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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-07-28 · Heft 31 (28.7.1874) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 31 (28.7.1874)
Date
1874-07-28
Page
Seite 531 (sequence 13)
Language
German
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giöse System von Egypten beruht, hätten die Ägypter Ihren Gott in den endlosen Raum gelegt, welcher das Weltall bildet; sie hätten ihn als einzig dargestellt, als unerreichbar, unbemeßbar, unerschaffen, der sich selbst sein eigener Vater, wie zu gleicher Zeit sein eigener Sohn wäre, als Urheber dessen, was ist, und unter diesen abstracten Gott hatten sie die zu Gottheiten erhobenen Naturmächte gestellt. „Der egyptische Gott heißt Ammon, wenn er als verborgene Kraft betrachtet wird, die Alles zum Lichte führt; er ist Emeth, wenn er der intelligente Geist ist, der Alles in sich einschließt und belebt; er heißt Phtah, wenn er jede Sache mst Kunst und Wahrheit vollbringt; wenn er der wohlthätige Gott ist, wird er Osiris benannt." Hiernach müßten wir die Gesammtheit der egyptischen Lehren zum Monotheismus zurückführen, d. i. zum Begriffe eines einzigen und ungeschaffenen Gottes, welcher sich in so viel sekundäre Gottheiten eintheilt, als er Eigenschaften besitzt; aber das Studium des Tempels zu Denderah bestätigt diese Theorie nicht. Der Name des einzigen Gottes erscheint dort nicht ein einziges Mal; Hathar ist dort wohl die alleinige Göttin, welche seil Beginn besteht, aber die selbigen Eigenschaften der höchsten und alleinigen Gottheit gehören auch Phtah, Ammon und Chnouphis und noch Anderen, jedoch niemals einem Gott ohne Namen, welcher das höchste Wesen wäre, in anderen Worten: alle großen Götter Egyptens sind der Eigenschaften des Gottes von Jamblichus theilhastig. Sie sind alle, einzeln genommen, die alleinige, universelle Gottheit, und dann, nach ihrem Rang, bilden sie den großen und den kleinen Kreis der Götter des Tempels; man kann selbst nicht einmal sagen , daß ihre Vereinigung eine göttliche unerreichare Person in ihrem unendlosen Wesen darstellt. Der Tempel von Denderah zwingt uns, den Grund des egyptischen Glaubens nicht in den abstracten Monotheismus deS Jamblichus, aber in eine Art von Pantheismus zu legen, dessen Ausgangspunkt die Vergöttlichung der Kräfte der physischen Welt ist. In diesem System ist Gott von der Natur nicht verschieden, er ist die Natur selbst, zu gleicher Zeit einzig in seiner Gesammtheit und vielfach in seinen Kundthuungen. Die Egypter sahen einen Gott in allem dem, was sie umgab, in der menschlichen Seele, in den Eigenschaften der Materie, in der Sonne, in den Thieren selbst. Alles entsteht, um zu sterben, und Alles stirbt, um wieder zu entstehen. Die Dauer ist nur eine Reihe von Veränderungen des.Lebens und deS Todes mit einem ewigen Keime und einer unveränderlichen Kraft. Der Monotheismus würde also nur insoweit bei den Völkern des Nilthales bestanden haben, als man die Welt als Gott selbst betrachten will; in anderen Worten, der Pantheismus ist, nach Herrn Mariette, die Basis, auf welcher sich das ganze religiöse Gebäude des alten Egyptens aufrichtete." Vermischtes. ' In der „Beilage zur A. A. Z." vom 22. März befindet sich ein Artikel über Benjamin D'Jsraeli, als dieser abermals Premierminister Englands geworden. Wir erwarteten, daß der gründliche deutsche Correspondent vorhabe, eine Skizze der politischen Laufbahn, der staatsmännischen Eigenschaften und Thaten dieses jedenfalls merkwürdigen Mannes geben würde, welcher als Wechselminister mit Russell, Palmerston und Gladstone rivalisirte und noch jetzt im 69. Lebensjahre eine ministerielle Nothwendigkeit bei jedem Umschwung der herrschenden Partei ist. Welche die Hauptansichten und Hauptzwecke dieses Führers der englischen Hocharistokratie seien, der der torstystischen Partei ein neues Leben einzuflößen und sie vor dem Schicksale der preußischen Äunkerpartei zu bewahren gewußt, das erwarteten wir, und uns wäre es gleichgültig gewesen, ob das Urtheil lobend oder tadelnd ausgefallen. Statt dessen schreibt der Correspondent die Erfolge D'Jsraeli's nur den Eigenschaften des „Semiten" zu, und setzt die belletristischen Arbeiten desselben auseinander, doch wiederum nur diejenigen, in welchen der Autor seine extravaganten Ansichten über die Vorzüge, Vergangenheit und Zukunft des jüdischen Stammes darlegt. Unsere Leser wissen, daß wir diese Uebertreibungen des englischen Autors stets mehr als an's Lächerliche streifend, denn als. zutreffend bezeichnten, und daß sie uns mehr geschadet als genützt haben, noch dazu, da sie sich auf viele Jrrthümer, namentlich über den Ursprung berühmter Männer und Frauen stützen. Aber wie gehörten die vergessenen Phantastereien hierher, wo wir ein Bild des Staatsmannes, nicht aber dessen Thorheiten, die er vor 40 Jahren auskramte, fordern konnten? Es ist doch immer nur wieder der alte Zopf eines pedantischen Judenhasses, der sich allerdings in der A. A. Z. bei passender und unpassender Gelegenheit geltend macht. Wir hatten lange Zeit darüber zu klagen, daß die deutschen Roman- und Novellenschreiber kaum ein Product zu Markte bringen können, ohne raß sie, weil es ihnen sonst bei ihrem Mangel an Geist an pikanten Figuren fehlte, einen Juden theils als Carrikatur, theils als Scheusal, überhaupt als Prügelknaben milspielen ließen. Dies hat sich in der jüngsten Zeit etwas geändert. Man läßt den Juden fallen oder laufen, und wählt sich dafür einen katholischen Priester oder Jesuiten. Kaum öffnet man eine belletristische Mache, ohne einem solchem zu begegnen, man kann sich denken, mit welchen stereotypen Eigenschaften. Wir fürchten nur, daß, wenn einmal dies wieder abgenutzt sein, man wieder zum Juden zurückkehren wird, da man beim Mangel aller Erfindungsgabe doch einer Figur bedarf, mit der man das Lesepublicum packen und die nöthigen Schatten in das Bild bringen könne.

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