Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1879)
- Date
- 1879-09-16
- Page
- Seite 599 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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599 ml ganze ultramontane Presse verbreiten zu wollen. Dies nennt man Eintracht, Brüderlichkeit! Wie? diese frommen Männer mit Einem, der sich selbst „confessionslos" nennt? Gemach, der „Confessionslose" sagt, das; er Alles gegen die Inden, „um des Christenthums willen" thut — freilich auch eine Behauptung, die nicht nach rationeller Logik schmeckt also bei einem solchen Zwecken kann sich der „Fromme" mit ihm verbinden. Wir sind aber noch nicht am Ende. Einen Lieblingsgedanken dieser Leute drückte jüngst die „Germania" so aus: „Redet man über Juden, so denkt man gar leicht an Wucher, und bei dem Worte Wucher lenken sich die Gedanken oft schnell auf die Juden. Diese Jdeenverbindung ist der ganzen Christenheit geläufig, vorzüglich aber in denjenigen Ländern, die besonders reichlich mit Juden gesegnet sind. Die Ueberzeugung von der Nichtigkeit jener Gedankenverbindung zwischen Juden und Wucherunwesen ist auch so stark, daß man dreist behaupten kann, es giebt kaum eine Thalsache, in der die öffentliche Meinung Europas so einig ist, als in der, daß die Juden in einer ganz unverhältnißmäßig großen Procentziffcr an dem Wucherunwesen betheiligt sind." - Halt! die Herren von der „Germania" vergessen eine andere.Thatsache — welche Jdeenverbindung wird in der ganzen Christenheit mit dem Worte „Jesuit" verbunden? Wenn wir nun erwiedern: überall wird mit dem Namen „Jesuit" eine Vorstellung von moralischen und politischen Eigenthümlichkeiten verbunden, die wir nicht näher bezeichnen wollen — nun, lassen die 'Herren die Allgemeinheit dieser Vorstellung, die eine Thatsache ist, als Beweis für die Nichtigkeit derselben gelten?!! Und doch, welcher Unterschied! Jene Vorstellung von den Juden ist eine geschichtliche Erbschaft aus einer Zeit, wo man die Juden zum Wucher gezwungen hat, diese geschichtlichen Verhältnisse haben sich geändert, und jetzt ist jene Vorstellung eine — unertviesene Verleumdung. Hinsichtlich der Jesuiten hat sich Nichts geändert. Ueberhaupt: man sagt dem Volke jeden Tag' vor, die Juden sind Wucherer, die Wucherer sind Juden — gerade wie die Juden sind Liberale, die Liberalen sind Juden — und dann sagt man, das ganze Volk meint, die Juden sind Wucherer! Und das sind Männer, die sich als Verfechter der Religion ausspielen, die einen Jeden, der nicht zu ihrer Fahne schwört, für „gott- und sittenlos" erklären, die sich als Streiter für „Wahrheit und Recht" ausgeben! O diese Heuchelei! — Nun, unser bestes Argument bleibt: Treibt Euer Spiel nur bis in's Aeußerste, bis in's Tolle hinein — desto weniger kann es wirken, desto schneller wird es verpuffen! — So gern wir möchten, wir können noch nicht schließen. Jüngst verstiegen sich die Historiker der „Germania" zu dem Blödsinn: die Juden, die Atheisten und Materialisten haben den christlichen Grundsatz „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst", aus dem christlichen Staate verdrängt und dieser muß wieder hineingebracht werden. Nun ist es doch bekannt, daß dieser Grundsatz ein ' jüdischer ist und daß der jüdische Staat und die jüdische Gesellschaft bisjetzt die einzigen waren, welche diesen Grundsatz nicht als einen bloßen Lehrsatz behandelten, sondern gesetzlich zur praktischen Ausführung brachten. Man lese z. B. die Vorschriften des jüdischen RitualgeseUes über Zedakah und Gemiluth- Chessed. Alsdann mögen uns doch diese Historiker den christlichen Staat nennen, in welchem dieser Grundsatz wirklich der herrschende war. War es ettva der Staat Karls des Großen, j und ist dafür das Hinschlachten der Sachsen ein Beweis? War! cs der Feudalstaat mit seiner Ausbeutung der Leibeigenen V. auch mit dem .in* primae noctis? war es Spanien mit! der unbedingten Herrschaft der Kirche? War es der absolutistische : Staat in welchem der Wille Eines Gesetz tvar und lvo bis-; weilen die Landeskinder nach Amerika verkauft tvurden? Nein, 1 der einzige Staat, in welchem dieser Grundsatz ausgeführt zu : werden begonnen hat, ist der moderne Rechtsstaat, welchen der , Liberalismus geschaffen hat, und es sind gerade die Anhänger und Gcnoffen der „Germania", welche diesen Staat und jenen - Grundsatz wieder Umstürzen wollen. Doch solchen Angriffen i gegenüber können wir uns nicht allein auf der Defensive halten. Aber auch dann sind wir zurückhaltend genug, wir lassen vielmehr John Lemoinnc im Journal des Debüts vom 3. Sept sprechen, und bescheiden uns, ihn nicht selbst zu übersetzen, sondern eitiren die „Köln. Zeitung" desselben Datums. Es heißt da: „Ueber das Thun und Treiben im elericalen Laaer äußert heute das Journal des Ddbats: „Wer sich überzeugen will, wie weit die Unterwürfigkeit und Verknechtung des Episeopats unter der Hand der Partei, die jetzt die Kirche beherrscht, geht und wie tief diese Leute das Christenthum wieder ins Heidenthum zurücksühren, der lese in den kirchlichen Blättern und Blättchen die Beschreibungen der Pilgerfahrten nach Lourdes und Salette. Es ist, als suche in unserm großen Zeitalter der Wissenschaft der Aberglaube Rettung und Macht in einer Verdoppelung der Ungesundheit und werfe sich mit Haut und Haaren auf das Credo «jni a absurdum." Das Journal des Dubais schildert das Treiben bei den Heilungen und meint: „Das also macht man aus der christlichen Religion! Eine Theatervorhalle und einen Mincralwasserkram. Und diesen ganzen Mummenschanz sollen wir als Religion hinnehmen! Aber es ist kein Gott und kein Christus mehr in dieser Kirche des Jahrmarktes und der Kramwaare. Sie ist ein Wachssigurencabinet. Und mit diesem Unterrichte will man neue Generationen bilden! Das Ergebniß ist leicht vorherzusehen: diejenigen, die von diesen Waffern trinken, werden Idioten, und diejenigen, tvelche sich weigern, werden Atheisten. Das sind die ztvei Classen, in welche die neue Religion die Nation zerspalten tvird." — Man bemerke Wohl, daß diese Uebersetzung nicht vollständig den Text und in dcffen ganzem Nachdruck wiedergiebt. Möge die „Germania", tvenn sie es vermag, solche Angriffe von christlicher Seite lieber zurückzuweisen suchen, als immer