Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 4 (20.1.1874)
- Date
- 1874-01-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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e meine Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. HerausgegeLen von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 vis 2ty2 Bogen. Preis Bierteliähria 1 Thlr. Inserate werden mit 2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postäinter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen au. Än redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. L. Khilippson in Bonn; hinsichtlich des Bezugs und der Inserate an Saumqartnrr's Suchhaudlung inLeipzig. Inserätr, welche bis vonnrrLtag eingehen, finden in der darauffolgenden Nummer Berücksichtigung. 38. Jahrgang. Leipzig, den 20. Januar 1874. JW 4. Inhalt. Leitende Artikel: Die jüdische Geschichte. — Der Islam und das Judenthum. I. — Die jüdische Gemeiudeverfassung und Ll. Lasker. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Aus Mecklenburg, Breslau, Jülich. — Oesterreichisch-ungarische Monarchie: Wien, Pest, Prag. — Frankreich: Paris, Bonn. — Belgien: Brüssel. — Italien: Aus Italien. — Palästina: Berlin. — Am er i ka: Baltimore, Aus Californien. — Feuilleton: Dichterklänge aus Spaniens besseren Tagen. — Ein Jom Kippur in Buenos-Ayres. — Vermischtes. £elbeiid& (XttüUC. Bonn, den 14. Januar. Die jüdische Geschichte. Wir äußerten jüngst wieder, was wir bei früheren Gelegenheiten schon öfter ausgesprochen, daß es vom Nebel sei, wenn der Unterricht der jüdischen Jugend sich zumeist auf die biblische Geschichte beschränkt und hiernach auch die Lehrbücher, so daß von der Kenntniß der späteren Geschichte unseres Stammesund Glaubens wenig in die größeren, selbst die gebildeteren Kreise unserer Glaubensgenossen dringt. In der That erachten wir .mitten in der gänzlich veränderten Lebensweise der Juden in der westlichen Hälfte Europa's, mitten in den zersetzenden Elementen des modernen Lebensader modernen Bildung und Wissenschaft, der oberflächlicheren und der tieferen philosophischen Raisonnements, der auf einige naturwissenschaftliche Beobachtungen aufgebauten materialistischen Hypothesen, mitten in diesem ganzen Gewühle erachten wir als die beiden festesten Säulen des Judenthums in den Geistern seiner Bekenner: die jüdische Gotteserkenntniß und die Geschichte des Judenthums. Die erstere giebt uns positiv eine lautere, in der Uebereinstimmung der Vernunft und des Herzens gefestigte religiöse Ueberzeugung, aus der die höchsten sittlichen, socialen und politischen Principien und Vorschriften erfließen, negativ die Freiheit, vom Zwange formulirter Dogmen und von hierarchischen Banden, und giebt uns so über alle ringenden, und kämpfenden Parteien hinweg eine feste geistige Stellung. Die Geschichte des Judenthums ertheilt aber dieser Ueberzeugung eine concrete Gestalt, das Bewußtsein, daß jene eine aus den Jahrtausenden erwachsene und durch sie hindurchgefchrittene reale Erscheinung ist, die noch dazu an einen bestimmten Stamm gebunden war, welcher für sie unaufhörliche Opfer gebracht und ihren Bestand den Nationen, ihre Entwickelung sich selbst abgerungen hat. Diesen mächtigen Dienst kann aber die bloß biblische Geschichte, die noch dazu das Miteigenthum fast aller Confessionen geworden, dem Juden nicht leisten. Dieses Alterthum, so heilig, so inhaltsreich, so unentbehrlich es für uns ist, läßt uns doch ohne Kenntniß der darauf gefolgten Jahrtausende, ohne Vermittlung mit der Gegenwart, — wozu schließlich noch kommt, daß die neuere Kritik gerade das biblische Alterthum zum besonderen Schauplatz ihrer Forschung, aber auch ihrer Irrungen und wechselnden Tendenzen gemacht hat. Was man nun gewöhnlich einwendet? Die nachbiblische Geschichte sei nur eine fortlaufende Kette von Verfolgungen dunkelster Art, von der doch nur ein Glied dem anderen gleiche, und die das Gemüth eher verdüstere, als den Geist erhelle und erhebe. Mancher meint sogar, es sei besser, diese ganze traurige Geschichte zu vergessen, und die Seelen der Jugend dadurch unbefangener zu erhalten. Hierin liegt der Jrrthum. Das letztere Moment ist der Widerlegung kaum werth. Verweichlichung, Verzärtelung der Gefühle ist eine schlechte Erziehungsmethode, und die bloße Unbefangenheit und Naivität ist auf dem Schauplatz des Lebens die zerbrechlichste Wehr. Darin aber liegt ein grober-Jrrthum, daß die nachbiblische Geschichte des Judenthums