Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1879)
- Date
- 1879-04-08
- Page
- Seite 236 (sequence 12)
- Language
- German
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236 schon durch ihre Erscheinung Unwillen erregen, beschlosten, daß nur anständig gekleidete Leute an den Brunnen erscheinen dürfen. Sobald eine unanständig gekleidete Person dem Brunnen naht, wird ihr das erste Mal ein gedruckter Zettel eingehändigt, der sie von dieser Maßregel verständigt und bei abermaligem Erscheinen in dem beanständigten Kostüm wird sie mit zehn Gulden, oder im Falle der Uneinbringlichkeit mit drei Tagen Arrest bestraft. Die Brunnenwärter sind mit der Ausführung dieser Maßregel betraut und für sie verantwortlich. Der Antrag des Referenten wurde zum Beschluß erhoben. Da der Fernstehende demnach glauben dürfte, daß die Stelle der Karlsbader Brunnenwärter von emeritirten Professoren derAesthetik oder langjährigen Redacteuren des „Bazar" auf ihre alten Tage ausgefüllt wird, so bemerke ich sofort, daß dies nicht der Fall ist, die Herren Brunnenwärter sind entweder „ausgemusterte" Bürger oder ausgediente Soldaten, deren Amt es ist, dafür zu sorgen, daß das P. T. Publikum stramm im Gänsemarsch an den Brunnen wandle und die schöpfenden Nymphen, welche wie an das Ballet an mancher Hofbühne sich aus der noch unreifen Jugend und dem abfaulcndcn Alter rckrutiren, flink und voll den Becher füllen. Diese Brunncnwärter sind durch den Beschluß des löblichen Karlsbader Gcmeinderathes als höchste und letzte kritische Instanz in allen Toilettefragen ernannt worden, jeder Einzelne repräsentirt einen obersten Gerichtshof, gegen den es keinen Appell gibt. Was heißt aber anständig, was unanständig in der Toilette? Ist ein fettglänzender Seidenrock, in besten Spiegel man sich bequem rasiren kann, unanständig? Ist die moderne Damcntoilette anständig? und die polnische Jüdin, welche sich mit allerlei Schildern und Bändern behängt und beflaggt, unanständig? Wird der moderne Hcmdausschnitt der goldenen und talmigoldenen Jugend, der schier bis an die Magengrube reicht, anständig? und das soll ein Brunnenwärter entscheiden, der 75 kr. täglich Löhnung hat, in besten Bibliothek vielleicht nicht einmal H. Weiß' Kostümkunde steht, und besten Geschmack längst durch den chronischen Genuß ärarischen Tabaks und heimischen Gebräues abgestumpft ist?! ... Daß der Aedile der Brunnen-Nymphe den Herren Polen zunächst und gar in „unauffälliger Weise" den Verwarnungszettel heimlich in die Hand zu drücken hat, erachte ich auch nicht für ganz zweckentsprechend. In Anbetracht, daß die polnischen Juden in den seltensten Fällen der deutschen Schriftsprache mächtig sind; in Anbetracht ihres Allerweltsdünkels, den ihnen der ungezogene Optiker zuschreibt, in Anbetracht ferner der Heimlichkeit der Verabfolgung dieses Zettels, dürften sie ihn weit eher für eine freundliche, mit der specisischen Wirkung der Ouellen wohl korrespondirende Aufmerksamkeit der löbl. Brunnen-Direction als eine Vennahnung betrachten und er wird ganz andere Wege wandeln denn als Führer zum Schneider; auch dürste bei der die Gewißheit vollständig deckenden Wahrscheinlichkeit der Uneinbringlichkeit der zehn Gulden der Karlsbader Kotter, der längst den heimischen Bedürfnisten nicht mehr genügt (weshalb während der Saison, wo ja Jeder den Gästen die Plätze räumt, aus Rücksicht für die Fremden die einheimischen Lumpen frei herumlaufen) in keiner Weise räumlich genügen. Die Ausführung der vom löbl. Karlsbader Gemeinderathe geplanten Maßregel wird aber um so schwieriger, als sie im letzten Augenblicke noch durch den Antrag eines verehrten Mitgliedes stark erweitert wurde. Ein Herr Stadtverordneter hat nämlich auf Grundlage langjähriger Beobachtungen darauf hingewiesen, daß die Herren Galizier den Gebrauch der Schnupftücher nicht üben und gefordert, daß die Führung eines solchen im Begriff der anständigen Toilette eingeschlosten werden möge. Der Gebrauch der Schnupftücher ist freilich nur Modesache; die Griechen und Römer kannten ihn nicht und Juvcnal erzählt, daß eine Maitreste deshalb ihren Abschied bekam, weil sie sich eines Schnupftuches bediente, der Philososph Epiktet ruft einem Cyniker zu: „Wie, Unreiner der Du bist, würdest Tu es wagen, in unseren Tempel auszuspucken oder Dir gar die Rase zu putzen?" Ter. öffentliche Gebrauch der Schnupftücher, der bei den polnischen Juden verpönt scheint, war übrigens auch bei dem geistreichsten Volk der Erde, bei dem man sonst just nicht so spröde that und thut, bis lange geächtet, ja cs durfte auf der Bühne nicht einmal genannt werden und noch im Jahre der welterlösenden Revolution, nachdem bereits die Menschenrechte feierlichst proklamirt waren, war das Recht auf den Gebrauch des moueiioir den Schauspielern noch nicht zuerkannt und die schöne Perrine löste in ihrer Nasennoth ein pcrlengesticktes Band aus ihren blonden Haaren. . . Erst im Jahre 1829 erschien das Taschentuch auf der französischen Bühne, als an der Hand des „klassischesten der Romantiker", an der Alfred de Vingny's Othello das Theatre Fran^ais betrat. Als es da zum ersten Male genannt wurde und in der Hand des Mohren flatterte, brach ein furchtbarer Sturm des Unwillens aus, die Perrücken der Klassiker sträubten sich, die Philister grünsten und die blühende Garde der.jvuno l^rnnco schrie ihr dis. . . Doch glaube ich, nicht länger mit einem wohlmeinenden Rath hinter den Bergen halten zu sollen. . . . Nachdem die Hauptklage dahin geht, daß die polnischen Juden nur kurze luftige Unterhöschen tragen, welche gleich denen der Ballerinnen mehr verrathen als verdecken, so wäre wohl das Zweckmäßigste die Gründung einer „städtischen Hosenleihanstalt." Zu jedem ankommenden Zuge hätten sich die Mitglieder der Hermandad zu begeben, sobald ein polnischer Jude auf dem Perron erscheint, ihn ihn Empfang zu nehmen und von Amtswegen ihm ein Paar Hosen anzulegen, in deren Taschen er ein Dutzend Schnupftücher finden wird. Freilich zur Liebe und zum Schneuzen kann Niemand gezwungen werden! Julius Walter.