Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1873)
- Date
- 1873-11-25
- Page
- Seite 784 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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784 gegebenen Verhältnissen, auf Recht und wohlverstandene Freiheit sich stützend, segensreich wirken wird aus lange Zeiten! I Niemand kann, Herr Abgeordneter, Ihren vielfachen Verdiensten nicht blos eine achtungsvollere, sondern auch eine Herzlichinnigere Würdigung angedeihen lasten, als ich, und darum werden Sie dieses ossenmüthige Wort nur als ein Zeichen aufrichtigen Vertrauens ansehen. Bonn, 13. November 1873. Di-. Ludwig Philippson. Äus Rußland. Wir erhalten aus Schirwindt vom 10. Nov. folgenden Bericht, der die Zustände charakterisirt: Dem Gastwirth Simon Köper, im Dorfe Szulie, Gemeinde Dobrowola, Kreis WladyStawow, Gouvernement Suwalki, wurde in mitternächtlicher Stunde vom 16. auf den 17. August 1873 feine älteste 14 jährige Tochter Mina entführt. Mit diesem Kindcsraube wurde zugleich ein Diebstahl, betreffend 25 Rubel laar, 2 Wechsel über 60 Rubel, Wäsche im Werthe von 30 Rubeln begangen. Das Opfer wurde in derselben Nacht zu dem eine Meile entfernten katholischen Pfarrer im Kirchdorf Soko, rudy, Kreis Marjampol, hingefnhrt, um. cs aus dem Altar der alleinseligmachenden katholischen Religion durch die Taufe darzubringen. Die Zeit bot gerade zu dieser Seelenjagd die beste Gelegenheit, denn der neuinstallirte Bischof, der in diesem Monat seine Rundreise durch das Gouvernement hielt, wurde diesen Sonntag, den 17., in Sokorudy erwartet; daher wollte ihm der dortige Pfarrer durch diese fromme That seinen Neligionseifer bezeigen. Der unglückliche Vater, nachdem er von bekannten Bauern den Aufenthaltsort seines Kindes erfahren hatte, begab sich den 17. zruu Pfarrer, bat ihn mit thränenden Augen, zum wenigsten sein Kind sehen und sprechen zu dürfen. Der Pfarrer, um sich der herzzerreißenden Klagen des Unglücklichen zu befreien, versprach ihm seine Bitte am anderen Tage zu gewähren, da er heute, wie er vorgab, zu sehr beschäftigt sei mit dem hohen Gast und den vielen Geistlichen, die heute anwesend seien. Und als am anderen Morgen die Eltern zum Pfarrer kamen, ihm zu Füßen fielen, weinten und ihn um Erfüllung seiner gestrigen Zusage, ihnen ihr Kind zu zeigen, anslehten, fuhr der Hartherzige sie barsch au, däß er von Nichts wiffe, ihre Tochter habe sich niemals bei ihm aufgchalten; seine gestrige Zusage leugnete er gänzlich ab, und schloß mit diesen Worten: Ich gebe Euch die Erlaubniß, mein ganzes Haus durchzusuchen, und wenn Ihr Euere Tochter bei mir findet, sollt Ihr nicht allein ste zurückbelommen, sondern ich gebe Euch noch 100 Rubel baares Geld", — und diese letzten Worte sprach er auch in Wahrheit, denn nur mit Hinterlist hatte er seine gestrige Zusage gegeben, damit er das Mädchen in der folgenden Nacht heimlich zum Pfarrer in das Städtchen Sapiezischki fortschicken könnte. So wurden die trauernden Eltern auf das Grausamste getäuscht und abgewiesen. Und als sie endlich daffelbe Verfahren auch von dem letztgenannten Pfarrer, der nach der Aussage einiger Bauern ausdrücklich befohlen haben sollte, das gestohlene Geld, die Wechsel und die Wäsche heimlich dem Vater zurückzustellen, und für das Mädchen nur ein Hemd und ein Kleid zurückzubehalten, erfuhren, begab sich der unglückliche Vater mit einer Bittschrift zum Gouverneur, worin er seine trostlose Lage der Wahrheit gemäß schilderte, und bat Se. Excellenz auf das Flehentlichste, den Naczalnik von Wladhslawow, der für einen strengrechtlichen Beamten gehalten wird, zu bestimmen, auf Ort und Stelle eine strenge Untersuchung vorzunehmen. Allein was geschah? Der Naczalnik bestimmte den. Wojt (Voigt)' von Dobrowolo, der bekanntlich nur vom Gehalte, den ihm die Bauern seiner Gemeinde geben, lebt, die Untersuchung abzuhalten. Dieser aber, nachdem er ohne Beisein deö Klägers die Untersuchung zum Schein vollzogen hatte, rapportirte dem Naczalnik, und dieser dem Gouverneur, daß weder die Bauern, noch die beiden Pfarrer Etwas von einem jüdischen Märchen zu sagen wüßten. Zwar wagte noch der trostlose Vater, beim Naczalnik die bescheidene Frage zu stellen, weshalb er selbst die Untersuchung nicht vorgenommen habe; er wurde aber zum Naczalnik nicht zugelaffen, sondern erhielt von dessen Avjunct die höhnende Antwort: „Thörichter Jude! wie verlangst Tu, daß ein Naczalnik sollte sich wegen eines Iudenmädchens herabwürdigen, und eine Reise von 5 Meilen unternehmen, um eine Untersuchung vorzunehmen"? Mit einer solchen unerhörten Abweisung kehrte der Unglückliche nach Hause. Mögen unsere hochgestellten Glaubensgenossen mit allen ihnen zu Gebote stehenden moralischen Kräften für die heiligsten Rechte der trauernden Eltern bei der hohen Negierung sich interessircn, dann würden hoffentlich die Unglücklichen ihr geraubtes Kind zurückerhalten, und die Miffethäter nicht unbestraft bleiben. G. II. Man sieht aus Obigem, daß in Polen die katholische Geistlichkeit durchaus nicht so gedrückt und beschränkt ist, wie sie mit vielem Pathos ausschreit, und welches Schicksal unsere dortigen Glaubensgenossen erwartete, wenn sie wieder die Oberhand gewänne! (Die Redaction., Uadbiiierbildiuigsanstalt iit Pest. (Officieller Bericht.) Budapest, 10. November. Die zum Jnslebenrnfen der Rabbinerbildungsanstalt gewählte ständige Commission hielt am 4. d. ihre erste Sitzung, welche Herr Martin Schweiger, Präses der israel. Landescanzlei, um