Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1873)
- Date
- 1873-08-12
- Page
- Seite 539 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226940--31880-3254822- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oran 1× ep/1048048
OCR text
539! Paris, 1. Äugust. (Nach den Arch. isr.) Nach einem ofsiciellen Dccumente zählen die eingeborenen Israeliten im Departement Algier 10,294, Oran 11,909 und Constantine 7169, also in ganz Algerien 29,372 Seelen, wozu nun noch die eingewanderten Israeliten kommen. — Das jüngst von der Nationalverfammlung angenommene neue Gesetz über den Gottesdienst in der Armee besagt: „Art. 4. Ein Almosenier wird bei jeder Truppe angestellt, welche mehr als 200 Protestanten und mehr als 200 Israeliten enthält. Art. 6. Das israelitische Centralconsistorium wird beauftragt, zur Zeit eines Krieges sich mit dem Kriegsminister zu verständigen, um den Soldaten dieser Religion den Gottesdienst zu sichern." — Diese Bestimmungen sind gewiß lobenswerth. Dahingegen ist in dem Gesetze nichts enthalten, was den Soldaten jüdischer Religion die Feier der Sabbathe, oder wenigstens der jüdischen Feiertage sichert, während sie nach diesem Gesetze die Sonntage und die katholischen Feiertage mitfeiern müsien. Großbritannien. London, 28. Juli. Unter den ersten Würdenträgern des britischen Reiches besindet sich jetzt ein Jude. Es ist dies Sir George I e ss e l, ein ausgezeichneter Jurist, welcher, nachdem er bereits längere Zeit eines der ersten Iustizämter, das eines Solicitorgenerals, bekleidet hatte, nunmehr, der „Morning Post" zufolge, zum Reichsoberarchivar illuster of tlie Nolls) ernannt worden ist, und damit eine Stellung erhalten hat, welche der des Lordkanzlers nur wenig nachsteht. Rußland. Wilna, Ans. Juni. (Privatmitth.) Staatsrath Dr. med. Mendel Davidowitsch Trachtenberg wurde für 35 jährigen Staatsdienst vom Kaiser durch Verleihung des St. Wladimirordens 4. Klaffe ausgezeichnet. Mit demselben ist die erbliche Adelswürde verbunden. Herr Dr. Trachtenberg ist der erste Israelit im Kaiserreich, dem jener Orden zu Theil ward. Ueber die Lebensgeschichte des Genannten, die zugleich ein Stück Eulturgeschichte der Juden Rußlands ist, erfahren wir Folgendes: Im Anfänge der Zwanzigerjahre, als die Juden von dem Gesetz vom 9. December 1804, das ihnen den Eintritt in alle Lehranstalten gestattete, noch, wenig Gebrauch machten, verließ der junge Trachtenberg, von höherem Wissensdrang erfüllt, das Cheder, um daS Gymnasium und sodann die Universität behufs medicinischer Studien zu besuchen. Man kann sich denken, mit welchen Hindernissen, Vorurtheilen, Entbehrungen aller Art der junge Mann zu kämpfen hatte. Von seinen Glaubensgenossen mit Verachtung, von der russischen Bevölkerung mit Zurücksetzung, Ausschließung und Spott behandelt, verfolgte doch, dadurch unbeirrt, Herr Trachtenberg seinen Studiengang bis nach vollendetem academischem Cursus. Promcvirt, wurde es ihm wiederum schwer, einen Staatsposten zn erhalten, da das Gesetz, welches jüdischen Aerzten die Staatscarriöre zugänglich machte, noch ein todter Buchstabe war. Doch durch Ausdauer und Energie brachte es der junge Mann so weit, daß er im Jahre 1836 als Etatordinator am hiesigen Hospital angestcllt wurde, um 1850 als ältester und dirigirender Arzt aufzurücken. Im Jahre 1859 wurde er als Mitglied der Regierungsmedicinalbehörde berufen, welcher er bis zu deren Aufhebung angehörte. Jetzt ist Herr Dr. Trachtenberg einer der renommirtesten und gesuchtesten Aerzte. Es verdient noch hervorgehoben zu werden, daß er sich ein warmes Herz für's Judenthum und treue Anhänglichkeit an seinen Glaubensgenossen, einen regen Eifer für alle Interessen derselben bewahrt hat. Die Hobe Achtung und Liebe, deren er bei den Juden jetzt genießt (die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Menschen!,, gab sich durch seine Wahl als gelehrtes Mitglied der hiesigen Synagogenverwaltung kund; ebenso ' wie er seitens der Regierung hoher Ehrenbezeugungen sich zu erfreuen hat. Sie hatten Recht, als' Sie, gegenüber den übertreibenden Berichten deutscher Correspondenten, die Reformator rolle des Predigers Dainow anzweifeln zu müssen glaubten. Der veränderte Geist der Zeit- und Lebensverhältnisse, das Bedürfniß nach moderner Bildung und Culrnr, der Drang, aus den engabgeschlossenen Sphären herauszutreten, mit alten Gewohnheiten und Beschäftigungen zu brechen, zeigt sich jetzt unter unseren Glaubensgenossen im Czarenreiche, namentlich in der aufwachsenden Generation, in verstärktem Maße. Herr Dainow redet nur, allerdings mit viel Talent und Flachdruck, diesen Ansprüchen einer veränderten Eulturphase in zumeist ziemlich kräftiger Weise das Wort; von einer Reformatorrolle, zu rer im Judenthume gar kein Bedürfniß vorliegt, (da die religiöse und sociale Abgeschlossenheit unserer Glaubensgenossen von selbst aufhört, wenn der Staat und die Gesellschaft die ihrige aufgeben!), läßt sich Herr Dainow wohl selbst nicht träumen. Richtig ist, das; sich derselbe den Haß der versteckten alten Rabbinisten und Chassirim zugezogen hat, weil er eben durch Bildungsgang, Lebens- und Predigtweise diesen näher steht. Obwohl nun unsere Frommen bornirt und fanatisch genug sind, sich der modernen Bildung zu verschließen und gegen die Wortführer derselben gelegentlich kleine Excesse zu verüben, so muß ich doch zu ihrer Ehre erwähnen, daß sie von dem Ziele, wohin Ihre. Frommen in Deutschland bereits gelangt sind, daS Tafeltuch zwischeu sich und den freisinnigen Juden zerschneiden zu wellen, noch himnrelweit entfernt. sind. Für diese verbrecherische Leidenschaft, die in der Geschichte res Judemhnmes nicht Jhres-! gleiches hat, fehlt hier absolut jedes Verständnis;, und zwar