Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1874)
- Date
- 1874-10-06
- Page
- Seite 695 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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ermessen können, was es bedeuten will, wenn sie sagt, sie sei Aguillar so viel schuldig und dessen Ehrlichkeit so sehr betont. ■ ' - G. Wolf. Vermischtes. Erst in diesen Tagen kam uns die Revue des Deux Mondes 'vom 15. Februar dieses Jahres zu, und wir läsen darin den Höchst interessanten Artikel „Ueber die religiöse Krise in Europa" von Ernst Renan. Der geistreiche Verfasser, dem jedoch bekanntlich Widersprüche, Jrrthümer und Extravaganzen vielfach aus der Feder fließen, schreibt im Dienste der unbedingten Freiheit und der Trennung von Kirche und Staat. -Viele seiner Aussprüche sind wahrhaft beherzigenswerth, und um so mehr, da gegenwärtig die Stimme der Freiheit vor der der Staatspolitik sich nur schwach und selten vernehmbar macht. Daß es an schiefen Vorstellungen und Urtheilen, namentlich über Deutschland und Preußen, nicht fehlt, kann man voraussetzen. Die preußische Kirchenpolitik verwirft er ganz und gar. Ueber Manches, was er sagt, muß der Erfolg entscheiden, der bekanntlich nicht immer den theoretischen Voraussetzungen entspricht. Wohin sich Renan bisweilen verliert, kann man z. B. aus dem Satze ersehen, S. 763, da er von Frankreich spricht: „Armes Land! selbst in seinen Jrrthümern besitzt es mehr Geist (esprit) als die anderen in der Wahrheit!" Nun, von diesem Esprit ist in den Vorgängen der letzten Tage wenig mehr zu verspüren, weder in der Nationalversammlung, noch auf dem Bahnhofe von 'St. Lazare! an den Jrrthümern übrigens stirbt jede Nation, während sie lebt durch, die Wahrheit! . .... Renan glaubt übrigens, daß das Papstthum ohne den Kirchenstaat, oder wenigstens ohne Rom, nicht bestehen bleiben könne. Er liebt es, hierin den Sturz der .weltlichen päpstlichen Macht mit der Zerstörung Jerusalems zu vergleichen. Das ist freilich ebenfalls mehr Esprit als Wahrheit. Wir heben nur eine Stelle hervor (S. 758): „Zu-hoffen, daß das Papstthum außerhalb Roms ohne die daselbst befindlichen Organe, seine heiligen Stätten, seine Kirchen , Convente, die Generalate der religiösen Orden, leben wird, dasist wie wenn man vom alten Judenthume verlangt hätte, sich ohne den Tempel fortzusetzen. Das Äudenthum hat unzweifelhaft nach dem Jahre 70 fortgelebt, aber so tief umgestaltet, daß man es kaum mit demselben Namen benennen kann." — Der geschichtliche Vergleich hinkt, wie es mit allen derartigen Vergleichen geschieht. Das'Papstthum hat gerade, als ihm der Verlust seiner weltlichen Macht bevorstand, die höchste Stüfe seiner Entwickelung erreicht und den Schlußstein in das „große Gewölbe eingesenkt, welches es für sich durch die Arbeit so vieler Jahrhunderte errichtet hat. Dies war aber mit Hem Judenthume zur Zeit der . Zerstörung des Tempels gar Echt der-Fall. Vielmehr: stand-es damals mittenin der Entwickelung, die noch fünf Jahrhunderte sich fortsetzte, und deren Höhepunkt es erst später und nicht einmal in Jerusalem, sondern in Babylonien erreichen sollte. Wahrend ferner das Papstthum seine Evolutionen stets auf den Besitz seiner weltlichen Macht berechnete, war die neue Entwickelung des Judenthums äußerlich wie innerlich -bereits Jahrhunderte vor der Zerstörung Jerusalems und der Zerstreuung des m Volkes gewissermaßen auf diese hin gerichtet. Die sehr bedeutende Auswanderung nach allen Ländern und die Bildung der Synagoge, sowie der Schwerpunkt in der Lehrthätigkeit des Sanhedrins und der Lehrschulen bereiteten genügend vor, -daß das Judenthum und das jüdische Volk Jerusalems und des Tempels entbehren konnten. Daher ist es auch ein grober Jrrthum Renan's', daß das Judenthum mit dem Falle des Tempels so vollständig umgestaltet worden, daß es den alten Namen gar -nicht mehr verdiente. Die Umgestaltung schrieb sich schon von Esra an, und das Leben des Judenthums war mit ihr schon längst, aus dem Tempel gewichen. Mit diesem Vergleiche fallen auch die Consequenzen, die Renan für das Papstthum daraus zieht. Das Vorurtheil ist wach in allen Zeiten und faßt Wurzel selbst in Männern, die durch ihre Lebensschicksale und Stellung davor geschützt sein sollten. Vor Kurzem erschien der fünfte Band der „Geschichte der deutschen .Schauspielkunst" :von Eduard. Devrient. Wir kennen das Buch nicht und nehmen unsere Notiz nur aus einer Kritik in der „N. Z.", welche sich nur höchst anerkennend über das ganze Werk ausspricht. Der Kritiker gesteht übrigens zu, daß schon der vierte, noch mehr aber dieser. letzte Band sich von den ersten drei, welche sich der objectiven Geschichtschreibung befleißigten, wesentlich unterscheiden, sowohl durch einen memoirenartigen Charakter, als auch durch eine Verbitterung, die sich in dem Autor festgesetzt hatte. Er sagt weiterhin: „Devrient gefällt sich in diesem Bande, seine Helden im moralischen Negligö zu zeigen. So erzählt er, daß Rott im letzten Zwischenacte von Laube's Monaldeschi die Tischglocke gestohlen habe — er wollte nicht, daß man nach ihm klingeln sollte! — und dabei ertappt worden wäre. Welche Ausdrücke für eine Schauspielertoüheit! Ein ander Mal betont er die „israelitische Abkunft" gewisser Künstler. Der Freund Mendelssohn-Bartholdy's unterscheidet, wie Wagner in der Musik, auch in der Schauspielkunst ein „Judenthum". Dadurch wird auch das abfällige Urtheil über Mühling begreiflich, das nur einem in dem Verfasser, ihm selbst vielleicht »unbewußt, schlummernden Vorurtheile entstammen kann. Er findet, daß die Individualität jüd. Schauspieler sowohl in ihren Vorzügen wie in dem „Mangel an Anmuth und Würde" etwas Gemeinsames habe. Von Rott als „Lear" und Dawison als ^Richard 111." nicht zu sprechen, wollen wir nur den Namen Sonnenthal nennen, und sehen im Voraus dankbar der Namensnennung des christlichen Schauspielers entgegen, der zur Zeit seinen jüd. Collegen gerade in den beiden