Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1873)
- Date
- 1873-08-05
- Page
- Seite 525 (sequence 11)
- Language
- German
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525 Kampf ausfochten, um über den zusammengeworfeuen Gebeinen prunkende Denkmäler aus Slein und Erz zu erhallen, vielmehr in der stillen Klause unseres eigenen Herzens. Da ist der Kampfplatz gelegen, den wir heute voll Andacht und mit heiligen Schauern betreten wollen. Die Einsamkeit, die Stille um uns her, das sanfte Flüstern des Windes laden uns dazu ein. Du fragst, ob hier wirklich ein Kampfplatz vorhanden sei? Ich antworte, ein immerwährender; seitdem in Deiner Krudesseele das Bewußtsein erwachte, seitdem zum ersten Male ein lebhafter Wunsch in Deinem Herze;', mit einem Gebote Deiner Aeltern, mit einem Verlangen Deiner Geschwister und Genossen, oder selbst mit dem, was Dir Dein kindlicher Verstand befahl, rang, seitdem ist kaum ein Tag vergangen, wo Du nicht einen Kampf mit Dir selbst durchzumachen haltest, und oft ging eie Sonne nieder, und Du befandest Dich auf Deinem stillen Lager, ohne daßder Kanipf entschieden, und eines der kämpfenden Elemente zum Siege gelangt war. Niemand ist von diesem Kampfe frei; er ist dem Menschen eingeboren; je zarter seine Seele besaitet ist, je edler seine Gesinnung und Anschauungsweise sich gestaltet hat, je tiefer, seine Einsichten in das Leben und das Mcnschenwesen geworden sind, desto öfter wird dieser Kamps bei ihm sich einstellen, desto rascher aber auch der Sieg erfolgen. Nein, nicht die wilden Leidenschaften werfen die Streitelemente am meisten in die Seele, sondern nur heftige und verwüstende; denn die Leidenschaft macht blind lind führt eine einseitige Herrschaft, die den Kampf im Inneren ausschließt, und nur despotisch gebietet. Fürwahr, diese inneren Seelenkämpfe gehören nicht zu den leichtesten Aufgaben und Bürden, die dem Menschen geworden sind. Sie sind nicht selten viel schwerer und verheerender für den Menschen, als die härtesten Kämpfe nach außen, die Entbehrungen, Mühsale und leibliche Wunden mit sich führen. Sagt doch schon der alte Weise: Wer sich selbst bezwingt, ist stärker als ein Städteeroberer. So wandeln Helden unter uns, deren Stirnen von keinem'Lorbeer bekränzt sind, und die doch aus der Stufenleiter der wahren Größe hoch über dem tapfersteli Krieger und Heerführer stehen; unscheinbar wandeln sie, Niemand kennt sie als ihr Gott! Und wie wohllhätig ist da der Friede; wie gehoben und durchgeistigt sühlen wir uns, wenn wir in solchem Kampfe glücklich gesiegt haben, wenn das Edle und Göttliche in uns das Geineine und Niedrige überwunden hat. Schauen wir uns nun die streitenden Parteien aus rem inneren Kantpfplatze ullserer Seele etwas näher an. Wir können nicht zweifeln, wer da zunächst lins entgegentritl in voller Kraft und Rüstigkeit, und mit solcher Entschiedenheit, als ob er der vollberechtigte Gebieter in unserem Herzen sei, so von selbst dazu bestimmt und ausgerüstet, daß sich ein höhnisches Lächeln um seine Lippen legt, wenn ihm ein Zweifel an seiner Macht und seinem Recht entgegentritt. Wir sehen, es ist der Egoismus, oder besser mit unserem guten deutschen Worte — die Selbstsucht. Sie liegt allerdings tief in unserer Natur, und kann darum niemals ganz ennvurzelt werden. Ja, sie drängt sich sogar in unsere edelsten Regungen, in unsere lautersten Empfindungen, Entschlüsse und Handlungen ein, so daß oberflächliche Beobachter, tiefe selbst mit ihr verwechseln und für Eines ausgebeu. Lassen wir uns davon nicht täuschen: wenn sie eines und dasselbe wären, wieso kämen sie so oft und so hartnäckig in Streit , daß uns die Selbstsucht Dieses, unsere edlere Natur das Gegentheil verschreibt?... , Die Selbstsucht hat ihren Grund in dem Selbsterhaltungstriebe, der uns, wie allen lebenden Wesen, eingepflanzt ist, und zu den unentbehrlichsten Factoren unseres Daseins gehört. Wenn wir das Menschenkind in seinen ersten Zeiten beobachten, so gewahren wir, daß es von ihr allein beherrscht wird. Das Verlangen, für sich zu erhallen, waö ihm angenehm, und vo'n sich zu entfernen, was ihm unangenehm ist, leitet das Kind allein. Je weniger es schon zu erkennen vermag, was ihm wirklich nützt oder schadet, desto heftiger begehrt es Das, was ihm lieb, oder weist von sich, waö ihm unlieb erscheint. Seine älteren Umgebungen müssen für Dasselbe einlreten, um es vor dem Verderben oder wenigstens vor großem Schaden zu schützen; dies ist der erste Kampf, den die Selbstsucht hervorruft und zu bestehen hat, der .Kamps zwischen dein Begehrungswerlhen und Schädliche;,, zwischen dem Unangenehmen unv Nützlichen. Das Kind muß sich überwinden lernen, nur die bittere Arznei zu nehmen, die ihm heilsam ist; es muß sich überwinden, von der Lieblingsspeise abzulassen, weil sie ihm Nachtheil bringt. Schon dieser Kampf ist von diesem Augenblicke an ein dauernder im Leben. Freilich wird man sagen, daß Dies doch nur ein Kamps der Selbstsucht mit sich selbst sei; die Selbstsucht, wie sie in unserem Begehren besteht, und die, welche durch den Verstand den Erfolg bemißt, gleichsam die Selbstsucht des Augetiblickes mit der der Zukunft. Wir wollen Dies nicht ganz bestreiten; allein da der Verstand der höheren Natur des Menschengeisieö angehört; da ferner ein solcher Kampf in dem Thiere nicht vorhanden ist, weil bei ihm die Stelle der verständigen Erwägung und des Voranüwissenö der Folge und Wirkung, durch einen natürliche» Trieb, nenne man ihn Instinel, ersetzt wird: so erkennen wir doch schon in diesem Kampfe, einen solchen zwischen der niederen und höheren Natur res Menschen. Und wer die Menschen kennt. Der weiß, das; in jedem Lebensalter und unter allen Verhältnissen dieser Kantps des Begehrens, das die Befriedigung des Augenblickes verlangt, mit dem Verstände, der die Folgen und den Ansgang erwägt, nicht immer zum Vortheile des letzteren aussälll. Die Begierde ist ein sehr listiger Advoeat, der sich in die Robe des Verstandes selbst zu hüllen versteht, und die einsichtsvollsten Grünte für sich vorzulragen weiß, die si.. später als arge Selbsttäuschung offenbaren, gewöhnlich wenn eS zu spät ist, um die begangenen Fehler und Tborheiten auszugleichen. Meinst Du, daß der silberhaarige Greis davon verschont bleibt, und seine Erfahrung ihm genügenden Schutz bereitet? Du irrst; Leidenschaften, wie Geiz, Ehrsucht, Eigensinn, Hartnäckigkeit in 32*