Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1874)
- Date
- 1874-03-10
- Page
- Seite 181 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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181 ohne dm Beistand oder, doch -die Anwesenheit unserer Dame über, die Geburtsstunde hiuauskommeu, -und unsere Greisin war Tags, und Nachts zu dieser freiwilligen HAfe bereit. Sie machte keinen Unterschied, als den, .daß sie von dm Reiche« niemalst auch nur das geringste Geschenk annahm, den Armen aber- Unterstützungen brachte, für wAche sie die ähr verpflichteten Reichen in Anspruch nahm. Sie war mit einem veilchenblauen, Seidenkleide und einem seinen weißen Spitzentuche geschmückt, uuri den Hals einige Perlenschnüre, aus dem Kopfe über dem zartem grauen Haare, von dem nach der religiösen Vorschrift freilich, nicht ein Härchen zu sehen war, die aus Goldfäden gewobene feste Mütze, wie damals die alten Damen noch trugen, au die.- sich brabanter Spitzen schlossen, die sich über die-edle, weiße Stirn legten. Es waren kostbare Reste früheren Reichthums, die anzutasten Niemand, selbst in der größten Noch, den Muth gehabt hätte. Hinter ihr, wie gesagt, der Mann, so einfach, so unscheinbar, und doch der edelste, liebevollste und wahrhaft frömmste Sinn aus Antlitz und Erscheinung leuchtend, auf dem trotz der Sechzig immer noch vollen und dunklen Haare, die hohe Sammetmütze. Die Mutter richtete einen etwas scharfen Blick aus das. Mädchen , und sagte: „Nun, Dora, giebt es nichts weiter zu chun, als die Zeit angenehm zu -verplaudern?" Die Frau sprach wirklich schon ein ganz gutes Deutsch. Man irrt sich, wenn mau glaubt, baß zu jener Zeit wenigstens im Herzen Deutschlands die Bildung noch ganz außerhalb der jüdischen Masse stand. Selbst das ältere Geschlecht hatte, sich selbst unvermerkt, schon die schnellsten Fortschritte gemacht, und diese Dameso streng in der genauesten Beobachtung des kleinsten religiösen Brauches, ließ sich doch gern schon einen Roman von Lafontaine vorlesen. Weniger war dies bei dem Herrn des Hauses der Fall, der nur täglich sein Psalmbuch in die Hand nahm und eifrig darin las, obschon er nicht viel davon verstand und — vielleicht darum um so größere Innigkeit des Gefühls und warme kindliche Gottesfurcht hmeinlegte. Sein Herz floß über von diesen Empfindungen und die heiligen Laute waren nur die Kanäle, in die sie sich nach außen ergossen. „Verzeihen Sie," hob Bernhard an, „Dora reichte mir das Esten, und wir hatten wirklich Wichtiges mit einander zu besprechen." „Es ist schön , gut," antwortete die-Matrone mit feinem Lächeln. „Darf man aber von diesem Wichtigen auch etwas erfahren?" ,-Gewiß," lautete die schnelle Antwort. „Es gehört ebenso vor Ihr Urtheil, wenn Sie sich dafür interessiren." Und nun berichtete er über die Aussichten, welche sich für die Erlangung der Kijnmin für ihn eröffnet-hatten. Die Eltern, die ebenfalls Platz genommen, schienen sehr erfreut, und ebenfalls kaum Zweifel' zu hegen.; 7 / ,M würde buch sehr glücklich machen," sagte die Mutter; denn, offen gestanden, eine lange , sich hinschleppende Brautzeit, ohne Aussicht, wann sie enden werde, ist für Eltern und Kinder sehr drückend, und da wir vvnmal zu Eurer Verbindung unsere Zustimmung gegeben, -wäre es erwünscht, -wenn wir bald zum Ziele kämen." . Bernhard warf einen fragenden Blick auf das Gesicht der Matrone. Seine scharfe Menschenkenntniß ließ Hn selbst seine Kurzsichtigkeit überwinden, und wie mit einem raschen Entschlüsse hob er nun auch von seinen Entwürfen für die Zukunft an. Mit klaren Worten; gedrängt und verständlich, setzte er sie auseinander, die Sicherheit, welche der Rath und die Betheiligung des Hofbuchdruckers, die Mitwirkung von Männern, wie >er sie aufzählen konnte, und das Zusammenwirken der erprobten Collegen gewährten, und die Bortheile, die er sich versprechen konnte. Besonders in dem alten Manne regte sich volle Beifälligkeil; seine kaufmännische Erfahrung widersprach der Ausführbarkeit des Unternehmens nicht, denn auf ähnliche Weise fingen damals auch die später bedeutendsten Geschäftsmänner an, und der Gedanke, daß aus seiner Familie hebräische Bücher hervorgehen sollten, bereitete ihm große Befriedigung. Durch immer wiederholtes Kopfnicken, drückte er seinen Beifall aus. Da wagte Bernhard es, selbst mit dem Wunsche, die Mitgift seiner Braut schon bald, wenn auch in Terminen, ausgezahlt zu erhalten, Dovznrücken. Es war ihm wohl ein peinlicher Augenblick, eine jener herben Aufgaben, denen sich der gefühlvolle Mann schwer unterzieht, und nur mit der Empfindung, daß er sich ihnen um höherer Zwecke willen unterziehen muß. Es war seinem Zartgefühl zuwider,;gu dieser Mitgift seine Zuflucht nehmen zu müssen, und die Furcht-vor der Beschämung, wenn 'eine Weigerung erfolgte, drückte ihm das Herz ab. A-ber es mußte geschehen. Die Mutter schwieg eine Zeit lang. Dann hob sie an - „Aber, Lieber, wovon wollen Sie denn Ihre Einrichtung, Ihre Meubles bezahlen? Wir sind leider nicht im Stande mehr äks idie dreihundert Dhaler zu geben, und mit eisernen Buchstaben ilassen sich die Leute nicht bezahlen, noch dazu, da Sie sie doch nicht hergeben dürften!" Bernhard schien auf diese Frage vorbereitet zu .sein, und imit größerer Zuversicht erwiderte err „Hierfür ist -gesorgt Der Kaufmann Bendix zieht, wie Sie wissen, von hier fort, und er Will mir seine Meübles, soweit -ich sie brauchen katln, verkaufen. Sie sind nicht neu, .aber im besten Zustande und für unsere Verhältnisse sehr schön. Dora wird sich wundern und freuen.!Ich werde Sie bitten, .mit mir dieselben anzusehen, geehrte Frau Mutter, und wenn sie Ihnen Zusagen, den Kauf abzuschließen. Es wird sich dann wohl ein Plätzchen finden, wo wir sie einst- '.weiten hinstellen können. Was die Bezahlung betrifft — die ganze Einrichtung soll Einhundert und -zwanzig Thälrr kosten — jfo liegt sie bereit. Ich habe so viel und noch etwäs darüber, Heils in meiner früheren Stelle, Heils hier durch Nebenverdienste -erspart. Besser kann das Geld nicht angewendet werden." 11*