Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 18 (28.4.1874)
- Date
- 1874-04-28
- Page
- Seite 305 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226979--32560-3255532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
einem schwarzen Vorhänge bedeckt, ebenso die Kayzel; auf der Bimah ein mit schwarzem Flor,behängtes Postament, wie ein Katafalk errichtet , um'däfselbe ^brannten/riesige schwarze Wachskerzen. . Der ganze Raum war von Zuhörern erfüllt, die eine tiefe Stille beobachteten. Auch ein Kammerherr des Herzogs, Vertreter der Regierungs- und städtischen Behörden, und christliche Honoratioren waren erschienen. Eine kürze Trauermusik von Instrumenten leitete die Feier ein. Dann erhob der ausgezeichnete Vorbeter seine klangvolle Stimme und trug ein he- .bräisches Trauergedicht in einer der ergreifenden Klagemelodien der 'Synagoge vor. Nun bestieg Herr Hirsch Schreiber in schwarzer ^Kleidung, ein langes schwarzseidenes Mäntelchen auf dem Rücken 'herunterhängend, und weiße Bäffchen am Halse, die Kanzel. Bleichen Angesichts und mit etwas zitternder Stimme hob er bas kurze Vorgebet an; man merkte ihm große Erschütterung und Zaghaftigkeit ab. Aber kaum hatte er die ersten Worte gesprochen, als der Mann zu wachsen schien, sein Antlitz röthete sich, feine schönen dunklen Augen leuchteten, seine Stimme ward voll Metalls und Klang. Die Rede war hinreißend. Bot sich doch der Gegenstand von selbst dar. Ein hochbetagter vielbewunderter Fürst verliert seinen einzigen Sohn in der Fülle der Manneskraft/ der ihm in schwerer Kriegszeit stützend zur Seite gestanden undihm einen würdigen Nachfolger sicherte; eine hochherzige Gemahlin sah den geliebten Gatten, der ihr in unbedingter Treue ergeben war, plötzlich und auf so schreckliche Weise sich aus ven Armen gerissen, vier unerwachsene Söhne stehen an der. Gruft dessen, von dem sie Fürsorge und Erziehung zu erwarten hatten; ein ganzes Land ist der Hoffnung auf eine gesicherte Zukunft beraubt. Alles Dies schilderte der Redner mit. eben so viel tiefem Gefühl wie feinem Tact, und. verstand es, indem er die Herzen erschütterte durch das rein Menschliche, die Geister zu ergreifen durch das erhaben Göttliche, das immer und immer wieder in allen irdischen Dingen sich offenbart und gleich groß auf den Höhen wie in den Tiefen des menschlichen Lebens vrältet. Kein Auge blieb thränenleer, noch dazu als er im Schlußgebete den Trost Gottes, Schutz und Aufrichtung, auf die hohen Leidtragenden herabrief- und alle fühlenden Herzen aufrief, diese fortan nur mit um so innigerer Liebe und Anhänglichkeit zu umgeben. Nochmals erklang die Stimme des Vorbeters in einem trostreichen Psalm, und eine erhebende Musik schloß die Feier. Die Begeisterung war allgemein; die christlichen Zuhörer sprachen ihren Dank dem Vorstandemit vielen Lobsprüchen aus; die jüdischen Zuhörer hatten eine solche Stunde der höchsten Weihe und der tiefen Erschütterung in ihrem Gotteshause noch gar nicht erlebt. Namentlich der weibliche Theil war enthüsiasmirt, und viele erklärten, daß, wenn die Predigt nicht eingeführt würbesie die Synagoge nicht wieder betreten würde. Am folgenden Tage wurde ein Vertrag unterzeichnet, nach welchem Hirsch / Schreiber an jedem ersten Festtage eine Predigt zu halten habe, und ihm für jede —> ein Friedrichsdor gezahlt werden solle. Auf allgemeines Verlangen wurde die Trauerrede gedruckt, und ein Exemplar dem Herzoge und der verwittweten Erbprinzessin devotest übersandt. Worte dankender Anerkennung und ein reiches Geschenk wurden dem Redner dafür. Aber der Bericht des Kammerherrn und die Lesung der Trauerpredigt hatten noch eine andere Wirkung. Der Fürst erinnerte sich dabei jenes Vorschlages des Regierungspräsidenten betreffs der jüdischen Freischule. Nach solchen Beweisen wie weit doch die Juden seiner Residenz sich durch eigene Anstrengung herangebildet hätten, fühlte er die fürstliche. Pflicht sie seinerseits darin zu unterstützen, er schlug alle Bedenken nieder und verordnet, daß die jüdische Freischule zur „herzoglichen Hauptschule" erhoben und mit einer jährlichen Subvention von 500 Thalern und 100 Maltern Holz dotirt werden sollte. So hatten die Jntriguen des Reb Meyer nichts weiter bewirkt, als daß er die Schule um die Hälfte des erbetenen Jahresbeitrages gebracht hatte. Sonst war er in allen Punkten geschlagen, und er hatte sogar die Demüthigung, daß fein etfrigster Anhänger, Herr Beer Levy, Rendant. der Schule wurde. Diese erlangte bald einen großen Ruf, und aus weitentlegenen Orten Europas strömten ihr Schüler zu. Dies, geehrter Leser, ein wahrheitsgetreues Bild aus der Zeit vor sieben Jahrzehnten. Wie weit es noch in der Gegenwart Aehnlichkeiten findet, dies zu beurtheilen, sei Dir überlasten. Vermischtes. Auf der Tribüne des Abgeordnetenhauses erregten, nach der „P. Z." am 5. Februar vier polnische Israeliten im Originalcoftüm großes Aufsehen. Sie waren lange vor der Eröffnung der Sitzung gekommen und mit der größten Aufmerksamkeit verfolgten sie deren Verlauf. Als man sie endlich fragte, welches gewichtige Interesse ihnen denn die Berathnng der Nachtragskirchengesetze einflvße, erklärten sie, nur da zu sein, um den Abgeordneten Lasker reden zu hören. Und die Vier warteten und warteten, bis der Präsident'die nächste Sitzung angezeigt hatte,.Herr 0r. Lasker aber hatte ausnahmsweise nicht gesprochen und die Viermußten betrübt abziehen. Stürmische Heiterkeit ihrer Umgebung hatte es übrigens hervorgerufen, als Wind Horst die Tribüne betrat und sie ihn für Lasker hielten. Am Dienstag Abend, dem Vorabend der Schlußtage des israelitischen Osterfestes, wohnten in Berlin die k r o n p r i n zlichen Kinder dem Gottesdienste in der großen Synagoge in der Oranienburger Straße bei. .