach wie vor ziehen starke Militär-Abtheilungen patrouillirend durch die Stadt, Die Zahl der in den ersten drei Tagen der Woche Verhafteten beträgt mehr als 2000; die meisten derselben sind halb erwachsene Bursche, welche offenbar weniger aus eigenem Antriebe als auf Commando exeedirten. Ein Drittel der Verhafteten besteht aus notorischen Spitzbuben, deren es in Warschau sehr viele^giebt, und der Rest, sind Handwerksgesellen, Arbeiter und auch einige Meister. Auf Befehl des Ministers wurden die Bursche nach Ertheilung von 50'. Ruthenhieben und einer energischen.Strafpredigt wieder in Freiheit gesetzt, wahrend den übrigen Verhafteten der Prozeß wegen Aufruhrs gemacht wird. Es muß anerkannt werden, daß sich der'gebildete Theil der polnischen Bevölkerung gegen jede Solidarität mit den Excedenten offen und Nachdrucks chst verwahrt und an den Sammlungen für die geplünderten Juden mit theilweise bedeutenden Summen betheiligt. .Warschau, 4. Januar. Die „Polit. Corr." schreibt unter diesem Datum: — Die besorgten Geschäftsstockungen sind in Warschau erfteulicher Weise, von einigen Zahlungseinstellungen? von rein localer Bedeutung abgesehen, nicht eingetreten. Eine allgemeine-' Revision bei verdächtigen Individuen hat zur Entdeckung zahlreicher. von.den Plünderungen herrührender Werthobjekte geführt, dieJ deyi Magistrate übergeben wurden. Für den Dreikönigstag und die nächsten' Sonntage wurden alle erforderlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen.. Die Fabriksbesitzer und Meister mußten unter eigener Haftung die Ueberwachung ihrer Arbeiter, Gesellen und Lehrjungen übernehmen. — Von den anläßlich der letzten Ruhestörungen Verhafteten sind 350 dem Criminal- . gericht übergeben worden; die übrigen wurden freigelassen. Kiew, im Dezember. Bon hier berichtet man: Seit dem 25; November tagt hier ein temporäres Militärgericht unter Vorsitz des Militärrichters Obristen W. v. Helmersen. Es handelt sich ausschließlich um die Judenhetzen, welche bekanntlich im August hier stattfanden und kolossale Dimen- - sionen angenommen hatten, welche mit offener Widersetzlichkeit gegen die Autoritäten verbunden waren, so daß nicht blos Truppen requirirt wurden, sondern auf die Aufrührer geschossen werden mußte. Die Sitzungen des Gerichts sind mit ungeheueren Schwierigkeiten verbunden, da die Zahl der Angeklagten und. Zeugen riesig ist. Die Anklage wird vom Prokuratorsgehilfen Kollegienrath Trajanowski geführt, die Verteidigung haben 2 Militärgerichtscandidaten und zwei vereidigte Advokaten. Als Sekretär fungirt Hofrath Michaiilowski. Es sind Sicherheitsmaßregeln getroffen, um das Gericht vor Gewalttätigkeiten zu schützen.- Der Geist in der Stadt ist kein guter. Bonn, 6. Jan. (Privatmitth.) Die aus.Petersburg zukommenden Briefe können nicht Worte genug finden, um die Verzagtheit zu schildern, die sich aller, unserer Glaubensgenoss en in Folge der Warschauer Vorgänge bemächtigt hat. Wenn so etwas in Warschau geschehen konnte, wo ein starkes Militär, eine gut organisirte Polizei und eine jüdische Bevölkerung von nahe 100,000 Seelen besteht, was kann nicht Alles in kleinen Städten sich ereignen! Ueber die weit verbreiteten Nachrichten von dem Verhalten vieler Polizisten und Soldaten in Warschau ist es. jetzt besser noch zu schweigen. Eine der jüngsten, nur wenige Tage alten Maßnahmen läßt wie keine zweite die Gehässigkeit gegen die Juden an's Tageslicht treten. Man hat allen im Innern des Reiches seßhaften jüdischen Apothekern die Coneession entzogen. Früher begünstigte man überall die jüdischen Apotheker. In Rußland kannte man früher eine ordentliche Apotheke gar nicht. Dieses Geschäft mit aller der peinlichen Ordnung, Aufmerksamkeit, Kunstfertigkeit und Wissenschaftlichkeit zu betreiben, haben die Russen erst von den Juden gelernt. Das 'Apothekerwesen ist von den Juden, in Rußland anerkannter- - maßen auf eine Stufe gebracht worden, daß die russische Apotheke mit jeder Collegin in der ganzen civilisirten Welt , concurriren kann. Ueberall in allen größeren Städten des. Reiches ließen sich jüdische Apotheker als gern gesehene, geschäftliche, wie wissenschaftlich gebildete Männer nieder. Der' rpssisch-jüdische. Apotheker ist ein hochnobler, hochge- 3*