Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1879)
- Date
- 1879-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 der Juden, wie tausend Aeußerungen der Presse beweisen, zwischen der Judenheit und den Rothschilds annahmen. Das ungeheuerliche Wcchsthmn des Vesitzthums dieser Familie wurde den Juden als Schuld angerechnet und das ganze Dasein, Streben und Wirken der Juden als das jenes Finanzhauses gekennzeichnet. Dabei wurde es stets hervorgehoben, daß jenes Haus für allgemeine, gemeinnützige, patriotische, wissenschaftliche und künstlerische Interessen nichts, gar nichts geihan-, also keinen einzigen segensreichen Ausfluß aus seinem Ueberfluß hcrvorgehen ließ. Warum sollten wir uns also nicht darüber äußern, wenn der Geist dieses Hauses sich darin ändert, daß seine Sprößlinge vom Judenthume aus aristokratischen NeiguWen sich tossagen, sich von katholischen Pfarrern unterrichte» lassen und zum KatholicismuZ übergehen? So wenig das Judenthum in seiner Gcsammtheit dadurch verliert, so müssen wir doch solches Beispiel, das in gewissen Kreisen nicht ohne Nachfolge bleibt — denn für diese ist die hochadelige Aristokratie ein besonderer Leckerbissen, und umgekehrt der jüdische Reichthum für hochadelige Aristokraten ein besonderes Reizmittel — als das kennzeichnen, was es Werth ist. Vonn, 22; Der. (Notizcn.) Nach dem Jew. }Iess. werden die jüdischen Freischulen in New-'Iork gegenwärtig von 105)0 Knaben und Mädchen besucht, 300 mehr als im vorigen Jahre. Glücklicher Weise hatte man die Cchulräume so groß angelegt, daß dieser erfreuliche Zuwachs keine besonderen Einrichtungen erforderte. — Aus Bamberg schreibt man uns vom 18.: Bei der jüngsten städtischen Gemeindewahl erhielt Herr Nathan Heß lern, Kaufmann, unter den 14. neu getvähltcn GemeindebevoümLchtigten, die meisten Stimmen.. Ein schöner Act der Toleranz. (Bei den jüngsten Vorgängen in München ist obiges Factum um so erfreulicher. B.i der nunmehrigen ultramontanen Mehrheit in der Stadtverordneten-Versammlung zu München wurde, wie man voraussetzen konnte, der vieljährige Vorsitzende Herr Gugenhcirner (Israelit) nicht wieder gelvählt, sondern durch einen Mann nach dem Herzen der Mehrheit ersetzt.) — In Sachen des Rabb. Ur. Schreiber gegen den Nedact. des „israel. Boten" Moritz Baum ist der letztere vom Zuchtpolizeigericht zu 160 M. Geldstrafe und in die Kosten verurtheilt worden. — Bonn, 23. Decernb. lNotizen.) „Ueber Land und Meer" bringt einen Artikel über die im September zu Cassel stattgesundene Versanunlung deutscher Naturforscher und Aerzte nebst einem wHlgetroffencn Biidniß und einer biographischen Skizze des derzeitigen 1. Geschäftsführers Geheimen Sanitäts rath Dr. B. Süllmg. Wir entnehmen dem Artikel Folgendes: „Dr. Benedikt Stikling wurde am 22. Februar 1810 in Kirchhain bei Marburg, einem kleinen Landstädtchen des damaligen Kurfürstenthums Hessen geboren, besuchte vom Jahre 1824—28 das Gymnasium zu Marburg und studirte daselbst als einer der hervorragendsten Schüler, welche überhaupt auf jener Universität ihren Bildungsgang eröffneten, in den Jahren 1828—1832 Medicin und Chirurgie. Seine Richtung war schon auf der Universität eine streng wissenschaftliche und würde er die Universitätslaufbahn beibehalten haben, wenn nicht die Engherzigkeit der damaligen Anschauungen und Verhältnisse ihm einen solchen Lebensweg unmöglich gemacht hätten, da er Jude tvar. Er ließ sich später als practischer Arzt.und Chirurg zu Basel nieder, wurde daselbst alsbald zum Landgerichtswundarzt ernannt, und erwarb sich in dieser Thätigkeit bald einen Ruf, welcher die Grenzen seines engeren Vaterlands, Deutschlands und Europa',» überflügelte, denn neben seiner ausgiebigen Berufsthätigkeit als Arzt arbeitete er in seinen Mußestunden an den höchsten Problemen der anatomischen Wissenschaft, nämlich der Erkenntniß des menschlichen Gehirns und des Rückenmarks. Seine bezüglichen Leistungen wurden von den verschiedensten Academien Europa's durch Ernennung zum Ehrenmitgliede und Verleihung der höchsten wissenschaftlichen Preise bestätigt, während die deutsche Kathedergelehrtheit' und das verbissene Professorenthum der Universitäten dem jungen Gelehrten die Anerkennung versagten, ja sogar, geflissentlich seine bedeutenden Leistungen todtschwiegen. Seine immer neue und immer erfolgreichere Thätigkeit aber, die rasch aufeinander folgenden 'epochemachenden Entdeckungen, welche er auf genanntem Gebiete in den Jahren 1834 bis in die neueste Zeit machte, zwangen seinen Neidern die schließliche Anerkennung ab, welche in der Wahl zum ersten Präsidenten der hochansehnlichen Versaunnlung deutscher Naturforscher und Aerzte gipfelte. Aber nicht nur in der theoretischen Medicin, auch in der practischen Heilkunde leistete Stilling Unschätzbares. So stammen von ihm die ersten Verbesserungen zu der wichtigen Operation Eierstocksgeschwülste her. Durch die Veröffentlichung seiner Methode, welche später englische Gelehrte nacherfanden, wurde Tausenden von Frauen das Leben gerettet. Weiter stammt von ihm die Erfindung der Umschlingung der Atericn ohne Anwendung von Fäden bei arteriellen Blutungen, die Operation der Blasenstein-Zertrümmerung, die ' operativen Heilungen der Stricturen und vieles Andere. Der : berühmte Chirurg Nelaton äußerte sich einst. über eine der; Stilling'schen Öperationsmethoden: „C’est le pls grand pas «pi’a; jamais «to fait dans l’ovariotomie.“ Die französische Academie verlieh dem Erfinder der betreffenden Operationsmethode im Jahre 1870 den „Grand prix I’arbius“, nachdem ihm früher mehrere Male für seine anatomischen Arbeiten der „prix ■Mcmtyou“ zuerkannt worden war. Trotz mannigfacher Anerbietungen im Laufe seines Lebens konnte sich Stilling nicht entschließen, angesehene Staatsstellen und Professuren unter der Bedingung anzunehmen, daß er zum Christenthum übertreten