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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-17 · Heft 12 (17.3.1874) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 12 (17.3.1874)
Date
1874-03-17
Page
Seite 188 (sequence 2)
Language
German
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188 den die Schuld dafür trifft. Das fehlt noch, daß wir uns ruhig den Chassidismus in's Lanh rücken und auf den, Hals kommen lassen,, um..die religiöse Verwirrung, vollständig zu machen und den Gegnerni deri Peligion neue Waffen nn die Hand zu geben. Wenn, irgendwo,- so gilt es hier: Principiis obsla! d. h. das aufkeimende Unkraut zu ersticken, damit es nicht wuchere und sich nach seiner Art schnell verbreite. Man weiß, wie nichts ansteckender ist, als der Aberglaube; denn selbst der halbgebildeten und sonst sich aufgeklärt dünkenden Menge wohnt der Aberglaube in den Winkeln ihres Geistes, und sie kommt ihm schneller entgegen, als man es glaubt. Ist Jemand in Noth, ersehnt er etwas, was ihm durchaus versagt scheint, so denkt er alsbald: .„Wenn es nichts nützt, so schadet es doch auch nichts!" und findet sein Gewissen hiermit ab — aber der Schaden ist unübersehbar, denn je mehr die Masse derer anschwillt, welche dem Aberglauben huldigen, desto starker wird er und' zieht immer kräftiger an. Er wächst den Thoren über , den Kopf, bis er ihrer ganz Herr geworden.. Man wird nicht weit zu greifen haben, wenn man sich fragt: wodurch doch solcher Wahnglaube so leicht Wurzel faßt, während die wahrhafte Religion und Frömmigkeit, die echte Bildung und Erkenntniß so langsame Fortschritte machen? Der Irrglaube nimmt die mannigfaltigste Gestalt an, um die schwachen und an klares Denken nicht gewöhnten Geister zu blenden. Wie lange ist es her, daß die Zeloten gegen das Impfen, die Blitzableiter und derartige segensreiche Einrichtungen donnerten, weil der Mensch dadurch der Vorsehung in die Arme greife und ihrem Willen-Schranken setze! Gerade entgegengesetzt hat der Aberglaube in zahllosen Fällen gesagt: deiner Bedrängniß, deinem Leiden, deinen unerfüllten Wünschen kann durch Anwendung geheimer Künste und Mittel, durch die von Gott gewissen Menschen ertheilten Wunderkräfte, durch den Segensspruch, das Gebet, die Berührung heiliger Männer u. dgl. abgeholfem werden! Es liegt darin ein . völliger Widerspruch mit den Behauptungen jener Zeloten den Erfindungen der Wissenschaft gegenüber, —'aber auf einen Widerspruch mehr oder weniger kommt es dem Aberglauben nicht an. Die unwissende und die halbwissende Masse sieht sich beständig den Geheimnissen der Natur gegenüber, ebenso wie dem Wandel und Wechsel in den Geschicken der Menschen aus ihr unerklärbaren Gründen. Dabei fehlt es ihr an der klaren Vorstellung vom göttlichen Wesen, von den Gesetzen, die Gott seiner Schöpfung eingesenkt, und nach denen er die Menschen und die Menschheit leitet, und wenn ihr die reinere Lehre der Religion noch so oft gepredigt wird, so vermag sie dieselbe nicht ganz und sicher festzuhalten und läßt sie sich leicht wieder trüben und fälschen. Der Verstand bleibt in ihr immer noch wenig entwickelt^ selbst wenn sie im materiellen Treiben des Lebens recht gut Bescheid weiß und es bis zur Schlauheit gebracht hat, dagegen überwuchert die Phantasie und giebt jeder leidenschaftlichen Bewegung ihres Gemüthes eine bereite Handhabe. So wird diese Menge schnell und leicht die Beute des Aberglaubens, noch dazu, wenn er im Gewände der Frömmigkeit, mit den schönsten Verheißungen in der Hand.und Mit tausend Wundergeschichten geschmückt ihr entgegentritt. ' Schwieriger wird die Frage, wie es in det Seele dessen aussieht, der sich zum Propheten des Aberwitzes macht, ohne ein bewußter Betrüger zu sein, wenn wir ihn auf der Waage der Sittlichkeit und des.Geisteszustandes abwägen wollen. Zunächst freilich kommt hier der überlieferte' Aberglaube als bedeutsamstes Moment heran, die in der Vergangenheit selbst zum System ausgebildete Kabala, sowie in anderen Religionen der selbst von der Kirche, genährte Wunder- und Heiligenglaube. Wer sich vom Boden der alten Orthodoxie her in diese Kabala versenkt, sie also weder geschichtlich versteht, noch eine wissenschaftliche Bildung ihr entgegenzustellen vermag, der kann schließlich heute noch zum Glauben an dieselbe kommen und sich im Besitz'geheimer Mittet, göttlicher Kräfte und des Schlüssels zu ihrer Anwendung wähnen. Geister, die selbst noch auf dem Standpunkte des Mittelalters flehen und die Erzeugnisse dieses Mittelalters studiren, warum sollen sie nicht in die Irrwege desselben sich versenken und verlieren können? Die Selbstüberschätzung, die Selbstüberhebung liegt dem Menschen, wenn er sich im Besitze irgend eines Vorzuges glaubt, sehr nahe, und in wundersamer Verschlingung steht hier oft die aufrichtigste Demuth mit dem überschwänglichsten Hochmuth in den Tiefen des Geistes bei einander. Solch' ein Mensch erkennt sich in seiner Schwäche und Hinfälligkeit, in seiner Beschränktheit und SDürftigleit, unb toä^nt; bod^, sei es durch unmittelbare Gabe Gottes, sei es durch das Studium überlieferter Geheimlehren ausgerüstet mit übernatürlichen Kräftenj für deren Anwendung er in der Noch seiner Mitmenschen und in der Befriedigung seiner eigenen Selbstsucht die Entschuldigung findet. Machen wir uns dies Alles deutlich, so werden wir uns über die schnellen Fortschritte einer abergläubigen Strömung nicht wundern, daraus aber unl so mehr die Pflicht erkennen; ihr frühzeitig und nachdrücklich entgegenzutreten, um sie zu dämmen. Än Zachen der jüdischen Gemeindeverfassüng in Preußen. Wir erhalten folgende Zuschrift: Samter, 5. März 1874, In der Voraussetzung, daß es für die Leser der Zeitung des Judenthums von Interesse ist, zu erfahren, wie man über die Frage: „ob mit dem Austritt aus der jüd. Gemeinde zugleich jede Verbindlichkeit gegen, dieselbe aufhören soll" in-verschiedenen Fractionen des AbgeordüÄjMhäNses denkt, erlaube ich mir Ihnen Abschriften zweier Briefe unserer beiden Abgeordneten Kiepert (national-liberal) und Hundt v. Hassten (neu konservativ), an

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