Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1879)
- Date
- 1879-09-16
- Page
- Seite 604 (sequence 12)
- Language
- German
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604 Kreisen oft in die öffentliche Discussion. Bekanntlich finden sich ater in der Thora genügende Stellen, welche erweisen, das; der Unsterblichkeitsglaube im israelitischen Volke selbst lebte und wirkte. Vor Kurzem veröffentlichte ein Herr Georges Pouchet im Si,'-cle einen Artikel darüber. Ihm antwortete in demselben Blatte der berühmte Historiker Henri Martin, und Nur beben seine Ansicht hier hervor, tveil sie mit der übereinstimmt, die wir bereits 1 S(>2 im 2. Bande unserer „Ausführlichen Neligionslehre" S. TM anssprachen und seitdem oster in diesem Blatte behandelten. Martin meint nämlich, das; Moses so Verfahren wäre, in der Reaetion gegen Aegypten. Zn Moses Zeit waren die tiefen und einfachen Glaubenssätze des primitiven Aegyptens entartet und unendlich verwirrt; man vergas; in der Gegenwart zu leben, indem man nur an das zukünftige Leben dachte: man erschöpfte sich in unzähligen Zeremonien, um den Schutz der „guten Todten" der wohl- Ihätigen Geister zu erlangen und die bösen Einflüsse der „schlechten Tobten", der Feinde der Menschen zu beseitigen. Moses führte Alles auf den Glauben an den einzigen Gott zurück, der die Menscher; auf Erden belohne oder bestrafe. Der französische Kritiker hätte seine Ansicht noch weiter führen müssen, wie wir es gethan. Aus dieser Entartung des Unsterblichkeitsglaubens entsprang für 'das ägyptische Volk der Despotismus der Priester und der Könige, und diese saugten gemeinsam das Volk aus durch die Opfer, die es für die großartige Todteubestattung und für die einigen Geschenke und Opfergaben zu Gunsten der verstorbenen Vorfahren bringen inußte. Jeder Schritt in den Ueberresten des ägyptischen Aller-- thurns und säst jede Zeile auf den Papyrusrollen zeugt von dem ungeheuren Umfang der Todtenfeier und Todtenseste Alles dies widersprach total sowohl dem Monotheismus an sich als dem Geiste der Freiheit, der in den mosaischen Institutionen verwirklicht werden sollte. Der Einfluß der Ultramontanen und Pietisten. Nichts ist gewöhnlicher, als daß die „frommen" Parteien in allen Aieligionsgenossenschasten, besonders die ultramontane und die protestantisch pietistische, sich gebahren, als ob sie das ganze Volk hinter sich hätten. Wer ihre Preßorgane ließt oder ihre Reden in öffentlichen Versammlungen hört, könnte glauben, das; ihre Macht und ihr Einfluß außerordentlich sei, so daß Jeder, der nicht zu ihnen gehört, sich davor fürchten müsse. Fassen wir aber die T Hatsache ins Auge, so schrumpft diese Macht und dieser Einslus; sehr zusanunen, und gerade diese Parteien bedürfen zur Erhaltung ihrer Anstalten der Staatsuns städtischen Mittel mehr als irgend eine andere. Dies ist freilich ein Grund n;ehr für sie, nach der Herrschaft innerhalb der Staatsregierungen zu streben. Der Enthusiasrnus ihrer Heerfolge reicht nur bis zum Wort und höchstens bis zur Wahlurne. Es ist deshalb interessant, dann und wann solche Thatsachen zu sammeln. Die pietistische Partei in Berlin hatte beschlossen, ein Kapital zu sammeln, um einen strenggläubigen Lehrstuhl an der Berliner Universität zu fundiren. Die Herren von Kleist-Retzow und Graf von Kraffow, die an der Spitze des UVernehmens stehen, erklären jetzt, daß das Resultat der Sannnlung so gering ausgefallen ist, daß der Plan aufgegeben werden müsie. Man vergleiche dies mit den Bestrebungen bei den Juden, jüdisch-theologische Lehranstalten zu gründen! — Ein anderer Fall. In diesen; Blatte tvurde schon erwähnt, daß der-katholische Bischof von Cincinnati mit c. 4 Millionen Dollars Schulden Bankerot gemacht hat. Es ist dadurch eine ungeheure Dioeösanschuld aufgehäuft. Man schritt nun dazu, durch Sammlungen diese Schuld zu verringern, wenn nicht abzutragen, und das Resultat der Sannnlung war — 800t) Dollars! Aber noch mehr. Man hinterlegte diese SUÜO Dollars bei einer streng katholischen Firn;a G. H. Büssing u. Comp., und diese — hat jetzt sallirt! Nathan der Weise in Frankfurt a. M. vor hundert I a h ren. Ein Frankfurter Blatt zieht einen Beschluß des ehrenwertben Raths der Stadt Frankfurt aus dem Jahre 17 7ü ans Licht, der folgendermaßen lautet: He-olmum cur am <lujuitMtioiM! onl. Brachte der ältere Herr Bürgermeister mündlich vor, was maßen in letzter Leipziger Messe von den; Gotthelsf Ephrain; Lessing ein Drama unter dem Titel: „Der weise Nathan" erschienen seye, welches den ska;;daleusesten Inhalt in Rücksicht der Religion enthielte, weßhalben Er anheim stellen wolte, was gegen dieses verdächtige Buch Vvrznnehmen sei. ('uinmiitatnr den; öfteren Herrn Bürgermeister, sogleich bei allen hiesigen Buchhändlern herun;zuschiclen und dieses Drama Nachdruck sinnt zu verbiethen." Ausgeführt Mai 1779 laut beigefügten Berichts des Kanzlisten Heinrich Bernard Beilermann. — Das ist auch ein Stücklein aus der guten alten Zeit. Ist es da zu venvunderu, daß einige Jahre früher ein Paar jüdische Zeloten die deutsche Pentateuchübersetzung von Mendelssohn verbranntend! Uebrigens ist dieser Erlaß des Frankfurter Rathes Wohl die beste Verherrlichung Lessings, ein glänzendes Zeugnis; für seine erhabene Mission! Das Recht des deutschen Kaisers. Noch in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts galt cs als ein staatsrechtlicher Grundsatz, das; jeder neue römische König oder Kaiser das Recht habe, alle Juden im Reiche des