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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-09-09 · Heft 37 (9.9.1879) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 37 (9.9.1879)
Date
1879-09-09
Page
Seite 586 (sequence 10)
Language
German
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586 Corbin will die Juden von der Benutzung der Bäder in Eoney Island, von der kleinen Eisenbahn, die dahin führt, und vom Manhattan-Hötel, deren Dirigent er ist, ausschließen. Als Grund giebt er an, daß sie in ganzen Familien anlangten, sich; der Stühle bemächtigten, die ersten Reihen bei der Musik ein-; nehmen, schlechte Cigarren rauchen und dadurch die wohler- | zogenen Gentlemen entfernen. Daher eine lebhafte Bewegung i in der zahlreichen jüdischen Bevölkerung in New-Uork. Es wurden Versammlungen und viele Reden gehalten. Der Reverend Henry S. Jacobs betrachtete die Angelegenheit von Concy Island als Vorläufer von ernsteren Manifestationen des Geistes der Intoleranz. „Die Zeit ist vielleicht nicht sehr fern, sagte er, wo die Bigotterie und das Vorurtheil ihren! Kreis zu erweitern suchen, wo die Juden von den öffentlichen! Vergnügungs- und Zerstrcuungsörtern, von den Theatern und Hotels, ausgeschlossen werden und wo sie, wie die Neger zur' Zeit der Sclaverei, von den anderen Classen getrennt, in bej sonderen Wagen durch die Straßen der Städte des freien Amerikas fahren müssen." Der Reverend 1 )r. Baar zeigte sich weniger pessimistisch und weniger bitter. Er gestand zu, daß nicht alle Classen der jüdischen Bevölkerung sich gleicher Weise durch Eleganz des Anzuges und der Gewohnheiten auszeichnen, aber sind denn die Sitten der amerikanischen Gesellschaft tadelfrei? „Sehen wir nicht", sagte er, „selbst unter den sogenannten hohen Classen, junge Leute, welche Tabak kauen, welche ihre Füße auf die Stühle und Tische legen, welche sich in der Unterhaltung Ausdrücke bedienen, die ganz exclusiv jenem Genre der Sprache angchören, welches man Argot nenntV" Der Rabbiner schloß mit Klugheit und nicht ohne Malice daraus, daß man sich bemühen müsse, sich gegenseitig zu ertragen, und daran arbeiten, seine Fehler zu verbeffern, um so den glücklichen Tag herbeizuftthren, wo „die Religiönsverschiedcnheiten die Beziehungen des Menschen zum Menschen nicht mehr trüben." Dies ist auch die Meinung eines würdigen presbvterianischen Geistlichen, des Reverend Alfred Mormont, der entschieden die Verteidigung der Verfolgten von Concy Island aufnahm und der zu ihren Gunsten nicht nur die Grundsätze der Toleranz, sondern auch die statistischen Ziffern in Anspruch nahm. „In Amerika und in Europa", sagte er, „giebt es heute 0 Millionen Juden. Drei Jahrhunderte vor Christus eristirten nur Millionen. Drei Jahrhunderte nach Christus war ihre Zahl auf 7 Millionen ungefähr gestiegen. Sie haben sich also bis aus unsere Tage immer vermehrt. Von diesen V Millionen sind 2 Millionen sehr reich und G2,f>00 von ihnen üben einen bedeutenden Einfluß auf die finanziellen Weltmärkte. 15^< »Juden gehören zu den reichsten Männern dieser Republik und der Reichthum ist der Begleiter der Macht. Es giebt keine Arme unter den Juden; die Existenz ihrer Wittwen und Waisen ist gesichert. Es befinden sich unter ihnen weniger Mörder, weniger verlorene Frauen als unter den anderen Racen. Diese Thatsachen sprechen zu ihren Gunsten. Sie beweisen, daß sie als Volk nicht nur würdig sind. Rechte zu besitzen, sondern auch, daß sie fähig sind, sie auszuüben." So wohlgemeint diese statistischen Angaben sind, so irrig sind sie doch. In Europa und Amerika zusammen wohnen nicht viel über 5) Millionen Juden, und woher der presbyterianische Reverend die Zahlen betreffs der reichen Juden genommen, so daß unter (J Millionen 2 Millionen sehr reich sein sollen! (!!) ist uns völlig unbekannt. Schon die Angabe, daß es unter den Juden keine Dürftigen gebe, bezeugt seine Unkenntniß der Sache. Er sollte sich nur nicht blos in den östlichen Ländern Europas, sondern z. B. in Amsterdam und London umsehen, um der entgegengesetzten Meinung zu werden. Solche extravagante Auslassungen sind aber schädlicher für uns, als die Handlungen eines Hilton oder Corbin, denn sie erregen Nerd und Haß, und sind doch völlig unwahr. Das .loni-nul des Udbats, dem wir das Obige entnehmen, schließt mit der Bemerkung, daß .die Amerikaner nichts verlören, wenn sie einigen Unterricht in der Toleranz dem alten Europa und selbst China entlehnten." New-Ol'leans, inr August. Auch manchen unsrer Leser ist cs wohl ausgefallen, daß in der sechsten Versammlung der amerikanisch-jüdischen Gemeindeunion (s. Nr. d'6 S. 5,14) ein Rev. Moses ans Mobile (Ala). — der übrigens noch mehr Sonderbarkeiten vom Stapel ließ — über die Lage der Juden im Süden sprach und sie als bedauernsiverth bezeichnete. Während man hier (New-2)ork> von allem möglichen Luxus umgeben in Palästina wohne, stürben im Süden die Brüder fast vor Hunger. Er bat die Delegirten, sich der Armen, lvelchen cs an Synagogen und religiöser Erziehung fehle, anzunehmcn, da sie sonst leicht zum Christenthum übergehen dürften. Die „New-Orleans deutsche Zeitung" enthält nun hierüber folgenden Artikel. Wir trauten kaum unfern Augen, als wir das lasen, und wir glauben auch annehmcn zu dürfen, daß unsere Leser, auch die jüdischen, den Kopf dazu schütteln und verwundert fragen werden: wie kommt der Mann zu einer solchen Behauptung? Hat wohl Jemand im Süden, und speciell in den Städten des Süden, wo die Israeliten der überwiegenden Mehrzahl nach zu finden sind, einen bettelnden, hungernden oder gar einen verhungernden Juden gesehen — außer es müßte ein Arbeitsscheuer „Tramp" oder ein Spitzbube geivesen sein, den jede Judengemeinde von sich stößt? Wir kennen doch auch, und zwar aus persönlicher Anschauung, die Verhältnisse, in denen die im Süden ansässigen Juden leben, und wir wissen nicht anders, als daß uns keine Religions-Gemeinschaft, als solche, bekannt ist, deren Bekenner im Süden so leicht, so gut sortkommen, so oft wohlhabend, ja reich werden, wie gerade die Juden, und auch keine die so eifersüchtig > darüber wachte, daß kein Glaubensgenosse, ob gesund oder krank, j Noth leide, wie gerade die Juden.

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