Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1873)
- Date
- 1873-04-08
- Page
- Seite 249 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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249 plötzlich brach die Schreckenszeit über uns herein . . . Doch ich muß Ihnen erst noch Einiges über mich sagen. Ich war eine alternlose Waise im Hause des reichen Enimanncle Basso. Mein Großvater war, wie man mir erzählt hat, einer der Großen der Gemeinde, aber er hatte Unglück, sein Reichthum verschwand, und machte der Armuth Platz, in welcher er starb. Mein Barer wurde Diener im Hause Basso's; da ward ich geboren, da verlor ich meine Aelrern zu gleicher Zeit an einer Pest, die im Vanfce wüthete. Ich empfand dies nicht, denn ich wurde in diesem Hause in der Rolle eines zu ihm gehörigen Dieners erzogen. Ich wuchs aus mit den Söhnen Emmanuele's, Samuele und Lelio, von denen der erstere fünf Jahre älter als ich war, und schon den Gebieter über mich machte, Vclio von gleichem Alter mit mir, und mir sehr zngethan war. Ich verrichtete kleine Dienste im Hause, wozu mein Aller paßte, und woran ich gewöhnt war, wurde gut behandelt und verpflegt; man schickte mich auch einige Stunden in die Schule, wo ich in .rer heiligen Thora unterrichtet wurde, und auch italienisch lesen nur schreiben lernte. So war ich zwöls Jahre alt geworden, und man schrieb damals das Jahr Wie das gekommen ist, was ich da erlebte, verstand ich zu jener Zeit nicht, erfuhr es aber später genugsam. Das schwarze Gewölk war mit Einem Male über uns, ich hatte es nicht heranssteigen sehen, und brach mit Sturm und Blitz plötzlich über uns her. 'Jiitn, Sie werden auch davon wissen, Signor, denn Sie scheinen mir ein feiner, wohlunterrichteter junger Mann. In Frankreich waren furchtbare Unruhen ausgebrochen, die man Revolution nannte. Man hatte Adel und Geistlichkeit abgeschasft, den König und die Königin auf daö Schaffvt gebracht, und erschreckliche Mordthaten verübt. In die Berge und die stillen Thäler war das Gerücht davon gedrungen, und halte Entsetzen in die Gemüther gestreuet. Anfangs zwar entwarf man überall lockende Bilder von Freiheit und Gleichheit; aber die darauf folgenden Schrecken und Frevel empörten die Herzen der ruhigen Städler und Landbewohner, die sich in den hergebrachten, nicht allzu drückenden Berhältuisfen und Sitten wohl und sicher fühlten. Indes; lag uns dies Alles so fern, das; man es kaum auf sich bezog. Einige Jahre vergingen, und es kam anders. lange Zeiten hindurch hauen unsere friedlichen Landschaften keinen Krieg gesehen, und nur bejahrte Greise erzählten von den grausenerregenden Seenen, die sie in ihrer Jugend erlebt hatten. Ta kam der Krieg auch zu uns, plötzlich, über flacht. Tie piemontesischen und kaiserlichen Heere, die uns unüberwindlich schienen, und aut Fnße der westlichen Alpen Wache hielten, wurden durch einen jugendlichen General Bonaparle immer und immer wieder geschlagen. Piemont mußte Frieden schließen, und nun ergoß sich daö französische Heer über die mailändischeu und venelianischen Fluren. Unaufhaltsam drang der Franzose vor, bis tief in Throl, und nicht weit von Wien. Eines schönen Morgens stand ein Haufen, Franzosen vor den Thoren voll Porlezza, und Niemand war da, ihm den Eingang zu wehren. Sie setzten sich in unserer guten Stadt fest, und begannen sofort, die alten Mauern herzustellen lmd Schanzen auszuwerfen. Sie sollten von hier aus die ganze Gegend beherrschen, einen Ueberfall über die veltliner Berge verhindern, und so reu äußersten Slützpunel für den westlichen Flügel der unaufhaltsam vorwärts dringenden französischen Armee bilden. Kaum in Porlezza angelaugt, warfen sie Alles über den Haufen. Ter Stadtrath wurde abgesctzt, die vornehmen Bürgcrfamilien verloren ihre Rechte, alle Einwohner wurden für gleich erklärt, und sollten sich einen neuen Gemeinteralh wählen, der dem französischen Tssieiere llnbedingt Gehorsaul zu leisten habe. Auch uns Juten erklärte man für frei nlid gleichberechtigt, warf die Thore des Ghetto llieeer, lind sagte uns, daß wir in der ganzen Stadt wohnen könnten, wo es uns . beliebe, und daß es uns freisiände, alle Gewerbe zu betreiben, und jedes Recht in Anspruch zu nehmen, wie die Ehristen. Anfänglich gefiel dies einem T heile der Bürger - aber nun kamen die Eontribulionen, die Lieferungen, die Steuern, der Unterhalt der Soldaten, die Geschenke an die Tffieiere, und immer mehr, und dies in so außerordentlichen Maßen, daß wir uns -bald gebrandschatzt, ja ausgeplündert fühlten. Wer vaares Geld hatte, mußte es ausliefern; wer keines halte, mußte seine Borrälhe abgeben, an den Schanzen arbeiten, Transporte wegschaffen, für; von der Freiheit merkten wir gar nichts, von Zwang, Gewalt und Ausräubung um so mehr. Das erbitterte die Gemüther; die alten Gesetze wurden abgeschasst, die Gebräuche verhöhnt, die Kirchen zu Borrathskammern, ja zu Stallungen entweihet, die widerstrebenden Geistlichen sortgejagt. Las war unerträglich, und eö gähne in der ganzen Bevölkerung. Jetzt hieß es, der Bonaparte wollte den Kaiser absetzen, das Rand französisch machen. Las war zu viel. Das Rand war nur noch sehr schwach von Franzosen besetzt. Zuerst standen die Witte im ganzen Bergamaskischen auf, die Hirten und die Städler sammelten sich, und bewaffneten sich, wie sie konnten. Tie Haufen schwollen an. Man töttele oder verjagte die einzelnen Posten der Franzosen. .Im Benetianischen und lombardischen folgte man diesem Beispiele, und selbst das französische Heer sah sich im Rücken bedroht. leider muß ich gestehen, daß sich manche von uns Juden verlocken ließen, den Franzosen zu dienen. Sie hallen die Gelegenheit, als lieferanten und Unterhändler gute Geschäfte zu machen, eifrig ergriffen. Mau hatte sich gesagt, daß die Dinge einmal eine völlige Wendung genommen hätten, und daß die Kaiserlichen so lief darniederlägen, daß sie die Herren hier zu lande nicht wieder werdet! könnten. So waren etliche Juten bei den französischen Bedrückungen in Thängkeit gesehen worden, und dies brachte eine große Erbitterung gegen alle Inden her-!vor. Tb einige Wenige schuldig, die Anderen ttnfchuldig seien, darnach fragte man nicht. Man sagte, die Franzosen wollten , die Juden zu Herren der Ehristen machen, und ließen sie 15*