Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1874)
- Date
- 1874-09-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Judenthums. Ein ull-artensches Organ für alles jüdische Jntereffe. Herau.sgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. Sn redactionellen Anaeleaenheiten wende man sich an Dr. L. Philippson in Dome; hinsichtlich deS Bezugs und der Inserate an Laumgörtner's Luchhandlnng in Leipzig. Inserate, welche bis vonner«- tag eingeben, finden in der darauffolgenden Nummer Berücksichtigung. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 viS llk Bogen. Preis Bierteljähria 1 Thlr. Inserate werden mit 2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs - Expeditionen nehmen Bestellungen au. 38. Jahrgang. Leipzig, den 22. September 1874. JW 39* Inhalt. Leitende Artikel: Immer neue Kämpfe. — Der religiöse Gedanke. I. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau, Schwenifmt, Aachen. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Aus Ungarn,^Prag, Lemberg, AMOesterreich. — Italien: Nom. — Belgien: Brüssel. — Feuilleton: Einige Lebenserfahrungen. II. — Vermischtes. «Cel/fcewDe ßLxhket. Bonn, den 15. September. Immer neue Kämpft. Der synagogale Jahreswechsel veranlaßt wohl, einen Blick auch auf die äußeren Verhältnisse unsrer Glaubensgenoffenschaft in der Gegenwart zu werfen. Es gilt nicht, längst bekannte Ereignisse noch einmal, wenn auch noch so kurz zu besprechen, oder Schilderungen zu geben von Dingen, die Jedermann bekannt sind. Wir bedürfen dessen auch nicht; denn die schnelle Strömung unsrer Zeit führt immer neue Gesichts- und Standpunkte herbei, die, wenn auch längst vorbereitet, in ihrem entschiedenen Eintreten überraschen. Und solche offenbaren sich in dem Augenblicke, in welchem wir stehen. Man hat lange Zeit gemeint, daß. mit der Erlangung der bürgerlichen Gleichberechtigung die Juden als solche vom Kampfplatze abtreten. Was hieße denn auch Gleichberechtigung, wenn nicht, daß diejenigen, denen sie'zu Theil wird, so in die Gemeinsamkeit der Bürger eintreten, daß sie eben im Staate jeder eigenthümlichen Stellung und hiermit jedes besonderen Schicksals entbehren? Sie sind aufgegangen in die vaterländische Gemeinsamkeit, und theilen nur das Geschick derselben in Freud und Leid. Man war sich immer bewußt, daß in manchen Staaten die Ausführung und Verwirklichung der Gleichstellung noch auf mancherlei Hindernisse und Schwierigkeiten stoßen werde, namentlich in Staaten, wo die Gleichstellung nicht von' Seiten der Regierungskreise, sondern mehr als eine Forderung des Volkes ausgegangen. Allein dies kann doch weniger als ein Kampf der Gesammtheit angesehen werden, da die vorkommenden Gelegenheiten meist individueller oder örtlicher Natur sind. Dennoch hat sich jene langehegte Meinung als irrig erwiesen. Sehen wir hier von den Ländern ab, in welchen die Bekenner des Judenthums noch immer um die bürgerliche Gleichstellung zu kämpfen haben, wo sie mehr oder weniger drückenden Ausnahmegesetzen unterworfen sind; es sind dies jetzt noch: Rußland, Rumänien Und Serbien. Aber in der europäischen Welt haben sich Streitelemente erhoben, welche die staatlichen und internationalen Verhältnisse in große Bewegung gebracht haben, den Gang der Entwickelung zu erschüttern und verheerende Kämpfe hervorzurufen drohen, und in diese nun sind die Juden als solche selbst wider ihren Willen hineingerisien worden. Wir meinen den Nationalitäts- und den Kirchenkampf. In Staaten, welche mehrere kleinere Nationalitäten zum staatlichen Verbände umfassen, namentlich im österreichischen Staate, sind diese Nationalitäten von dem heftigsten Drange nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit ergriffen. ' Sie verlangen, sich selbst regieren zu wollen, und in föderativer Weise mit dem Gesammtstaate zusammenzuhangen. Die Ungarn haben hierfür das Vorbild gegeben; ihr Staat selbst aber umfaßt andere Nationalitäten, welche sich nur zwangsweise der magyarischen Herrschaft unterwerfen. Die Polen und Czechen dringen auf einen selbstständigen nationalen Staat. Diese Verhältnisse stellen von vornherein die Juden dieser Länder auf einen Standpunkt, den die gedachten Nationalitäten als einen feindlichen ansehen. Bei