Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1874)
- Date
- 1874-05-19
- Page
- Seite 358 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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und er wies sie zornig ab. Doch sie kamen wieder. Von Leiden Seiten Letheuerte man, wie man sich nur vermittelst des hohen Ausspruches des heiligen Rabbi einigen könNe und wie man sich willig demselben fügen wolle. Nun war der Moment günstig. In seiner ganzen heiligen Glorie erhob .sich der weise Rabbi vor den Streitenden und seine mahnende Stimme donnerte zornglühend — wie ein strafender Gott — die Gegner an.: „Ähr sollt wissen,, das, was ich Euch sage, das ist nicht meine Eza, sondern das ist Gott's Eza , und wer da nicht wird mekabbel sein meinen Pessak Din und thun, Alles genau und pünktlich, was ich Euch sage, der soll gewarnt sein und wissen, daß er nicht wird maschlim sch'nosso sein!"-d. h. daß er das Jahr nicht überleben werde ........... Furcht und Zittern ergriff die gläubigen Delinquenten. Reuemüthig, zerknirscht warfen sie sich nieder vor dem furchtbaren Heiligen. Ein Jeder gelobte und schwor hoch und theuer, des heiligen Rabbi's Ausspruch über sich willenlos ergehen zu lassen und Alles, Alles, was er ihnen auferlege, willig, ungesäumt zu erfüllen. — So weit hatte es der heilige Rabbi bei den starrsinnigen Gegnern gebracht, und so weit hatte er es eben bringen wollen. Sie waren erweicht, erschüttert, sie sahen sich mit Todesgefahr und Qual bedroht und vernahmen nun demüthig den einfachen und ganz richtigen Urtheilsspruch: „Der Vater sei schuldig, dem Schwiegersöhne Weib und Kind und Hab und Gut sammt allen Interessen des ansehnlichen Vermögens auszuliefern und sie in Zukunft ganz und gar ungeschoren zu lassen." — Das schwere Urtheil war gefällt. Gerührt, versöhnt und thränenden Auges warfen sich jetzt Vater und Sohn in die offenen Arme und waren des Lobes und des Preises voll von der hohen Weisheit des heiligen Rabbi. — — Der Zug hielt an. Die Erzählungen waren zu Ende. Die schwüle Luft, welche dieselben in dem dichten Gedränge des geschlossenen Wagens verursacht hatten/ wurde jetzt wohlthätig verweht durch den freien Luftzug, der durch die weitgeöffnete Wagenthüre hereinströmte,, und man konnte frisch aufathmen. Doch der Aufenthalt dauerte , nicht lange. Bald ertönte der schrille Signalton zur Weiterfahrt und — wieder rauschte der Zug. Ich hatte indessen Zeit gewonnen über all' das eben Gehörte und Erlebte ein wenig nachzudenken, und wie ein wichtiges, lösungswürdiges Problem kehrte mir immer der Gedanke wieder: Welches mögen wohl die Motive zu diesem groß- und eigenartigen Schwindel sein?— Ein Mann, wie der Grätzer Rabbi, der lange schon bei vielen gelehrten Berufsgenossen hoch in Ansehen stand und weit und breit als ein wirklicher, tiefgelehrter Talmudist und kein Charlatan bekannt war, ein Mann, der in seiner bisherigen stillen Amtswirksamkeit ruhig gelebt und dabei alt und grau geworden, ohne mit seinen kabbalistischen Machinationen ein so großes und öffentliches Aufsehen zu erregen, ein Mann endlich , der doch in seinem seelsorgerischen und Lehrberufe inmitten einer ansehnlichen Cultusgemeinde ein weites Feld seiner, geistigen Thätigkeit und darin Sorgen und Pflichten genug haben mußte, — ejn solcher Mann durfte doch wohl nicht ohne irgend ein hervorragendes, bemerkenswerthes Motiv eine so .großartige Wallfahrt insceniren und sich täglich von - ganzen Massen solch zudringlicher Heilssucher umlagern lassen. r. Also, das Motiv! das Motiv! war jetzt mein steter Gedanke. (Schluß folgt.) Vrrmischles. Man schreibt der „K. Z." aus Rom vom . 6. April: Das diesjährige Osterfest ging ohne allen kirchlichen Sang und Klang, ohne Segen urbi et orbi, ohne Beleuchtung der Peterskuppel> ja selbst ohne , die nothwendige Taufe von Juden im Lateran vor sich. Es hat sich für diese weltbekannte Judentaufe im Lateran am zweiten Osterfeste kein erwachsener Zwangstäufling.finden wollen; so begnügte man sich denn mit einem Säugling, dessen hebräische Abkunft zwar auch zweifelhaft war, an dem dann aber der Cardinal Patrizi mit seinen hohen Assistenten die formenreiche Ceremonie vollzog. Man scheint für den armen Täufling schlecht Fürsorge getroffen zu haben; nicht einmal ein Pathe, der das Kind über die Taufe halten sollte,, war vorhanden. Einem: unserer Bekannten, der dabei stand, trug man's an; der schlug es aber wegen Unkenntniß der Sprache und der Gebräuche aus. Endlich fand sich eine mitleidige Seele. — Man sieht hieraus, daß der Spruch des. Dichters: „Doch die Todten reiten schnell", sich nicht immer bewährt — sonst müßte all dieser Plunder sich längst da befinden, wohin er gehört. In Bezug auf die neuliche Notiz über den Besuch des Gottesdienstes in der neuen Synagoge in Berlin durch die kronprinzlichen Kinder, theilt man als historische Reminiscenz uns mit, daß der König Friedrich Wilhelm I. mit seiner Gemahlin und dem damals 6 Jahre alten Kronprinzen Friedrich (nachmaligem Könige Friedrich dem Großen) am 20. April 17 18, dem dritten Mittelfeiertage des jüdischen Passahfestes Frühmorgens in der damals neuen (1714 eingeweihten) jetzt alten Synagoge der Heidereutergasse erschien und dem Gottesdienste beiwohnte. Dieses Erscheinen ist durch einen werthvollen, jetzt höchst seltenen Kupferstich, verewigt, der auch das Innere der damaligen schönen Synagoge, wie sie sich auch noch bis 1818 darstellte, zeigt. Das Dach war ein Meisterstück Kcmmeters aus Regensburg. - .