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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-10-13 · Heft 42 (13.10.1874) · p. Seite 700

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 42 (13.10.1874)
Date
1874-10-13
Page
Seite 700 (sequence 2)
Language
German
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700 u *\ :| 1 JTT zahllosen gleichen Bäumen das Leben geben, strebt nicht/sondern erneuert diesen Proceß durch einen langen Zeitraum Hindus. Mehr noch, wenn ein noch lebenskräftiger BaumMs zur Wurzel abgehauen wird, treibt; diese einen neuen Schößling ^hervor, M wieder zu . einem mächtigen'Baume herauwächst. Ich könntz. Herrn Renan mehrere "großartige Beispiele dieser Art in meinem eigenen Garten zeigen. Es ist also hier Nichts mit dem allgemeinen Naturgesetze, daß der Schaffende stirbt,-wenn .er'etwas geschaffen hat, und zwar am wenigsten bei „den großen Schöpfungen"; bei den kleinen mag es sich so verhallen und von einem „vertrockneten, abgelebten Stengel" die Rede sein können. Aber Renan zählt das'Christenthum doch jedenfalls zu den „großen Schöpfungen." Aber vielleicht findet sich dieses Naturgesetz bei den animalischen Wesen, , die Renan zwar nicht anführt, aber doch bald durch seine „wandernden Skelette" hereinzieht. Aber auch hier ist es nichts als. eine Phrase. Jedes Geschöpf hat seine Existenz für sich und freilich nur eine bestimmte Dauer. Zu den Lebensfunctionen der organischen Wesen gehört auch die Fortpflanzung; aber nur bei den kleinsten und zartesten dieser Gattung hört das-Leben.bald nach dem Acte der Fortpflanzung auf. Weder der Vater noch die Mutter sterben hierauf, sondern erfteuen sich noch lange ihres individuellen Daseins. Daß sie gegen Ende deffelben, alsowas wir Alter nennen, schwächer und trockener werden, ist die. natürliche Folge, weil der Organismus sich abkreist. Das vermeintliche Naturgesetz ist also auch hier nur eine reine Phantasie, und die Beweiskraft, welche Renan daraus für seine Beurteilung der großen geschichtlichen Thatsachen, für sein über das Judenthum ausgesprochenes Todesurtheil ziehen wollte, ist nichts als-ein Phantom. Diese Herren Dichter pfuschen mit der Natur, wie mit der Geschichte. .Beide sollen sich ihren vorgefaßten Meinungen anschmiegen — Beide lassen sich' aber keine Gewalt anthun. Und nun erst dieser erzwungene Vergleich des Lebens der Völker mit dem der Naturkörper. Gründliche Geschichtsforscher haben längst das abgenutzte Gleichniß vom Erblühen, der Blüthe und dem Absterben bei den Völkern als unzutreffend und verwirrend zurückgewiesen. Aber dieses stört die Geschichtspfuscher nicht. Sie kommen immer wieder mit solchen Gleichnissen und glauben damit einen großen Schlag zu führen. Bedeutende Nationen verjüngen sich wiederholt, und nach Zeiten, die auf's Haar dem Marasmus der Greise gleichen, erheben sie sich zu einer neuen Phase der Entwickelung, die oft großartiger ist, denn je zuvor. Seine eigene Nation konnte Renan hiervon überzeugen. Es ist daher auch nichts an den „wandernden-Skeletten",, deren nach Renan die Welt voll sein soll. Skelette wandern nicht, und wenn sie wandern; sind sie keine Skelette. Um. zu wandern müffen sie Fleisch, und Blut an sich.haben,'also Leben, und.Pas haben Skelette nicht. Skelette werden nur in Gräbern, Todtenhäusern und Museen, aufbewahrt. -Das konnte, jedes Kind dem Herrn Renan, sagen. Ebensowenig, giebtes „Gespenster", nur daß wir, wenn' Herr S Z % f § V Renan daran glaubt/mit ihm nicht darüber.streiten wollen. — Auch das Bild von den „Elohim", die im Heiligthume murmeln: „ziehen wir hinauMvon hier!" — ist umsonst h^er angbEacht. Es besagt nicht,Kwas RenaO^mit?sägemwolltei Denn, daß der Tempel zerstört ward, ist hinlänglich bekannte Aber schon Ezechiel sah die Cherubim aus dein'Tempel ziehen, doch Israel war'mcht gestorben, und „die Elohim"'" müssen, nach dem Bilde RenanS selbst,, auch>-im zweiten Tempel gewohnt haben. Ja, die Juden zogen-auch-zum zweiten Male ' vom zerstörten Tempel hinweg, aber sie nahmen „die Elohim^ mit in die Welt hinaus, diese Anbetung eines einzigen Gottes, diese Treue an der Gotteslehre^ diese, ausdauernde Zurückweisung aller heidnischen Elemente: Hiermit sind die beiläufigen Phrasen des Herrn Renan beseitigt und wir haben es nur noch mit seinen eigentlichen Redensarten zu thun. Renan spricht, sich über das Judenthum und über die Juden aus. Das Judenthum, meint er, hat Alles dem Christenthume gegeben, sich in dieser Geburt erschöpft, der Lebensgeist sei hier-' mit aus ihm gewichen, das Judenthum sei hiermit todt gewesen und habe keinen Grund zum Dasein mehr gehabt.. Wollten wir uns auf den schlüpfrigen Pfad der Gleichnisse begeben,, so könnten wir fragen: muß ein Licht, wenn es ein anderes angezündet hat, erlöschen? Kann es nicht weiter zu leuchten und noch andere - Lichter anzuzünden haben? Doch wir überlassen derartige Wege dem Herrn Renan und stellen ihm lieber sofort Tatsächliches entgegen. Nach' der Schöpfung des Christenthums brachte daS Judenthum den in den letzten Jahrhunderten begründeten Talmudismus hervor, gestaltete denselben zu einer neuen großartigen Schöpfung.. Renan selbst will ihm seinen ganzen fünften Band widmen und sagt schon jetzt, daß er das Judenthum „umgeformt" habe. Kann ein Todter eine so große Schöpfung und. „Umfor-. mung's Hervorbringen? Gehört hierzu nicht eine volle und frischen Lebenskraft? Die Niederschrift des. Talmuds gebrauchte über ein? halbes Jahrtausend nach der Schöpfung des Christenthums. Aber? mit dieser Niederschrift war der Talmudismus noch nicht abge-. schlossen; er - arbeitete weiter durch die folgenden Jahrhunderte.' und findet seine directe Fortsetzung/ wenn auch in einem abermals, verjüngten Geiste, selbst in den Arbeiten -der -modernen Rabbinern — Ferner : Hat nicht das Judenthum, wie wir schon, oben hingewiesen, sechs Jahrhunderte, nach der Schöpfung des- Christenthums den ^Islam hervorgebracht, so daß - es also doch, nach einem so langen Zeiträume noch zu einer neuen Geburt? befähigt, während es -doch .Renan zufolge . mit-- der. Geburt, des Christenthums verstorben.war? Renan selbst sagt an eineranderen Stelle (S. 534): .„Jerusalem, rächte sich für seine. Niederlage; es besiegte Rom durch das.Christenthum, Persien durchs den Islam, zerstörte das antike- Vaterland, wurde für die besten? Seelen die Stadt des. Herzens." Renan erkennt also-selbst, den? Islam als eine 'gleichartige Schöpfung mit dem Christenthume an, die für das Morgenland analog wirkte, wie das Christenthum '

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