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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-06-09 · Heft 24 (9.6.1874) · p. Seite 411

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 24 (9.6.1874)
Date
1874-06-09
Page
Seite 411 (sequence 13)
Language
German
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411 Wäre der Gegenstand nicht zu ernst, er wäre eines homerischen Gelächters würdig. Sehen wir uns einige öfter wiederkehrende Fälle an, die der Weisheit -des Rabbi unterbreitet werden. Erwirb gefragt: „Rabbi soll ich in „Brod" oder in „Berdiczew" wohnen?" Die Frage wird belächelt und recht angemessen beantwortet: was weiß ich? Aber der Fragende entgegnet, daß er früher nicht abgehe, bis er die Meinung des Rabbi gehört habe. Nun! meinetwegen wohnen Sie in „Brod", ist der erhabene Orakelspruch. Es kommen Nahrungs- und Kinderlose zu ihm, er sagt ihnen, reisen Sie mit.Gott nach Haus und Gott wird helfen. Es kommen Kranke zu ihm, er sagt ihnen, reisen Sie mit Gott nach Haus und Gott wird helfen. Dazu der Lärm? Vor einiger Zeit war ein Mann bei ihm, der ihm klagte, daß er bei stärkerem und schwächerem Esten Magenbeschwerden habe. Er empfing den wohlweisen Rath: essen Sie weder zu viel noch zu wenig und Gott wird helfen. Für diesen wohlweisen Rath ließ der Rabbi Honorare sich nicht zahlen, aber er verkaufte, oder vielmehr der Mannn kaufte von ihm ein Merkchen und ein Amulett für 3 Thaler. Wie viel bei solchen Gelegenheiten % auf das Werkchen und wie viel auf das Amulett gerechnet wird, vermag ich nicht anzugeben'. Erst jüngst ereignete sich beim „Kidusch Machen" beim Rabbi folgender Vorfall. Eine Frau hatte nicht das Glück, von dem Kidusch-Weine einen Tropfen zu bekommen. Ueber' dieses Unglück begann sie verzweiflungsvoll, sage verzweiflungsvoll zu weinen und zu schreien. Vergeblich bot ihr der Rabbi zum Ersatz eine „Mozeh". Die Frau konnte .erst beruhigt werden, als nochmals Wein in den Becher gegossen und ihr zum Trinken überreicht worden. Der Rabbi bringt es in seiner Kunst aber immer weiter, und es steht ihm trotz seines Alters von 84 Jahren noch eine große Entwicklung bevor. Früher kurirte er bloß durch „Beten" „Beten", wie es in einer Erwiderung gegen mich bis zum Anwidern vorgebracht worden. Jetzt aber verabreicht er schon Fläschchen mit Oel. Kabbala zu treiben, sagt der Rabbi in seinem Werkchen, ist der ermächtigt, der vom Propheten Elijahu die betreffenden Offenbarungen empfängt. Äst ihm vielleicht die Composition dieses Oels auch von diesem Propheten offenbart worden? Noch zwei Thatsachen seien hier vorzuführen mir erlaubt. Die erste verbürge ich auf mein Manneswort, die zweite habe ich von einem glaubwürdigen Zeugen. Ich reiste vor einiger Zeit in Gesellschaft mehrerer polnischen Juden, welche zum Rabbi sich begaben, auf der Bahn. Ich gewann ihr Vertrauen, und sie erzählten mir ihr Anliegen beim Rabbi. Alle waren komischer Natur, und ich hebe bloß eins hervor. Der Eine von ihnen, ein junger Mann, war „Pascher", d. h. ein „Schmuggler". . Er hatte mehrere Male Unglück in seinem edlen Berufe und wollte durch den Grätzer Rabbi Hilfe finden. Ich machte ihm bemerklich, daß es Schade um feine Reisekosten wäre, da.der Rabbi ihm höchstens rathen könne, von diesem Treiben, weil es das jüdische Gesetz verbiete, abzulasten und etwas Anderes zu beginnen, um sich in ehrlicher Weise zu ernähren. Sie haben Recht, erhielt ich zur Antwort, aber ich bin doch schon auf dem Wege. Auf meine Frage, wenn Sie nun diesen oder einen ähnlichen Bescheid erhalten, was werden Sie bei der Rückkehr in Ihrer. Heimath von dem. Rabbi erzählen? Alles Mögliche, war die Antwort. Jedenfalls schicke ich wenigstens Fünfzig nach Grätz. Habe ich mein Geld verfahren, mögen es auch Andere thun. Der zweite Fall ist der: In Polen war ein sehr reicher christlicher Gutsbesitzer hoffnungslos krank. Er bot dem, der die Wiederherstellung seiner Gesundheit bewirken könnte, reiche Belohnung. Ein jüdischer Landsmann verspricht ihm Besserung und empfängt die betreffende Zusicherung. Er begiebt sich zum „Rebben" in Czechanow, der ihm erklärt, die Sache sei in bester Ordnung, er möge nur nach Hause reisen. Der Gutsbesitzer wird in der Thal gesund, verweigert aber das Versprochene unter dem Vorgeben, daß seine gute Natur ihm geholfen und nicht der „Rebben", von dem er ja eine Medicin nicht bekommen habe. Hierauf reist der Betrogene wieder nach Czechanow und bittet den' „Rebben", den Gutsbesitzer zu verfluchen, daß er wieder krank werde, was der Rebben indeß verweigert, und zur Erreichung dieses seines Wunsches kam der Gekränkte als zu seiner letzten Zuflucht zum Grätzer Rabbiner. Ueber das Resultat, das der Mann erzielte, vermochte mein Gewährsmann mir nichts mitzutheilen. Der Rabbi, ich kenne ihn recht gut, ist sonst ein Mann von großer Klugheit und reicher Lebenserfahrung, und sollte der Heilige in Grätz bei solchen Vorkommnissen nicht aus seiner argen Selbsttäuschung und Selbvergesfenheit erwachen, nicht wissen, zu welchen Ergebnissen sein Verfahren führen muß, welche Verwirrung er in den Köpfen anrichtet, welches Spiel mit dem „Glauben"' getrieben wird? Vernichtet er nicht die sittliche Weltordnung, und bereitet er nicht das größte Unheil, indem die Leute, anstatt der Anwendung natürlicher Mittel, anstatt des Gebrauchs der eigenen Kräfte zur Bekämpfung eines Uebels, sich auf ein Wunder verlassen und dann auch verlassen sind? Kann ein solches Treiben fromm und gottesfürchtig genannt werden? Daß seine in seinem von mir citirten Werkchen marktschreierisch ausposaunten Wunderthaten die ganze Skandalbewegung hervorgerufen haben, geht unwiderleglich aus dem Umstande hervor, daß die Mißgeburt erst im vorigen Jahre das Licht der Welt erblickte, was auf dem Titelblatte des Merkchens zu lesen ist, und seit dieser Zeit erst haben die Wallfahrten ihren Anfang genommen. Ich scheue mich zu sagen, in wie vielen Exemplaren das Werkchen gedruckt worden, ich weiß auch nicht, ob nicht inzwischen bei dem guten Absätze eine neue Auflage erschienen ist. Ich scheue mich dies aus dem Gründe zu sagen, weil ich mich von Uebertreibungen fernhallen will, die mir möglicher Weise berichtet werden. Durch die Geldspenden, die dem Rabbi auch zu wohlthätigen Zwecken zufließen, ist er in der Lage,, vielen unbemittelten polnischen Juden hilfreich unter die Arme zu greifen, wodurch sein Ruf noch vergrößert wird, und so steht Alles in schönster Wechselwirkung und

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