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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-09-09 · Heft 37 (9.9.1873) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 37 (9.9.1873)
Date
1873-09-09
Page
Seite 610 (sequence 12)
Language
German
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010 größten Thcile schwindet. Immer aber ist doch Dies und die Abschwächnng des Wissentriebes zu beklagen. — Tann klagt man in unserer Zeit, daß das große, auch das sogenannte gebildete Publicum außer Zeitungen und- Romanen Nichts mehr lese, und gegen ernstere Leclüre Widerwillen empfinde. Das ist eben der Erfolg, daß der Wissensdrang in dem Kinde eher geschwächt als genährt wird, und ihm die Geistesarbeit in der Schule nicht interessant und zum BergnLigen, sondern zur Beschwerde und Mühsal gemacht wird. Es bleibt eben nur die Neugierde und die Unterhaltungslust übrig. Tie Einrichtungen und die Methoden in der Schule machen hier die Hauptsache aus. Allein es ist schwer, zu sagen, und hier gar nicht der Ort dazu, wie sie zu verändern seien. — In einem kleineren Theile der Menschen arbeitet sich der Wissensdrang durch alle diese Hindernisse, und wächst mit den Bewußtsein und mit den Erselgen. Hier ist cs aber, wo den Menschen ein neuer Kampf erwacht. Das Problem ist gestellt, die Aufgabe erkannt; aber die Schwierigkeiten, es zu lesen, sind groß, die Begierde, zum Resultate zu gelangen, Gewißheit zu'erringen, wird immer heftiger; aber dieses Ziel rückt in weitere Ferne hinaus. Es ist oft ein rauher Weg, ein herber Kampf; nicht selten ermattet der Geist, und rafft sich erst später wieder auf; nicht selten glaubt er dem Ziele sich ganz nahe, und sieht sich getäuscht. Wehe, wenn er zuletzt an der Lösung der Aufgabe verzweifeln muß, — welche Bitterkeit der Gefühle, welcher Zweifel an der Befähigung des Menschen, dem eine Aufgabe gestellt ist, an deren Lösung er verzweifeln muß! Schwerer wird dieser Kampf, wenn cs sich nicht um Probleme der Wissenschaft handelt, sondern um Das, was wir Wissen und Glauben nennen. Hier kehren wir von dem Gelehrten zur Mehrheit der Menschen zurück. Glauben muß jeder Mensch, d. h. ein Jeder muß eine Menge von Dingen als wahr und richtig annehmen. eie er gelbst zu prüfen keine Gelegenheit hat. Nicht einen Schritt im Leben, ja auch in der Wissenschaft können wir thnn, ohne dieses Bertranen, diesen Glauben. Aber was unserer Wahrnehmung unterliegt, und woraus es uns ankommt, da sehen wir zn, ob die Wirkungen vorhanden sind, die ans Dem neihwendig folgen mußten, was uns mitgetheilt worden. Da wandelt sich unser Glauben in Wissen. Zn manchen Fällen ist auch diese Operation mit einem Kampfe verbunden. Wir sträuben uns oft, die Wahrheit eines uns nnlgetheilten Ereignisses anzuuehmeu; wir sträuben uns nicht selten, die Glaubwürdigkeit einer Person in Zweifel zu ziehen, der wir vertrauten. Ueberzeugen wir uns von der Richtigkeit jenes, oder von der Richtigkeit dieser, wie bitter fühlen wir uns da enttäuscht! — Und doch ist Dies nur ein leichteres Spiel gegen die Fragen über die höheren und ■ übersinnlichen Tinge, die sich uns aufdrängen, die wir vergebens vom Glauben zum Wissen, vom Glauben zu einer gewissen festen Ueberzeugung bringen wollen, und DieS entweder nur unvollständig oder gar nicht vermögen! Ein jeder Mensch bringt aus seiner Kindheit und Erziehung eine größere oder geringere Masse von Glaubensmeinungen in das ernstere Leben, in die Zeit der geübteren Geisteskräfte mit hinüber; einem jeden Menschen treten mehr oder weniger lauter oder leiser Zweifel gegen diese ihm überlieferten und anerzogenen Glaubensmeinungen entgegen. Und Dies bedeutet einen schweren und dauernden Kampf für den Menschen. Wir müsicn zugeben, daß viele Menschen auch hiergegen stumpf bleiben, entweder an allen diesen Fragen gleichgültig vorübergehen, oder auch über Vas blinde Festhalten an dem erlernten Glauben gar nicht hinauskommen. Meine Meinung ist, daß mau die Anzahl solcher Menschen weit höher anschlägt, als sie in Wirklichkeit ist. Wer vermag in das Innere der Menschen zn schauen? Biele läßt die Macht der Gewohnheit, die Ungeüblheit des Denkens und die Luft an der Trägheit rascher über alle 'angeregten Zweifel hinwegkommen: es ist keine eigentliche Ueberzeugung, die sie im Alten festhält, sondern die Ansicht, daß sie cs doch nicht zu einer Lösung der Fragen bringen könnten, und damit beruhigen sie sich. Es kommt daraus an, ob ihnen die Zweifel in nachdrücklicker Weise, wenn ich so sagen darf, auf den Leib rücken. Tenn auch Das müssen wir zngeftehen, daß es Zeiten giebt, wo der überlieferte Glauben über die ungeheure Mehrheit der Menschen eine völlige Herrschaft übt, weil bei der Mangelhaftigkeit der Geistesbildung und Geistesthäligkeit Zweifel gar nicht ausgesprochen, begründet und verbreitet werden. Giebt es doch selbst Perioden, in welchen ans einige Zeit irgend ein anderes Interesse,;. B. das politische, die Geister so erregt und einnimmt, daß an Glanbensfragen gar nicht gedacht wird, und diese ganz in den Hintergrund treten. Dann kommen andere Zeiten, in welchen sie eine weite und vielbewegte Arena eröffnen, und die gesammte Gegenwart in sie hineinziehen. Da geschieht es, daß selbst Diejenigen nicht verschont bleiben, welche sich gern in dem überlieferten Glanbensschatz ruhig verhallen, da sie ihn jedenfalls zu vertheirigen ansgernfen sind, wobei es ohne heftigen Kamps nicht abgeht, auch nicht ohne Kamps im Innern, da jedenfalls Streiflichter in die Seele fallen, welche den absichtlich bewachten Schatz selbst wider den eigenen Willen beleuchten, lind dessen schwache Stellen sichtbar niachen! Welche Wandlungen gehen hier vor, und welche Kämpfe! (Schluß folgt.) Vermischtes. In Schwan Mecklenburgi wiederholte sich jüngst, was vor einiger Zeit aus einer anderen Stadt am Nordseestrande berichtet wurde. Daselbst schaffte ein Einwohner einen Leichenwagen an, den er vermiethete. Als dieser kürzlich für eine jüdische Leiche benutzt worden, ließ der Pastor loci den Inhaber des Leichenwagens rufen, und drohete ihm, falls er ihn noch einmal von den Juden benutzen ließe, er nicht mehr für christliche Leichen gebraucht werden dürfe!

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