Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1879)
- Date
- 1879-07-29
- Page
- Seite 492 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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492 Bemerkung hervor: „Wenn bei solchem Unterrichte Geist und Gemüth nicht völlig versumpften, so ist es nur allein, wie ich an mir erfahren zu haben vermeine, dem Umstande zuzuschreiben, daß in dem, wenn auch nur im verwahrlosten jüdisch-deutschen Dialcct zugleich mit dem Wortlaut der Ursprache überlieferten Inhalt der heiligen Schriften, besonders in den Erzählungen der Genesis und der historischen Bücher ein unsterblicher Funke von Poesie lebte und waltete, der selbst durch die unbeholfene Form dieser rohen Lehrmethode mit göttlicher Gewalt aufblitzte und die Einbildungskraft der Kinder mit Bildern voll Hoheit und einfacher Größe, ihr Herz mit rührenden und veredelnden Empfindungen erfüllte und solcher Gestalt eine vom dem Lehrer nicht beabsichtigte geistige Nahrung vermittelte, an der der bessere Theil der kindlichen Natur sich, wie eine zum^ Lichte strebende Blume, mitten aus ödem, wüsten Gestrüpp zu freudigem Wachsthum erhob. Freilich war der freigestaltenden Phantasie des Kindes das Meiste überlassen , und die Vorstellungen, die es sich von den sagenhaften und geschichtlichen Personen und Vorgängen des biblischen Alterthums bildete/ mögen bei dem Mangel jeder fachlichen Nachhülfc und Eorrectur von Seiten der Lehrer, die sich mit der bloßen mechanischen Textübertragung begnügten, — allenfalls noch aus den Eommcntarien einige legendarische Ausschmückungen hinzufügend, — sonderbar genug ausgefallen sein. Der Emir Abraham glich da wohl mehr einem alten Rabbi aus dem Beth-hamidrasch; die Feldherrn Abner und Joab preußischen Jnfänteriegenerälen mit Ordensband und Federhüten u. dgl. Aber der tief poetische Grundzug aller dieser Gestalten, das Hohe und Machtvolle ihres Lebensinhalts, wußte sich gleichwohl durch alle Bernnunmungen und Verunstaltungen Bahn zu brechen, und übte seinen Zauber auf das kindliche Gemüth, welches sich mit nie zu sättigender Lust, wenn auch von einem ungeschultcn und! unwissenden Cicerone planlos umhergeführt, in jener Wunder- Welt der Vorzeit erging und manchen damals vielleicht unbeachteten und unverstandenen Fund als kostbaren Schmuck für das ganze Leben im stillen Busen verborgen davontrug." — Hier war es nun, wo auch die Mendelssohn'sche Übersetzung den ersten Lichtstrahl hineintvarf, und es ist Wohl gerade an der Zeit, diese denkwürdige Einwirkung an einern noch lebenden und früchtereichen Beispiel zu zeigen. Der Verfasser hat mit mehreren anderen Knaben einen. Privatlchrer erhalten, einen jungen Autodidacten von höherem Streben. Es heißt dann: „Das größte und von mir nicht dankbar genug anzuerkennende Verdienst des wackeren H. war, daß er uns den Pentateuch nach der bis dahin eine terra incognita in der ganzen Gemeinde gewesenen Mendetssohn'schcn Uebersetzung beibrachte, die wir natürlich Wort für Wort allswendig lernen mußten. So sehr man vielleicht geneigt sein würde, heut zu Tage diese etwas mechanische Methode zu tadeln, so bewährte sie sich unter jenen Vcrhältniffen auf's Vortrefflichste. Die hochdeutsche Schriftsprache war uns völlig fremd, ihre Laute und Ausdrücke, ihr Wortschatz und ihre Redewendungen, deren Verständniß uns meistens erst durch den dem Sinne nach uns schon bekannten hebräischen Urtext vermittelt und erschlosien »vlirde, blieben durch jene Uebersetzung in unsrem Gedächtnisse haften und nicht lange dauerte es, so gewannen wir eine Art instinctives Gefühl von der Kraft und Majestät, zugleich von der Lieblichkeit und Innigkeit unserer neuen Muttersprache. All uns Kindern betvährte sich denn recht augenscheinlich die große culturgeschichtliche Bedeutung des Mendelssohn'schen Werkes, durch welches die jüdische Bevölkerung Deutschlands für dieses, oder noch besser dieses für jene, wenn auch langsaln, so doch um so sicherer erobert worden ist. Die gehobene, schwungvoll-bilderreiche lmd doch so scharf und genau den Begriffen angepaßte, markige und eindringliche Sprache der Mendelssohn'schen Bibel prägte sich dem jugendlichen Geiste gleichsam stereotypisch ein, und wenn auch in der ersten Zeit dem Einzelnen wie der deutschen Sprachbildung unter den Juden überhaupt in Folge dessen ein getvisses ungesundes, weil übertriebenes und nicht richtig angetvandtes Pathos anhaftete, so dauerte es doch nicht allzulange, bis nach gemachter Bekanntschaft mit anderen Mustern, die geschraubte Schreib- ' und Ausdrucksweise von einer schlichteren und sachgemäßeren abgelöst wurde. Nun denke man aber nicht, daß dieser so fruchtbare Fortschritt in unsrer Geistescultur ohne Kampf errungen wurde. Noch glimmten, wie Funken unter der Asche, die letzten Neste der fanatischen Bannstrahlen, mit denen etwa fünfzig Jahre früher die starre Orthodoxie der Rabbiner die Mendelssohn'sche Uebersetzung verfolgt und dem Abscheu aller sronunen Gemüther preisgegeben hatte. Noch galt dieses Werk der zweiten Erlösung aus ägyptischer Finstcrniß und blinder Sclaverei als ein Werk der Verdammniß, als „Greuel der Verwüstung", bei der Mehrzahl unsrer Landsleute. Wenn nun die handwerksmäßigen Schullehrer schon aus geschäftlichen Rücksichten die unerwünschte Concurrenz des modernen Privatlehrers mit scheelein Neide betrachteten, so gab ihnen seine kecke Einschmnggelnrig des seelcnverderblichen Giftes — das ja trotz aller Vorsicht nicht lange geheim bleiben konnte — den erwünschten Vortoand zu unnachsichtiger Verfolgung des gefährlichen Neuerers. Das Mittel hierzu bot sich leider nur zu ' leicht dar. "Nach den damals schon von dem Minister v. Altenstein erlassenen, im Großen und Ganzen in unsrer Provinz aber nicht mit Strenge durchführbar gewesenen Verordnungen gegen die Ertheilung von Jugendunterricht durch ungeprüfte Lehrer, war es nicht gestattet, solche auch nur für den häuslichen Privatunterricht zu vertuenden. Und tvährend der Unfug der Ehederwirthschaft, trotz dein Minister, unter den Augen; der Polizei im üppigsten Flore unkrautartig sorttvucherte, gelang; cs der schmählichen Tenunciation des Brodneides, unausgesetzt i die Wächter des Gesetzes gegen unfern Mentor zu Hetzen.