Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1873)
- Date
- 1873-08-19
- Page
- Seite 557 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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der Frostschauer schnitt uns bis ans das Mark ein J unsere Lc-i bensnnttel waren karg, und die Ermüdung groß. Gegen Mittag des dritten Tages war ich als Unterofsicicr an der Spitze von etlichen zwanzig Mann als Avantgarde vorausgeschickt worden, um ein Tors sür die Nacht zu occnpiren. welches am folgenden Tage von unserem ganzen Trupp besetzt und für einige Zeit zum Standquartier gemacht werden sollte. Tas Tors war in guter Jahreszeit vielleicht in zwei Stunden von dem Sne, von dem ich mit meinen Leuten ansmarschirte, zu erreichen; aber in diesem scheußlichen Wetter und auf dem grundlosen Wege, auf welchem wir Schritt vor Schritt einsanken und säst stecken blieben, kam der späte Abend heran, bevor wir das Tors in Sicht bekamen, ' eine Baiern fluchten und wetterten und machten ihrem Aerger durch Schimpfen und fürchterliche Drohungen gegen das französische Lumpengesindel, wie sie es nannten, Lust. 2ch glaube, die Furcht, einzeln von den Franctireurs aufgegrisfen zu werden, hielt sie mehr zusanimen als selbst die Tiseiplin. Ich suchte sie auf alle Weise aufzuinnntern und zu beschwichtigen, was aber wenig half. Als wir endlich in die Nähe des Dorfes gckoiumen waren, - der Regen hatte einmal wieder einige Zeit aufgehört, desto schneidender pfiff der Wind und zcrtheilte sogar die Wolken, daß der Mond einiges schwache Licht herniedersandte, — gewahrte ich, daß es ein sehr ansehnliches Nest war, daß aber ungefähr ein Dutzend Häuser abgesondert zusannnenlagen, getrennt von dem bedeutenden Geeste durch einige Gärten und -ein ziemlich angeschwolleues Flüßchen. Ich beschloß daher, mit meim'ui geringzähligen Detachement nur diese abgesonderte Häufergruppe zu besetzen, mir erst am andern Morgern mir das Weitere anznsehen. Da ich, so weil man sehen konnte. — was freilich nicht sehr weit war, — keine Brücke über das Flüßchen bemerkte, so schien mir auch unsere Position etwas gesichert. Wir marschirren daher vollends auf das Bordörschen los. Da lag.Alles in dichter Dunkelheit, kein Mensch war zu gewahren, nicht einmal ein Hund bellte, Thuren und Fensterläden waren geschlossen, vielleicht sogar verrammelt, kein Lichtstrahl drang ans irgend einer Spalte. Meine Leute, die sich nach den kleinen Häusern vertheilten, riesen: Licht, Licht, ausgemacht! u,ld llopften au die Thüren und Laten. 'Nichts regle sich. Waren die Häuser verlassen? oder hielten sich die Bewohner versteckt? Man zaudene nicht, stieß mit dem Gewehrkolben gegen die Thüren, hier und da krachten diese, und da sich immer noch nichts regte, wurden die Soldaten wild und stießen nun Thüren und Läden mit Gewalt ein. Ich hielt meine Leute nicht davon zurück, denn wir bedurften der Nahrung und Ruhestätte allzusehr; aber ich eilte doch von Haus zu Haus, mit möglichst grobe Excesse zu verhindern. Der Soldat, wenn er in Wnih geräth, zerstört oft Das, was ihm selbst nützlich oder gar nolhwenrig ist. Hier und da kamen denn nun auch einige Leute mit Licht zum Borschein, entweder vor Angst und Schrecken zitternd und außer Fassung oder selbst in Aerger und Wuth schimpfend und drohend, wohl auch zur Abwehr mit Aepten und Mistgabeln bewaffnet. Aus Schonung seitens unserer Soldaten war nicht viel zu rechnen. Eben war ich an ein Hänschen gekommen, daö etwas größer als die anderen und gut erhalten schien, als die Thüren krachend einstürzten, zwei Soldaten mi: ausgepflanztem Bajonnet hineindrangen und da auf eine kleine Gruppe jammernder Menschen stießen, einen Greis, eine alte Frau und ein junges Mädchen, welches letztere eine brennende Lampe mit den zitternden Händen hielt. Die Soldaten wollten sich eben ans die Leute werfen, als ich den Ruf: „Sch'ma Iisroel Hülfe! Hülse!" hörte. Waö ich jedenfalls gethan, darin bestärkte mich noch dieser Ausruf: ich stürzte hinein, schrie: „Zurück, zurück!" und riß den einen Soldaten zurück, der andere hielt auf meinen Anruf.. Das Mädchen faßte sich alsbald bei meinem.Anblick, während ihre alten Ellern keines Wortes mächtig waren, und rief, freilich in französischer Sprache, die meine Leute nicht verstanden: „Wir wollen alles hergeben, was wir haben, schonet nur unser Leben!" Ich beruhigte sie mit einigen Worten, gebot, daß sie vor allem Feuer anzünden, Wein, Fleisch und Brod herbeischassen und Wasser zum Kochen ansetzen sollten. Dann würden meine Leute ihnen Nichts zu Leide thun, und zum Ueberslnß versprach ich wiederzukommen und vielleicht selbst hier mein Nachtquartier zu nehmen. Nasch wollte ich mich.wieder entfernen, um auch, in den andern Häusern nachznseheu, wo sich ja dergleichen Scene» wiederholen mußten, als der alte Mann mir ängstlich zurief: „Schäumer. Iisroel, es ist ja Schabbes, wir können kein Feuer änzünden!" Aergerlich erwiererte ich': „Schabbes hin, Schabbes her, wißt Ihr nicht, wo Skones Nefesch ist, hört auch der Schabbes aus, und so viel ich mich erinnere, heißt es einmal: der Schabbes ist um der Menschen willen, nicht der Mensch um des Schabbes willen da!" Mit diesen Worten ließ ich den verdutzten Allen stehen. Ich fand denn auch iu den andern Häusern genug zu ordnen und auszuglcichen, damit zwischen meinen Leuten tind den Franzosen einiges Berstäuduis; käme, da beite Parteien sich dltrch die Sprache nicht verständigen konnten, und es beiden nützlich war, sich zu verständigen. Leider war es in einigen ohne Berwundnngen auf Seilen der unklugen Einwohner nicht abgegangen, denen von den Behörden des Fleckens dieses Berfahren befohlen, und wahrscheinlich auch baldige Hülfe versprochen worden. Nach einer Stunde ltugesähr kehrte ich lies erschöpft nach jenem Hanse zurück, in der Ueberzeugnng, daß ich meine Leute wohlversorgt verlassen halle. Tenn jetzt leisteten die Einwohner, nachdem ich ihnen mit meinem schlechten Französisch ihren Standpunkt klar macht halle, keinen Widerstand mehr, itnd brachten, wenn auch verdrossen, Alkes herbei, was die Soldaten mit stecht fordern tonnten, und im Nothsalk mit Gewalt lind dann in verdoppeltem Maße genommen hätten. Selhsteerstänrlich hatte ich die nölhige Borsichl nicht aus den Augen gelassen mit einige Posten ausgestellt, denen ich, damit Niemand vergessen werde, selbst ihre 34*