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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-07-22 · Heft 30 (22.7.1879) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 30 (22.7.1879)
Date
1879-07-22
Page
Seite 470 (sequence 6)
Language
German
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470 und Elcmantarschulen, so drängt sich unwillkürlich ein Vergleich mit unsrer Stellung in Preußen auf. In einem Staate, wo ein Vernaysnoch immer außerordentlicher Professor ist, und wo man die jüdischen Gymnasial- und Realschullehrer noch mit der Laterne suchen muß, kann Wohl von einer wirklichen Parität nicht die Rede sein. Selbst in der nun abgeschlossenen Acra Falk kamen wir nur einige wenige Schritte vorwärts; etliche Ausnahmen machen noch keine Regel aus und auf die Regel kommt cs an. Mit dem Wechsel im Unterrichts-Ministerium Hellen sich unsre Aussichten noch weniger auf. Sollte die orthodoxe Richtung wieder die Oberherrschaft erhalten oder nur eine gewichtige Stimme in höheren Rathe, so ist es mit der Anstellung, jüdischer Lehrer wieder ganz aus. Es herrscht dann immer die Ansicht vor, das; jeder Schulunterricht selbst in den profansten Gegenständen von christlichem Geiste durchdrungen werden muffe, was jede Thätigkeit eines Nichtchristen ausschlicße. Fängt man einmal an zu vergleichen, so richten sich die Blicke auch noch anders wohin. In Belgien hat die Negierung trotz einer viel größeren Opposition ein Unterrichtsgesetz durchgebracht; in Frankreich geschieht dasselbe in diesen Tagen. In Preußen hingegen kann ein Unterrichtsgesetz nicht zu Stande kommen, cs wird immer und immer wieder zu den Acten gelegt. Wir kommen deshalb auf diesem so überaus wichtigen Gebiete weder aus dein Provisorium noch aus dem ministeriellen Belieben heraus. Dies zeugt von keiner Klarheit in den maßgebenden Kreisen, obschon man sich auf die Pflege des Unterrichts in Deutschland so viel zu Gute thut. Ich bin kein Partcimann und lasse das Gute mir gefallen, von tvelcher Seite cs auch komme. Aber wo ein Windthorst in den wichtigsten Angelegenheiten die Entscheidung in die Hände bekommen hat, kann ich mir nichts Gutes gewärtigen. Windthorst ist durchaus kein zweideutiger Charakter. Er hat sich stets als Particularist (althannoverscher) und als Römling bekannt. Aber diese beiden Eigenschaften mit ihren Conseguenzen müssen uns das größte Mißtrauen cinslößcn und den alten Spruch ins Gedächtniß rufen: Timoo Danaos et dona lerentes. Die Stellung, welche die ultramontane Presse seit Jahren gegen uns eingenommen, verstärkt diesen Argwohn im höchsten Maßö. So ist z. B. der „Germania" nichts verhaßter als die zu erwartende Gleichstellung der Juden in Rumänien, und sic ergießt ihre Galle auf die „Neue freie Presse", weil diese eine Action gegen Rumänien in Aussicht nimmt, wenn dieses dem Art. 44 des Berliner Vertrages durchaus nicht entsprechen wolle. So führt sie auch, um zum Anfang meiner Korrespondenz zurückzukommen, mit Behagen gegen die Wahlen an der Wiener Universität an, daß diese ein noch nie dagewesencs Ercigniß bilden. Bis Kaiser Joseph kl. sei den Juden die Erlangung des Doctortitcls so gut wie verschlossen gewesen, und als dieser hierin Erleichterungen gewährte, habe sich die _Univcrsität ausdrücklich dagegen Vcrtvahrt, daß je ein academischer Würdenträger ein Jude sein dürfe, was auch in der Thas bis zu diesem Jahre nicht der Fall gewesen sei. Nun, die Zeiten haben sich eben geändert, und nichts wäre schlimmer, als wenn die Verhältniffe noch so lägen, wie sie Joseph 1k. angetroffen. Daß sich diejenigen in diese Wandelung seit 100 Jahren noch innner nicht finden können und wollen, welche die alten Zustände wieder herzustellen allen Eifer anwenden, ist nicht zu verwundern. Es wird ihnen dies auch in Preußen nicht gelingen, wenn sie auch im Stande sein sollten, dies und jenes aufzuhalten, dies und jenes zurückzuschraubcn. Ein zeitweiliger Rückschritt fördert oft den Fortschritt am kräftigsten. Berlin, 9. Juli. (Privatmitth.) In einem Saale des Hohenzollernmuseums sind gegenwärtig die Gaben und Adreffen ausgestellt, die unserm Kaiserpaare zur Feirr ihrer goldenen Hochzeit überreicht worden sind. Unter den letzteren, die selbstverständlich ein wahres Museum der einschlägigen Kunstarbeiten bilden, zeichnet sich die Adreffe des Leipziger israel. Gemeindebundes ganz besonders durch Geschmack aus. Der Einband, dessen ausgezeichnete Arbeit den alten Ruhm Leipzigs in diesem Fache bewährt, besteht aus schwarzem Leder und seine Verzierung aus Kornblumen, welche in wirksamer und wahrhaft künstlerischer Weise stilisirt sind. Während man allenthalben diese historisch gewordene Blume in rein naturalistischer Weise verwendet sieht, hat der Leipziger Künstler es verstanden, diese schön gestaltete Blume zu einem edlen Motiv umzuwandeln, gleich wie einst die Wappenblumc der Bourbonen, die Lilie, zu einem ornamentalen Schmuck erst durch ihre Stilisirung wurde. J. 0. Berlin, 10. Juli. (Privatmitth.) Die durch hiesige Tagesblätter gegangene Mittheilung, daß im Westen Berlins sich eine neue Resormgemeinde, ähnlich der ältern, constituiren werde, hat hier in denjenigen intclligentern jüdischen Kreisen keineswegs überrascht, ivelche die hiesigen Gemeindeverhältniffe, namentlich auch das Gebühren geivisser hyperorthodoxcr Himmels- Pächter, alias Rebbe's, die durch ihre Taktlosigkeit und Unwissenheit Judcnthum und Juden geradezu bloßstellen, kennen und welche wiffen, wie gern unsere Zeit Extremen huldigt. Hoffentlich wird auch hier bald eine besonnene Entivicklung allgemein Platz greifen. Einige Zeit nach dem Amtsantritt des Dr. Buchholz in Emden petitionirten, ivie s. Z. in den Berichten des Abgeordnetenhauses zu lesen war, zahlreiche Gemeinden bei demselben um! Freigebung ihres Austritts aus dem Landrabbinats-Verbande.! Dieses Gesuch konnte damals nicht berücksichtigt werden. Neuerdings wollen, wie hier verlautet, jene und verschiedene andere j hannoversche Gemeinden ein ähnliches Gesuch, namentlich auch auf Grund des Austritts-Gesetzes, stellen. A. F. | Berlin, 13. Juli. (Privatmitth.) Es ist immerhin bei zeichnend, daß in der gestrigen Abstimmung des Reichstages; über das ganze neue Zollgesetz, ivelche 217 Stimmen für und

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