Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-09-16 · Heft 38 (16.9.1873) · p. Seite 626

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 38 (16.9.1873)
Date
1873-09-16
Page
Seite 626 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226945--31972-3254919
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

626 Bahn und Wirkung, — und dennoch auch alle diese Wesen haben, wenn sie auch nach unveränderlichen Gesehen existiren, ein Geschick für ihr Dasein, das aus der Fügung der Umstände hervorgeht, und nicht allein ans dem Gesetze erklärt werden kann. Die Hand, welche das Blümlein pflückt, die Kugel, die daS fliehende Reh ereilt, der Sturm, der den Stamm der Eiche bricht, der stürzende Felsblock, der den Lauf des Baches dämmt und verändert, und das blühende Thal zu einer Trümmerwüste wandelt: sie alle thun nach dem Gesetze, aber auö einer Fügung heraus, die über den Gesetzen waltet. Um wie viel mehr für den Menschen, der im Selbstbewußtsein und in der Freiheit res Willens thut undläßt, und zur Entwickelung seines Geistes berufen ist! Der unendliche Weltengeist, vor dem Nichts klein und Nichts groß ist, umfaßt Alles; sein ist die Fügung, Er ist die Vorsehung und die Vergeltung! Vermischtes. Zn der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" giebt ein Herr Fr. Pecht in „Briefen von der Wiener Weltausstellung" kritische Schilderungen aus der letzteren. Zn feinem achten Briefe, der über die deutsche Malerei handelt, sagt er: „Dagegen macht Bendemann's Jeremias, oder eigentlich die Wegführnng der Juden nach Babylon durch Nabuchodonosor, einen immerhin im-! ponirenden Eindruck, obgleich mau bei den vielen verzweisluugsvollen Iudengesichtern weit eher an einen großen Börsenkrach, als an ein Nationalunglück Lenkt. Sogar den in der Mitte sitzenden Jeremias, welchen die gefangen vorüberziehendcn Juden alle, man weiß nicht recht warum, verwünschen und verfluchen, ist man sehr versucht, für eine Art Rothschild oder Schey zu halten, der auf einmal keine Papiere mehr „in Kost" nehmen will, und dadurch so viel Unglück verursacht, dem er nun gefühllos zusieht. Nichtsdestoweniger hat das Bild viele schön erfundene Gruppen, und das Ganze spricht sich vollkommen verständlich aus, wenn man nun einmal auch schwer dazu konnnt, diese Hebräer tragisch zu nehmen, obwohl man überall durch den großen Styl des Ganzen wohlthätig berührt wird." Also das Bild macht einen imponirenden Eindruck, hat einen großen Styl, im Ganzen viele schon erfundene Gruppen, und spricht sich vollkommen verständlich aus, — aber das brennende Jerusalem, der Prophet Jeremias, die verzweislungsvollen Gefangenen, — sic erinnern den Herrn Kritiker nur an — Rothschild und den Börsenkrach! Welch'einen trefflichen Sinn für die Kunst, welch' ein ausgezeichnetes Berständniß für die Geschichte! Und hierüber stellt sich der Mann selbst ein solches Armuthszengniß.aus! Wir bedauern ihn, der noch dazu kritische Berichterstattungen schreiben muß. Wenn er vor einer griechischen! Antike steht, fällt ihm sofort irgend ein Hausen des griechischen Lumpengesindels im jetzigen Piräus ein! Wenn er ein Kaiserbild im frankfurter Römer beschaut, etwa eines Hohenstaufen, stört ihn der Gedanke, daß diese Leute Nichts weiter gethan, als Italien verhehrt, während sie das deutsche Reich verfallen und des Kaisers Ansehen zu einem Schemen werden ließen. Wer kann dafür, daß er keinen Sinn für das Heroische und Tragische in der Geschichte der Völker hat! Die Kämpfe der Engländer um ihre Magna cliarta und ihre constitutionelle Verfassung erscheinen ihm lächerlich, weil er in den jetzigen Briten nur Vaumwollenkrämer sieht. Was hat wohl die französische Revolution von 17 80 Heroisches oder Tragisches für ihn, da ihm nur das Zerrbild erscheint, das in tiefem Augenblicke die Franzosen darstellen, und er bei Ludwig XVI. nur an Frohsdorf denken kann. Und die neueste Geschichte Deutschlands erinnert ihn nur an das 'deutsche Misi-re bis zur neueren Zeit. Allein Herr Pecht hat gut lachen und spotten, wo wir trauern. Seine Vorfahren haben ltnfeve Vorfahren noch vor 200 Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt, oder auf die Folterbank eines abscheulichen Druckes gespannt. Und warum hielten Dies diese Juden, die er einmal nicht tragisch nehmen kann, -aus? Doch nur um ihres Glaubens, um der Wahrheit willen, die sie in ihrer Gotteserkenntniß fanden, denn ein Schritt zur Kirche hätte sie von allem Elend erlöst! Und welcher Heroismus beseelte Diejenigen, welche diese Gräuelthaten verübten, und diesen unerträglichen Druck verhängten! Was würde Herr Pecht erst vor Lachen sich ausschütten, wenn er vor Lessing's Arbues stünde, und da sähe, wie eine jüdische Familie auf den Scheiterhaufen gebracht wird.!Tragisch kann eres nicht nehmen, imponirend ist es auch, schön! gruppirt, und sehr verständlich, — aber die Juden!! Unze Die Vorbeter-, Schächter- und Neligionslehrerstclle bei unserer Gemeinde ist, wenn möglich sofort, sonst aber bald nach den Feiertagen zu besetzen. Gehalt bei mindestens lau Thlr. Nebeneinkünften 200 bis 250 Thlr. Der Vorstand der Synag.-Gem. zu Landöberg O/Schl. Für mein Manufaeturwaarongeschäft mit eigener Färberei und Druckerei suche ich erb 1. iSctobcr «. einen wohlerzogenen Knaben als Lehrling. Kost u. Logis in ineinem Hause. Laucnburg i/Pvmm. ' M. II. Kaum. r g e n. Ein jnnger Talmudist, der bereits mehrere Prediger zum. Rabbinats-Examen «zur Erlangung der nN-nn mnn) mit Erfolg vorbereitet hat, dem auch die besten Zeugnisse über Kenntnisse und Leistungsfähigkeit zur Seite stehen, sucht eine entsprechende Stelle. ^Offerten besorgt die Erped. d. Bl. unter Für ein Fleischu. Wnrstwaarengeschaft wird ein tüchtiger junger Mann «Israelit) gesucht. Derselbe muß in diesem Fache schon gearbeitet haben. Refleetirende wollen ihre Arresten unter tt. 25. der Exped. d. Ztg. zugehen lasten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.