Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1873)
- Date
- 1873-06-17
- Page
- Seite 402 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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402 Zum Zwecke einer gründlichen Borbereitung wären uns jedoch jetzt schon statistische Notizen erwünscht, welche in die Verhältnisse und Wirksamkeit der resp. Gemeinden einen möglichst informatorischen Einblick gewährten. Dem oerehrlichen Vorstände übersenden wir daher anbei ein Formular, mit dem ergebensten Ersuchen, dasselbe ge fälligst in allen seinen Rubriken den dortigen Verhältnissen gemäß ausfüllen und uns möglichst bald zngehcn lassen zu wollen. Für den Fall, das; gedruckte Statuten der Gemeinde oder einzelner Anstalten vorhanden sind, bitten wir auch noch um gefällige Beisügung je eines Exemplares derselben. B e r l i n, den 22. Mai 187 3. D er Vorstand der jüdischen Gemeinde. Das beigesügte Formular enthält die Rubriken: 1. Synagogen, Gemeindesynagogen; I». etwaige separatistische Synagogen, deren Eultus aus einer abweichenden religiösen Richlnng beruht, und die nicht von der Gemeindeverwaltung ressertiren. lZahl derselben.) ' 2. Lehrinsiilutc der Gemeinde. (Schulen, Beth-Hainidrasch :c.) tk. Gemcindebeainte. (Rabbiner, Vorbeter, Lehrer :c.) I. Anstalten, Vereine (für religiöse und wohlthätige Zwecke). Vermögensstaud Giegeuschaflen, Eapital, Schulden). 0. Bemerkungen. Man ersieht hieraus, daß der berliner Vorstand völlig eorreet vorgeht'. Er fordert noch nicht zum Beitritte aus, sondern will erst das Material sammeln, durch welches die Atlträge begründet werden. Wir glarrben nicht, daß irgend ein Vorstand diesent Verlanget! sich entziehen werde, da dessen Erfüllung durchaus noch nicht weiter verpflichtet. Die Vorstellung selbst soll dann den Vorständen niitgetheilt werden, uin ihr event. beizutreten. Die Sache ist hiermit in den rechten Gang gebracht, und man kann dem berliner Vorstände hierfür nur dankbar sein. Das Material wird freilich großer Arbeitskräfte bedürfen, um gesichtet zu werden. Erfreulich ist es, daß diesmal der berliner Vorstand sich an die Spitze stellt, wozu er ganz besonders belusen ist, und nicht erst auf die Anssordernug von Privatmännern gewartet wird. Allerdings wirk man aus den Einwand gefaßt sein müssen, das; hier eben nur die Vorstände der Gemeinden sprechen, deren ossickelles Interesse dabei int Spiele sei. Diesem Einwande muß in der Vorstellung selbst schon emgegengetrelen werden. Wer die Ratnr des jüdischen Vorsiandswesens kennt, der weiß, daß daS persönliche Interesse der Vorstandsmitglieder in der ganzen Angelegenheit nur ein sehr geringes ist, so daß die Ueberzeugung, was dem Bestände der Gemeinde, und damit des Indenthumcs selbst, noihwendig sei, freien Spielraum hat. Indes; dies wird doch nicht genügen, und wir halten es für sehr nothwendig, daß in besonderen Petitionen auch die Mitglieder der Gemeinden selbst ihre Slinunen erheben. Geschieht dies in umfassender Weise, so kann cs nicht ohne Eindruck bleiben. Wir-werden hierauf zurückkommen. Man sage nicht, das; eine solche Agitation auch die Gegner prcvoctren würde. Diese wirb von selbst auch kommen. Aber gerade ans diese Weise wird sich die geringe Zahl der Gegner kund thun. Hierbei wollen wir Gelegenheit nehmen, auf eine Schwäche in der taskerschen Resolution, eie oben wieder niitgetheilt worden ist, aufmerksam zu machen. Es heißt daselbst, es solle den Juden der Austritt aus einer Gemeinde „aus confessioncllen Bedenken" ermöglicht werden. Ter Abfasser hat jedenfalls gefühlt, das; er mit dieser Resolution auch ganz niedrigen Leidenschaften, der Zanksucht, dem Egoismus und der Habgier, einige Thalcr Steuern zu sparen, die freie Bahn eröffnet, und fügt daher, um sich zu decken, die Worte hinzu: „aus eonsesstonetlen Bedenken." Wer will aber beurtheilen, ob der Austritt wirklich „ans confessioncllen Bedenken" oder ans irgend einem anderen Grunde geschieht? Es ist für einen Gesetzgeber keine Ehre, eine solche Zweideutigkeit in ein Gesetz hineinbringen zu wollen, die mit einem scheinbar guten Motive recht häßliche verhüllt. Offenbar hat er dadurch das Abgeordnetenhaus, welches die wirklichen Berhältnisse in den jüdischen Gemeinden nicht kennt und nicht kennen kann, für seine Resolution nur gewinnen wollen. Wir müssen dabei stehen bleiben, das; der Austritt aus der Gemeinde nur dann gestattet werde, wenn auch den Ehristen der Austritt aus der Parochie gestattet wird. Ver Communismus und -ns Judenthnm.*) Es ist eine ziemlich verbremte Meinung, das; derEomnuluisnms eine Ausgeburt rer neueren Zeit, der modernen Civilisation sei. Der große Gegensatz in Besitz und Erwerb, verbunden mit dem Bewußtsein der Gleichheit der Menschen, unv mit gesteigerten Bedürfnissen in allen Schichten .des Volkes, hätten den Eoniinniiisiiiiis in imseren Dagen erzeugt. Besonders aber wird diese Ansicht außer von den Pessimisten von klcricaler Seite ausgesprochen, verbreitet, gepredigt und ansgebeulet. Wir könnten deshalb auf eine Reihe von Schriften, Hirtenbriefen und ullramontanen Preßorgauen Hinweisen. Es ist dies aber ein geschichtlicher Irrthnm. Schon von vorn herein gab eS in verschiedenen Zeiten des Altenhnmes und des Mittelalters Zustände, welche hinreichend die Bedingungen enthielten, die als die erzeugenden Faeteren des Eointnnnismus bezeichnet werden, Zeiten, in welchen Reichthnin und Arnmth an einem und demselben Platze in grellsten Gegensätzen sich anhäuften, wo Ripns und *» Veranlaßt wurde dieser Artikel durch einen Aussatz in der A. A. Z. vom lMärz e., doch ist selbstverständlich unsere Arbeit unabhängig davon.