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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-02-04 · Heft 6 (4.2.1879) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 6 (4.2.1879)
Date
1879-02-04
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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82 Der Verfasser geht nun an die Aufsuchung der Ursachen dieser erschreckenden Erscheinung. Er weist zunächst die Meinung zurück, daß diese Verwilderung eine Folge des Krieges von 1 £70/71 gewesen, da dieser Krieg zu kurze Zeit gedauert, nicht im Vaterlande sich abgespielt, eine geistige Erhebung bewirkt habe und gerade nach den Kriegen von 1864 und 66 die Verbrechen in Abnahme waren. Nur Neigung zur Trunksucht und Hochmuth seien aus Frankreich mitgebracht worden. Ebenso erkennt er die Milde des neuen Strafgesetzes. nicht als eine wesentliche Ursache an, wenn auch allerdings eine sehr laxe Anwendung des Strafmaßes durch die Gerichte nicht vortheilhaft gewirkt. hat. Jnsonders ist die Strafabmessung für die Rückfälligen viel zu leicht. Selbst die gegenwärtige äußere Noth der Zeit, den Mangel an Arbeit und die Verarmung sieht der Verfasser nicht als so wirksame Hebel der Verbrechen an, wie die allgemeine Meinung ist. Denn sonst hätte gerade die Zahl der Diebstähle zunehmen müssen, was nicht der Fall war, und dann datirt die Zunahme schon von 1871 an. Sich stützend auf alle Gutachten der Staatsanwaltschaften, Gefängniß-Directoren, -Geistlichen u. s. w., hebt der Verfasser vielmehr folgende, tieserliegende Ursachen hervor. Mit den Milliarden aus Frankreich ergoß sich eine Geldgier in alle Adern des deutschen Volkslebens, die Sucht, mühelos reich zu werden, die Gründerei und Börsenjobberei, die Mißachtung der schweren und tüchtigen Arbeit, eine in's Unglaubliche sich steigernde Genußsucht, ein Luxus, der alle Classen zur Vergeudung Dessen anstachelte, was ein leichter Gewinn und Erwerb verschafft hatte; der Schwindel bemächtigte sich jedes Industrie- und Handelszweiges. Der Rückschlag ver* mehrte diese sittlichen Uebel, Betrug und Urkundenfälschung kamen bei Denen zur Tagesordnung, welche sich in ihrem wankenden Geschäfte und Gewerbe halten wollten. Auf diese Weise wurden die Gefängnisse und Zuchthäuser vielfach bevölkert. — Eine weitere Ursache liegt in der ungemein großen Vennehrung der Ausschanks- und Verkaufsstellen geistiger Getränke in Folge der Gewerbeordnung und der davon unzertrennlichen Vermehrung der Trunksucht, an der auch das weibliche Geschlecht Theil zu nehmen begann. Hierzu gesellten sich die öffentlichen Localitäten, die allen Unsittlichkeiten zum Spielplatz dienen, und die durch Annoncen und schmutzige Bilder namentlich die Jugend verlocken. — Der Verfasser zieht ferner die Freizügigkeit, die Legitimationsfreiheit, die Aufhebung der Wuchergesetze hierher. Während des Aufschwunges der Industrie wurden, durch diese Gesetze gefördert, große Massen von Arbeitern vom Lande in die Fabrikbezirke gezogen, von denen, da die Zeiten schlechter wurden, zahllose, der Heimath und dem mäßigeren Leben entwöhnt, dem Verbrechen und wenigstens dem Dagabondiren anheimfielen, welches letztere in ungewöhnlichem Wachsthum begriffen ist. Das Verhältniß der Gesellen, der Großindustrie-Arbeiter ohne Häuslichkeit ist durch das Kostgänger- und Schlafstellenwesen ein durch und durch entsittlichendes geworden. — Vor Allem bezüchtigt der Verfaffer die Presse, zum Verderbniß der Sitten beigetragen zu haben. Wie für seine früheren Behauptungen, so bringt er auch für diese mannigfaltige Beweise, selbst aus den Erzeugniffen sonst geachteter Autoren, am meisten jedoch aus jener Schmutzliteratur, die alle Gebote der Sittlichkeit, alle Grundsäulen der menschlichen Gesellschaft mit dem brutalsten Hohne angreift und umzustürzen sucht. Er führt da eine Reihe von Beispielen an, die in der That haarsträubend sind, und deren Verbreitung durch Buchhandlungen, Exporteure, auf Bahnhöfen u. s. w. eine unglaubliche ist. In der That zeigen diese, daß unsre Zeit nach dieser Seite hin weit über die von der Geschichte gebrandmarktesten Perioden hinausgeht. Er übergeht auch nicht jene Art von Literatur, „die sich mit angeblich philosophischen oder wissenschaftlichen, namentlich naturwissenschaftlichen Resultaten und deren Konsequenzen für das religiös-sittliche Leben brüstet und meist in populärem Gewände sich im Volke Eingang zu verschaffen gewußt hat." Wie da der craffeste Materialismus ünd die vollste Jmmoralität gelehrt werde, weist er an einigen Auszügen nach. Die Antireligiosität feiert hier ihre frechsten Orgien. Die Bibel und alle positive Religion wird mit schrankenloser Anmaßung niedergetreten. Alle diese Momente wirkten zerstörend auf das Familienleben, in welchem namentlich die Erziehung durch die Autorität der Eltern fehlt. Nach der Ansicht des Verfassers ist cs nicht minder der verringerte Einfluß der - Religion auf die Schule, wodurch bei gesteigerter Verstandesentwicklung die Bildung des Herzens zurückgedrängt und dem Verbrechen der Eingang erleichtert worden; ebenso die Herabsetzung der Kirche und der Geistlichen durch den Kanzelparagraphen und die Maigesetze, besonders auch das Austrittsgesetz aus der Kirche, die Sonntaasentheiliaung. das Niederreißen aller Autorität, der göttlichen wie menschlichen, die Entfremdung des Hauses von aller religiösen Hebung. Der Verfasser verlangt daher Aenderungen in der Gesetzgebung, namentlich was die Unterbringung verwahrloster Kinder, die Bestrafung der Jugendlichen, eine möglichst schnelle Durchführung des Jsolirsystems für alle Freiheitsstrafen, die Beschränkung der Oeffentlichkeit bei criminellen Gerichtsverhandlungen und die Disciplin in den Gefängnissen betrifft. Jndeß schließt er: „Heilung kann nur kommen von Innen nach Außen in der religiös-sittlichen Erneuerung unsres Volkes." Wir glaubten die Beobachtungen des Verfassers in gedrängter Weise unsren Lesern nahe bringen zu sollen. Er geht von der richtigen Ansicht aus, daß die Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens in der Regel die Folge mehrfacher zusammenwirkender Ursachen sind. Jndeß müssen wir einige Bemerkungen hinzufügen. Große, umgestaltende Gesetze, auf neuen Principien beruhend, führen bei segensreichen Ein-

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