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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-04-22 · Heft 17 (22.4.1879) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 17 (22.4.1879)
Date
1879-04-22
Page
Seite 268 (sequence 12)
Language
German
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Also mach', was Du verbrochen. Schnell durch Liebesopfer lohnig! Herz und Auge, sie sind Eines; Was das Herz fühlt, schaut das Auge. Ja, das Herz, dem Aug' voraus fühlt's. Und das schaut alsdann das Auge. Herz ruft: schuldig bist Du, Auge! Und das Auge thränet leise. Und das Herz spricht: siehst Du, Auge, Das ist so, des Schuld'gen Weise! — Dein, Herz, sind die Doppelschulden, Doch Du willst Dich ganz entlasten — Sprich, wie nennst Du wohl den Schiffer, Bohrt den Kiel und kappt die Masten! Ein Morgen war's voll Lenzesfreude, Voll Vogelfangs und Blüthenduft — Um Mittag wölkte sich der Himmel Und Nebel strichen durch die Luft. Da blickst Du grimmig in die Höhe, Und wirfst dem Himmel Treubruch vor — Schau, wie des Abends Friedensprangen Der heil'gen Nacht erschloß das Thor! _ ''Fortsetzung folgt.) vermischtes. Du Bois-Neymond und das Judenthum. Es ist ein gefährliches Unternehmen, wenn ein Fachgelehrter, der in seiner Specialwiffenschaft sich eines großen und verdienten Ruhmes erfreut, sich beikoumren läßt, auch auf anderen Gebieten glänzen zu wollen und Reden in die Welt zu schicken, welche Sensation zu machen bestimmt sind. An dieser Klippe scheiterten schon oft bedeutende Männer, deren Verdienst und Ansehen auf ihrem eigenen Gebiete längst anerkannt war. Dem großen Naturforscher Du Vöis-Naymond ist . dies in letzterer Zeit wiederholt begegnet. Wir brauchen nur an seine Rede zu erinnern, in welcher er die Culturgeschichte der Menschheit zu behandeln versuchte, und in der er ausführte, daß die wahre Cultur erst mit der eigentlichen Naturwissenschaft beginnt, so daß die wirkliche Culturgeschichte erst mit dem Ende des vorigen Jahrhunderts anhebt. Wie bei solchem einseitigen Gesichtspunkte alle früheren Culturepochen des Menschengeschlechts wegkommen, kann man sich denken. Lehnte sich diese Rede immer noch an das Fach des Sprechers an, nur daß er, was ja verzeihlich ist, demselben eine Bedeutung und einen Werth beilegte, den ihm nur eine kleinliche Betrachtung des Menschenwcscns einräumen kann, so ging er in der zum Geburtstage des deutschen Kaisers am 28. März d. I. in der Sitzung der Berliner Academie der Wiffenschaften gehaltenen Rede noch weiter. Er sprach: „Ueber das Nationalgefühl" — also über einen Gegenstand, der schon vor der Naturwiffenschaft vorhanden war, und dem man mit dieser gar nicht beikommen kann. Nach dem Specimen, welches Dubois-Rehmond von seiner Geschichtskenntniß und Geschichtsbetrachtung gegeben' hat, vermag man sich im Voraus vorzustellen, auf welche Abirrungen er diesmal konnnen müßte. .Unter Anderem sagte er: „Eine ganz andere Gestalt, als bei den indogermanischen Vätern unserer Bildung, nimmt das Nationalgefühl bei den Semiten an. Die Juden sind sich das auserwählte Volk Gottes. Ihrer Meinung nach im Besitze des allein wahren Glaubens, der Kcnntniß des mächtigsten Gottes und der ihm allein gefälligen Opfer und heiligen Gebräuche, verabscheuen sie alle übrigen Völker als Götzendiener, gegen welche jede Gewaltthat ihnen nicht nur erlaubt däucht, sondern sogar durch Priestermund ausdrücklich befohlen wird. Ohne Staatsleben, ohne Kunst und Wissenschaft, gehen sie auf in einer auf besondere Zustände kleinlich zugeschnittenen Ethik. Geistliche Hoffahrt und Unduldsamkeit waren das ursprüngliche 'emitische Nationalgefühl,. welches die bittere Erfahrung der Unterdrückung freilich vielfach gemildert, ja in Nathan'sche Weisheit umgewandelt hat." Es versteht sich, daß wir mit dem verdienten Naturforscher über die falschen und nicht einmal originellen Ansichten, die er hier auskramt, uns nicht in einen Streit einlaffen wollen. Wenn ihm die israelitische Ethik mit dem „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", „gleiches Recht für Alle, Einheimische wie Fremde", „Stehe Niemanden in Gefahr ab und thue deinem Feinde Gutes wie er es bedarf", für „kleinliche" hält, und aus seinem Laboratorium eine höhere und segensreichere Ethik zu beschaffen vermeint, so mag er dies versuchen. Merkwürdig bleibt es jedoch, und das möchten wir dem Herrn Professor zu bedenken geben, daß ein so kleines und kleinliches Völkchen es so weit gebracht hat, daß cs einem so gewaltigen Naturforscher wichtig genug erscheint, sich über dasselbe in einer Academie der Wiffenschaften auszulassen und der gesannnten geliebten und verehrten indo-germanischen Welt gegMber zu stellen, vor deren Massenhaftigkeit und Größe es doch wie ein Sandkorn vor einer mächtigen Kugel, zusammenschrumpfen mußte! Wäre der Redner ein Geschichtsforscher wie er ein Naturforscher ist, so müßte er sich doch sagen: in diesem Faktum schon müffe eine geheime Größe verborgen liegen, der nachzugehen und die an's Licht zu ziehen, der Mühe Werth ist. Uebrigens wird wohl das alte Juda das alte Hellas um sein Nationalgefühl nicht beneiden, welches nicht allein zahlreiche kleine hellenische Staaten zuließ sondern sie in immerwährende blutige und verheerende Kriege untereinander um die Hegemonie stürzte, bis sie dann fast wehrlos die Beute des Macedoniers und dann die des Römers wurden.

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