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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-04-01 · Heft 14 (1.4.1873) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 14 (1.4.1873)
Date
1873-04-01
Page
Seite 234 (sequence 17)
Language
German
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234 borgen. Ihr habt es doch wohl aus meinem Accente herausgehört, daß ich ein Fremder, ein Deutscher bin. Ich ging durch Euere Stadt und las dort unten an der Ecke: „Strada di Ghetto" — und nun sagte mir Bartolo, daß Ihr trotzdem in der ganzen langen Straße nur die einzigen Juden seid. Ich will nun hören, wie die-' ekommen ist! Meinen Brüdern daheim will ich erzählen, wie ich >n Porlezza eine Strada di Ghetto gefunden habe, und doch nur zwei Juden darin, einen braven alten Knaben, der ans seinen Herrn schinipft, und einen alten Herrn, auf den die ganze Welt schimpft. „Bielleichl," fügte ich lächelnd hinzu, „ist der Eine nicht so brav, und der Andere nicht so schlecht, wie man ihn ausgiebt." Der alte Isaceo hatte aufmerksam auf meine Worte gehört, und schüttelte das graue Haupt. Aber nach einigem Stillschweigen sprach er: „Nun, um Euch dies Alles zu sagen, braucht Ihr den Samuele nicht zu sprechen. Ihr gefallt mir, warum? werde ich Euch auch mittheilen. Kommt jetzt in meine Kammer, und da fragt nach Herzenslust: ich will Euch sagen, wie Alles gekommen ist. Ich habe keinen Grund, es Euch zu verschweigen; ich brauche den alten Sünder nicht zu schonen, ich sage es ihm auch in das Gesicht, und Ihr seid ja ein Fremder, und geht ja von dannen, aus Nimmerwiederkehr." Nach diesen Worten schob er das Fenster zu und öffnete die Pforte, die er, nachdem ich eingetreten war, sorgfältig wieder verschloß. Es war völlig dunkel aus der Flur , und Isaceo faßte mich an der Hand, die seinige war eiskalt und dürr, und geleitete mich vorwärts. Dabei flüsterte er mir in's Ohr: „Tretet so leise auf wie möglich, daß die Diele nicht knarrt, denn er hat ein leises Ohr und ist sehr argwöhnisch." Ich folgte ihm, und wir kanten an eine Wendeltreppe, aus der wir es doch bei aller Vorsicht nicht vermeiden konnten, daß diese und jene Diele unter unseren Füßen knarrte. Oben angelangt, schlichen wir durch einen ebenso finsteren Eorridor, an dessen Ende Isaceo eine Thüre ausstiep, durch welche in diesem Hause der erste Strahl eines düsteren dichtes herausquoll. Wir traten in eine -Kammer, deren zwei kleine Fenster nach dem Hosraume hinausgingen. Welche Armseligkeit'. Ein morsches Bettgestell mit Strohsack, einem Kissen und einer wollenen Decke, zwei dreibeinige Schemel, ein wackeliger Tisch und ein altes Wandschränkchen bildeten das Mobiliar dieses Gemaches, dessen Wände vor vielen Jahrzehnten getüncht, und jetzt von Spalten durchrissen waren. Die Kammer war um so düsterer, als den Fenstern gegenüber, nur durch einen schmalen Raum getrennt, sich ein größeres uraltes Gebäude erhob, das überall den Verfall zeigte. An den hohen Kirchensenstern waren die Glasscheiben theils zerbrochen, theils vor Alter in allen Farben schimmernd, und mit Spinnweben bedeckt; die Wände waren bauchig herausgetreten, das Dach zeigte große Lücken, und ein kleiner Thurm hatte sich windschief gegen.Süden gerichtet. Und dennoch schien sich mein Wirth hier sehr wohl zu fühlen; der gekrümmte drücken richtete sich aus, die ganze Gestalt wurde beweglich, die schwarzen Augen blitzten, und der breite Mund, wie zum Aachen geöffnet, drängte die Falten des Gesichtes zurück. „So," ries Isaceo fast fröhlich aus, „hier sind wir sicher, hier bin ich Herr, und ich allein. Setzt Euch, junger Herr, rhut mir die Liebe, und setzt Euch hier her." Er schob einen Schemel dicht an das eine Fenster, und den anderen an den Tisch, diesem gegenüber. Ich setzte mich nieder; mein Gefährte that daffelbe, aber mit vorgebeugtem Oberkörper stierte er mich unablässig an, und obschon die Helle Freundlichkeit aus seinen Angen leuchtete, sing es an, mir etwas unheimlich zu werden. „So sagt mir, junger Herr," begann er nach einer Weile, „wer Ihr seid? wie Ihr heißt? woher Ihr stammt? Es drängt mich, das zu wissen, denn damit ich es Euch sage ... o da, wo Ihr sitzt, da saß er unzählige Male, mein armer unglücklicher Giacomo. . . da saß er, und schaute mich ganz so freundlich an, wie Ihr es thm, nein, noch freundlicher, noch liebevoller . . . Hallet den alten Isacco nicht für einen Irrsinnigen" — und er fuhr sich mit der. dürren gelben Hand über die kahle Stirn — „ach, man könnte es im Leben oft werden, vor all dem Unglücke und Elende als ich Euch vorhin durch das Fenster erblickte, glaubte ich meinen armen Giacomo zu sehen, freilich in anderer Kleidung, als er trug, so sehr gleichet Ihr ihm an Gestalt und Gesicht, an Augen, Haar und Geberden — und als ich erst Euere Stinune vernahm, da glaubte ich eö sicher, nur daß Euere?kussprache und Euere Worte so fremd klingen . . . Durch meine Seele fuhr es wie ein Dolchstoß: wie, sollte er wiedergekommen sein, seinen alten treuen Isacco noch einmal zu sehen? Ack, welch Thor ich war! Wollt' er's auch, er könnte es nicht — denn er ruht ja drüben auf dem „guten Orte", neben der, welche ihm Alles gewesen ist im Leben, sein Glück und sein Unglück, seine Wonne und sein Schmerz, und die verläßt er nicht, auch um des Isacco willen nicht . . ." Der alte Mann hatte sich in tiefes Sinnen und Fühlen versenkt, und sein Kopf war ihm schwer ans die Brust gefallen. Ich wollte ihn aus diesem schmerzlichen Brüten wecken, redete ihn an, und erzählte ihm Etwas von meiner Person. Bei dem ersten Klange meiner Stimme schnellte er wieder empor, und sein Auge war leuchtend auf mich gerichtet. „Ja, ja," sprach er dann, „ich rank' Euch, Herr, das ist Alles schön undgut, aber —" In diesem Augenblicke erscholl vom Fuße der Wendelstiege her eine scharfe, schneidende Stimme: „Isacco, Mensch, Schuft! komm herunter, Du hast einen Fremden bei Dir, Du sprachst an der Thüre mit ihm. Die Treppe knarrte unter eueren Füßen, komm herunter mit ihm, ich muß ihn sehen . . Isaaco sprang schnell über den Eorridor zur Wendelstiege und rief hinunter: „Ihr irrt, Ihr irrt, Herr, ich bin nicht der Schuft, Ihr seid es, Ihr täuscht Euch, ich bin hier allein; wenn Ihr's nicht glaubt, so kommt doch herauf, kommt in meine Kammer, seht zu . . ."

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