Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1874)
- Date
- 1874-04-14
- Page
- Seite 270 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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270 wieder mach jenem Hause schreiten, auf welchem mit v goldenen Lettern „Hofbuchdruckerei" zu lesen stand. Aber der Ausdruck seines Gesichts war ein trauriger. Eine schmerzvolle Enttäuschung hatte sich seinen Zügen eingegraben und den Blick seiner Augen verdüstert. Er ging langsam, nachdenklich, zögernd, als ob 'erdächte seine Füße trügen ihn doch Zeit genug zu dem Kummer-, den er einem liebevollen und geliebten Herzen einzuflößen käme. , . j,Das Geschick lastet schwer auf mir," sprach er vor sich hin. „Aus meinen besten Handlungen, erwachsen mir Leid und Bedrängniß, daß ich .jene verwünschen müßte;. . . Wäre dieses Band, nicht, das mich hier fesselt, und ich möchte es doch um keinen Preis lösen, längst hätte ich das ganze Wirrsal hinter mich geworfen, das hier besteht. Man will doch nur mich ausnutzen , um mich fortzuschicken, wenn man meinet nicht mehr unumgänglich bedarf. Was ich hier verlöre, fände ich überall wieder . . ." Er war an der Thüre des Hauses angelangt, zögerte noch einen .Augenblick sie zu öffnen, trat dann aber rasch und entschlossen ein. Er fand Dora in dem Hinterzimmerchen wieder, emsig mit einer Stickerei beschäftigt. Sie hatte seinen Schritt gehört, amd war freudig von ihrem Sitze aufgesprungen. Aber sie erblaßte, ols sie das verstörte Antlitz ihres Bräutigams gewahrte. „Was ist geschehen, Bernhard?" rief sie erschrocken aus, „Du siehst so bleich aus!" „Es hilft nichts, theure Dora, ich muß es Dir sagen. Alle unsere Hoffnungen sind zu Täuschungen geworden. Alle Zeugnisse und Verwendungen haben nichts geholfen. Auch mein zweites Gesuch um die Kijumin ist abschläglich beantwortet worden ..." „O, gerechter Gott!" rief das Mädchen aus, und Thränen füllten ihre Augen. Bernhard warf sich auf einen Stuhl, und seine ganze Haltung verrieth, daß völlige Hoffnungslosigkeit sich seiner bemächtigt hätte. Dora trat zu ihm, und sprach: „Um Gottes Willen, wie ist Dies gekommen? Wir waren doch unserer Sache so gewiß, und so glücklich . . ." „Es ist ein. Freundschaftsstückchen, kaum glaublich, und doch wahr . . . Die Regierung hatte, wie sie es immer thut, wenn Juden die Niederlassung nachsuchen, und sie vorläufig nichts gegen dieselbe hat, das Gutachten des Vorstandes der Iudengemeinde eingefordert. Und Dies hat sich auf's Entschiedenste dagegen erklärt. O, ich Hab' es gelesen — es ist mir nicht verborgen geblieben — meine Beschützer sind außer sich —" ' »Und was konnte", fragte Dora mit von Zorn zitternder Stimme, „dieser schändliche Vorstand gegen Dich einwenden?" ,-Ich wäre ein Mann, der, sobald er das Niederlaffungsrecht.hätte, der Freischule, ja der zukünftigen Gemeindeschule gegenüber eine besondere Schule errichten würde, welche jener vielen Schaden brächte, weil seine besondere Befähigung ihm viele Schüler zuführen würde. Und Dies entblödete sich nicht Hirsch Schreiber niederzuschreiben, mein College, mein Freund, dem ich so oft mit Rath und That beigeftanden! Wahrscheinlich fürchtete der gute Mann> daß ich ihm vielleicht eines'seiner vielen Aemtchen ablisten würde. Er hätte nichts zu fürchten gebraucht. Ich danke dafür, Knechtesdienste zu thun, und doch dabei mit meiner Familie am Hungertnche zu nagen! . . ." Dora erschrak doch vor der Bitterkeit, mit welcher der geliebte Mann sich nussprach, und sagte begütigend: „Du darfst ihm nicht zürnen, er ist im Amte, und muß schreiben, was ihm der Vorstand befiehlt." „Dann brauchte er aber nicht mit solchem Feuer und Nachdruck es abzufassen! Noch mehr. Ein Vorstandsmitglied, den ich deshalb zur Rede setzte, erwiderte mir: Was wollen Sie? Wir waren rathlos, was wir gegen Sie einwenden sollten; da gab uns Hirsch Schreiber den Gedanken ein, und wir thaten nur, was er uns gerathen. Ach, theure Dora, Du kennst die Menschen nicht; aber sobald man anfängt mit ihnen zu thun zu haben, zeigen sie sich uns in ihrer ganzen Häßlichkeit." Fügen wir hier ein, daß es sich Alles so verhielt , wie Bernhard hier berichtete. Aber darin irrte er sich, daß er diesem Umstande allein sein Mißgeschick zuschreib. Ein anderer hatte nicht minder dazu beigetragen-. Der Kammerpräsident hatte Reb' Meyer zu sich kommen lassen, und ihn aufgefordert, da der Fürst noch schwankend sei, ihm noch mehr Gründe und Beweise zu verschaffen. Diese hatte Reb Meyer in den Lehrern gesucht, besonders in Bernhard, den er so glühend haßte. Er schilderte ihn als einen wahren Jakobiner, der gegen Staat und Kirche raisonire, und dem man‘ bei Gelegenheit das Allerschlimmste zu-. trauen könne. Der alte Staatsmann hatte bei dieser Schilderung gewaltig aufgehorcht. Er verlangte von Reb Meyer Zeugen und noch besser irgend eine schriftliche Aeußerung Bernhard's; dann würde er diesen, wenn er sich nicht geradezu straffällig gezeigt, aus dem Lande verweisen , und so das ganze Nest zerstören. Reb Meyer hätte gern den Beweis geführt; aber das war ihm diesmal unmöglich, weil die gattze Sache erlogen war, und sein Melammed zwar eine religiöse Uebertretung zu bezeugen bereit war, von politischen Dingen jedoch nicht eine Silbe verstand und sich selbst beim ersten Worte verrathen hätte. Dies fand auch ziemlich bei seinem ganzen Anhang statt. Indeß hatte er doch den armen Bernhard bei dem Kammerpräsidenten so verdächtigt, daß er, als ihm dessen Niederlassungsgesuch vorgelegt ward, in eine wahre Wuth gerieth und es entschieden verwarf. Damals war die Niederlassung eines Juden eine so große Staatsaction, daß sie allen Behörden, selbst dem lutherischen und dem reformirten Consistorium, theils zur Aeußerung, theils zur Genehmigung vorgelegt ward. „Und was noch hinzkommt," rief Bernhard aus, „ich war des guten Ausgangs so sicher, daß ich nach der Einwilligung der