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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-05-20 · Heft 21 (20.5.1879) · p. Seite 333

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 21 (20.5.1879)
Date
1879-05-20
Page
Seite 333 (sequence 13)
Language
German
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333 selbst in seinem großen Aerger über das Fortbestehen des Judenthums anerkennen. Mein, eS muß sich doch gar zu angenehm wandeln diesen Weg der Extravaganzen, da nicht wenige zu ihm sich hingezogen fühlen, und man muß fürwahr, Herr Redacteur, Ihre Geduld bewundern, mit der Sie ausharren in dem Kampfe mit dieser Hydra des Glaubenshaffes; eine wahre Sisyphusarbeit! Da waren es, unter Anderem, die Theoreme des Pastor Todt, und mit ihnen bereinigten sich in brüderlicher Weise die praktischen Versuche des Hofpredigers Städter, um der Welt eines schönen Tages eine gar sonderbare Ueberraschung zu bereiten, eine Ueberraschung die umso frappanter wirken mußte, als der Impuls hierzu den größten Heroen der Wiffenschaft bis jetzt verschlossen geblieben war. Der Socialismus war es, der da vorgeführt wurde unter pomphaften Phrasen und im religiösen Geleite, und zwar so wundersam nach oben und unten, nach vorn und hinten geschraubt —, so malerisch ausstafsirt, modernisirt und costumirt — daß man den „Grünberger" Schneider unwillkührlich in der Nähe ahnen mußte. In der That, man muß es den Herrn Dank wiffen, daß sie uns — wenn auch nur zur Abwechslung — ein wenig hinaufführen ans der gewöhnlichen Atmosphäre des gesunden Gedankens, hinauf nach jenen Regionen „der Unverständlichkeit und Unbegreifbarkeit, wo Exegese und Logik auf dem gespannten Seile der Hypothese ihre lustigen Sprünge machen. Uebrigens glaube ich, daß diese Leute einander Werth sind. Todt verdient ohne Ztveifel den Stöcke! (der Herr verzeih' mir die Versündigung an seinen Namen) — und der Stöckel nicht minder — den Todt. Ja, davon zeugt schon der einheitliche Gedanke des Judenhaffes, der sie leitet, des Judenhaffes, der nun schon einmal da sein muß, um über die sonstigen Schwächen schriftstellerischer Machereien hinwegzuhelfen. Werfen wir nun noch einen Blick auf das in seiner politischen Genesung begriffene Rumänien, so muß uns wohl das tiefste Mitleid ergreifen über die Züge des Schmerzes und des Wehes, welche wir in seinem verdrießlichen Gesichte wahrnehmen; und warum nicht auch! Es ist eine schwer zu verschluckende Pille, welche ihm der Berliner Vertrag eingegeben hat. Darum sehen wir auch, wie es dieselbe, immer noch unentschlossen, im Munde umherwirft, während der Arzt auf ein endliches Verschlucken hartnäckig besteht. — Braver Arzt, kleinmüthiges Rumänien! Ich komme nun noch zu jener „Karlsbader Kleiderordnung", welche bekanntlich in Karlsbad im städtischen Rathscollegium eine eben so verdiente, wie gründliche Abfertigung gesunden hat. Wenn nun auch anerkannt werden muß, daß die dabei vorgewaltete höhere Weisheit sich erschöpft hat in Aufsindung von Präservativmitteln, welche das argbedrohte Schönheitsgefühl der Karlsbader vor den Attentaten polnisch-jüdischer Geschmacksrichtung schützen sollten — so hat man dabei doch Manches außer Acht gelaffen. Wir hier — der Heimathsstätte jener Unholde viel näher — begreifen bester, was da zu thun wäre, um ihnen ästhetischen Sinn und Gefühl für feine Sitte beizubringen. Man muß vor Allem wiffen, daß es in dem Naturell des polnischen Juden liegt (es ist nicht kleinlicher Berechnungsgeist), jede ihm angethane Kürzung in anderer Weise wieder an sich zu ergänzender besitzt so eine Art von Reproductionstrieb. Je mehr man dort drüben seine bürgerlichen Ansprüche und Menschenrechte schmälert und kürzt, desto länger läßt er seinen Nock wachsen, und so nahe schon der Erde, ist gar nicht abzusehen, wohin es noch gekommen wäre, wenn man drüben nicht inne gehalten hätte mit der Gewalt und dem Druck, welche man den Juden angeihan hatte. Es ist daher mit Sicherheit anzunehmen, daß jene inhunmne Kundgebung der Karlsbader die Röcke der dorthin reisenden polnischen Juden noch um einige Zoll verlängert hat. Anders wäre es gewesen bei einer loyalen, toleranten Begegnung. Ja, dann hätte man es erleben können, sie eines schönen Tages im kurzgeschnittenen Frack mit modernem Cylinder auf dem Haupte und Pincc-ncz auf der Nase an dem Gesundheitsbrunnen erscheinen zu sehen; aber so? — Sehen Sie,, geehrter Herr! dieses Alles sind Auslastungen, welche die streng gezogenen Grenzen journalistischer Etiqnette nicht gern gut heißen, tvährend sie dennoch in dem Seitenplätzchen einer Zeitung vielleicht manches Gute schaffen könnten. Darum obige, an Sie, geehrter Herr, gerichtete Frage, welche auch bei etwaiger Verneinung das Bewußtsein in sich tragen wird, mit zu denjenigen zu gehören, welche die gute Absicht jemals zu Tage gefördert hat. Moritz Scherbel. Anzeigen. sind ausschliesslich.an die Annoncen-Hxpedition von Rudolf Mosse in Leipzig oder deren Filialen in Berlin, Breslau, Chemnitz, Cöln aRh., Dresden, Frankfurt aM., Halle a S., Hamburg, London, Magdebürg, München, Nürnberg, Paris, Frag, Strassbnrg i E., Wien, Zürich zu adressiren. in Gold, Silber, Seide rc. für Synagogen, Vereine u. s. w. fertigt höchst elegant und kunstvoll Frau Rosalie Reiter, erste Handarb.-Lehrerin der jüd. Industrie-Schule, Breslau, Unterbär I. Allerhöchste Anerkennung Ihrer Maj. der Kaiserin, sowie Prima-Referenzen und Zeugniffe über gelieferte Arbeiten zu Diensten. (Br. 5585)

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