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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-10-07 · Heft 41 (7.10.1879) · p. Seite 642

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 41 (7.10.1879)
Date
1879-10-07
Page
Seite 642 (sequence 3)
Language
German
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642 Das Unterrichtsministerium hat dann für Aushülfe durch! Parallelclafscn oder durch Errichtung eines neuen Gymnasiums; zu sorgen. Die Ausrede, das; keine Räumlichkeiten vorhanden, i ist in einer Stadt wie Pest Wohl die unstatthafteste. Gerade j darum aber, weil hierin die antijüdische Tendenz bereits aus den klerikalen Kreisen in die staatliche Region hinübcrgctreten ist, bedarf cs der äußersten Energie, um den Schlag abzuwenden. Denn es unterliegt ja keinem Zweifel, daß das in der Hauptstadt gegebene Beispiel in der Provinz bald Nachahmung finden werde, und wir können es leicht erleben, daß die Ausschließung der jüdischen Schüler durch einen großen Theil des Landes geht und da ein festorganisirter Zusammenhang in der ganzen clcrikalen Welt besteht, so werden wir dieselbe Action bald auch in anderen Ländern gewahren. Um so weniger wäre es gerechtfertigt, unseren Gegnern durch die Errichtung jüdischer Gymnasien geradezu die Hand zu bieten. So gcscheidt müssen wir doch wohl sein, um, was von unseren erbittertsten Gegnern hcrrührt, von vornherein als verdächtig anzuerkenncn. Um unsre Ausschließung und Absonderung zu befördern, wird man die Errichtung jüdischer Gymnasien höchlichst beloben und sogar unterstützen. Ist aber erst die Absonderung vollzogen, so wird der Kampf gegen die jüdischen Lehranstalten beginnen. Man wird wie gegenwärtig in Belgien gegen die Staatsschulen Verfahren, der Elerus wird den jüdischen Schulen die Lehrkräfte abzuschnciden suchen, indem er allen Lehrern katholischer Eonsession die Thätigkeit an jüdischen Lehranstalten verbietet. Nun ist cs einerseits offenbar, daß die Errichtung eines jüdischen Gym'nasiums nur an den wenigen Orten überhaupt möglich ist, wo eine sehr große Anzahl Juden wohnt. Was nun mit der ungeheuren Mehrheit der Juden in allen übrigen Ortend Andrerseits genügen die vorhandenen jüdischen Lehrkräfte für Gymnasien durchaus nicht. Da bisher jüdische Lehrer von den Gymnasien ausgeschlossen waren und noch jetzt nur äußerst wenige eine Anstellung fanden, hat die jüdische Jugend -keine Veranlassung gehabt, sich zürn Gymnasiallehrfache auszubilden, naincntlich was die höheren Elassen betrifft. Uebcr Nacht aber können tüchtige Gymnasiallehrer nicht geschaffen werden, Nichts ist leichter als Lehranstalten auf dem Papiere zu schassen; schwieriger ist es schon, die nöthigcn Geldmittel, und sie sind in bedeutendem Umfange erforderlich, herbei zu schaffen; aber am schwierigsten, tüchtige Lehrkräfte zu erlangen, denn ungenügende verderbe,: bekanntlich mehr als sie nützen, kosten der Jugend die beste Zeit und bringen Generationen halb ausgcbildeter Subjcetc hervor. Für die jüdische Jugend ist dies aber das Gefährlichste. Denn einentheils neigt die jüdische Jugend in den osteuropäischen Ländern aus gegebenen Ursachen zu einer oberflächlichen Bildung, andrentheils können Juden nur durch bedeutende Tüchtigkeit zu einer soliden Carriere gelangen. Säwn diese Mangelhaftigkeit widerräth die Errichtung jüdischer Gymnasien. Am meisten aber die von uns im vorigen Artikel hervorgehobene unverrneidliche Einseitigkeit. Innerhalb der jüdischen Kreise selbst wird ein solches Gymnasium bald zum Zankapfel der Parteien werden. Die Orthodoxie wird dagegen anstürmen, weil sie es in den Händen der „Aufgeklärten" erblickt und dem orthodoxen Judenthume nicht genug Spielraum gewährt wird. Gerade dies aber wird die Direction veranlaßen, möglichst den Anforderungen der orthodoxen Seite zu genügen und der einseitige Charakter wird sich bald entschieden entfalten. Dies ist aber gerade das Gegentheil von Dem, was das Gymnasium beabsichtigt, was es zu erstreben hat. Das Gymnasium soll die Unterlage zu einer echt wissenschaftlichen und humanen Bildung geben. Die Hauptgegenstände des Unterrichts sind die classischen Sprachen und Literaturen, die Geschichte, die Mathematik, die Elemente der Naturwissenschaften. Daß der Religionsunterricht nicht fehlen darf, versteht sich von selbst, und Niemand, der unsre Bestrebungen und Arbeiten kennt, wird uns absprechen, daß gerade wir für die Herstellung und Entwicklung des jüdischen Religionsunterrichts an Gymnasien und Realschulen am eifrigsten eingetreten, am thätigsten gewirkt haben. Dieser Religionsunterricht soll mit den gedachten Gymnasialfächern in Einklang stehen und bei der Jugend extreme Ansichten verhüten und zur Ausgleichung bringen. Aber er darf die Gymnasialstudien nicht so beherrschen wollen, daß deren Geist und Erfolg verkümmert werde: er darf sic nicht derartig verdrängen und beschränken wollen, daß ihre Resultate bis zur Dürftigkeit herabsinkcn. Er darf nicht jenen Standpunkt herbeiführen wollen, auf welchem die Wissenschaft zur Magd der Theologie erniedrigt wird. Er muß den aus echter wissenschaftlicher Bildung fließenden Geist der Humanität verklären und mit wahrhafter Religiosität durchquicken; aber er darf ihn darum nicht bekärnpfen und verdrängen wollen. Vergessen wir doch nicht, daß wir Juden diesen: Geiste der Humanität die Vernichtung der Ghetti und eine menschenwürdige Existenz zu verdanken haben Er ist es aber auch, der die unaufhörlichen Angriffe der Gegner auf diejenigen staatlichen Institutionen, in denen sich dieser Geist der Humanität, des Menschenrechts und der Liebe verwirklicht hat, abwehrt und erfolglos macht. Würde er die Obhcrrschaft verlieren, so wären wir, nicht blos in unserer Stellung, in unseren Lebensverhältniffen, sondern auch in unserer Existenz, in unserem Leben selbst gefährdet. Halten wir daher Alles von uns fern, was diesen: humanen Geiste cntgegenwirkt und was uns der Ansprüche auf ihn beraubt. Der Gymnasialunterricht muß mit der religiösen Unterweisung Hand in Hand gehen; aber er darf weder überhaupt, noch bei und für uns dem religiösen Fanatismus, der religiösen Einseitigkeit zum Opfer fallen!

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