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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-03-11 · Heft 11 (11.3.1873) · p. Seite 168

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 11 (11.3.1873)
Date
1873-03-11
Page
Seite 168 (sequence 2)
Language
German
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168 Dicö also ist das Verdienst dos Jahres 1818. Was lange Zeit in den Köpfen gebrütet hatte, in den Herzen hin und her geworfen worden war, die damals herrschende Macht aber mit aller Kraft, nicht selten mit tyrannischer Gewalt, zurückwics und als Verbrechen stempelte — das trat in diesem Jahre urplötzlich an das Viify des Tages, zog in das Bewußtsein des ganzen Geschlechtes ein, und nahm ans eine freilich kurze Zeit die wirkliche und gesetzliche Herrschaft an sich. Nun mag es immerhin wahr sein, daß diese Jdeeen in den Geistern noch nicht so gereift waren, um sofort eine dauernde Gestalt annehmeu zu können, wahr, daß ihr revolutionärer Hebel selbst Nachlassen und sie dadurch fallen mußten — haben sie darum - ihre einmal erlangte Wirklichkeit und Herrschaft verloren? Ist sie nicht darum dennoch geblieben und gelangt immer mehr zur Geltung? Wurden mcht ihre Verfolger selbst zu ihren Beförderern? Lehen wir von den übrigen Staaten ab, und blicken nur auf Preußen und Oestreich, und vergleichen, was hier vor ISIS war, und was gegenwärtig daselbst gilt. Das deutsche Reich mit Preußen an der Spitze, mit geeinigteit Heeren, mit einheitlicher Vertretung nach Außen, mit Freizügigkeit, einer Gewerbeordnung, mit zur Einheit anstrcbender Reichsgesctzgcbung u. s. w., ras Ziel aller patriotischen Bestrebungen im Jahre 1 SIS, es besteht, wie es in seinen Anfängen damals schon eine kurze Zeit bestand. Preußen konnte sich von der eoustitutionellen Bahn seitdem nicht wieder entfernen, und muß sich ans derselben immer mehr consolidircn. Richt minder De st re ich, in welchem derselbe Monarch, der die Verfassung wieder zerschlug, gezwungen war, mit eigener Hand sie wi-'der aufzurichten. Von all den Prineipien, welche 1818 aufgestellt wurden, ist keines zu Boten gefallen. Das allgemeine Stimmrecht ist im deutschen Reiche gesetzlich, und wird jetzt in Oestreich, trotz Widerstrebens, eingeführt; das deutsche Reich hat keine „erste Kammer". Die Gewissensfreiheit und die confessionelle Gleichberechtigung — man denke z. B. an das Judengcsctz von 1817 und an die confessionellen Zustände in Destrcich — hat das Staatsleben so durchdrungen, daß das deutsche Reich jetzt aus ihr seine 'Waffe gegen die Ultramontanen macht. Preß-, Vereinsmit» Versaminlungsrecht sind anerkannte Volksrechte, mögen auch die Beschränkungen derselben noch größer sein, als nolhwendig und wunschcnswerlh ist. Dies und vieles Andere erweist vollständig, daß man im Jahre 1818 wohl gewußt hat, was man gewollt hat, denn man hat seitdem nichts Anderes gewollt und gethan. Was die revolutionäre Welle herangebracht hat, das hat sie auf dem Fesilan.de zurückgelassen, sie selbst ist verschwunden, wie sie mußte und sollte, aber was sie uns gebracht hat, daS ist zum Schutzbaue und Wohnhause der ganzen Zeit geworden. Denn es versteht sich ja von selbst, daß dies auch kein Erzeugnis; jenes Jahres war, kein Erzeugnis; der heranwogenden Fluth, sondern im Schoße der Vergangenheit geboren und erwachsen war, verhüllt und geborgen, bis das Jahr es zum Tageslichte emporgetragen hat, die Hüllen sprengte, und den Blicken zeigte, denen es noch unbekannt und unverstanden war. Dies war die Erinnerung, die ich still in meinen Gedanken feierte. Sie galt nicht jenen Tumulten und Epeesscn — die, so traurig cs ist, daß sie Blut gekostet haben, doch nur ein sehrkleines Maß dessen vergossen, was die Schlachtfelder Europa'S seitdem eingescblürst haben, nicht den Ilebertreibungcu und Extravaganzen, nicht den mannichsachen Sonderbarkeiten, die alle mit den Hauptactionen verbunden waren — wohl aber galt diese Erinnerung den großen Jdeeen, den erhabenen Bestrebungen, dem glühenden Schlage der Herzen, dem kühnen Aufschwünge der Phantasie, die damals frei zu Tage traten; sie galt der Emsigkeit, mit der man handeln wollte, den großen Hoffnungen, denen große Enttäuschungen auf dem Fuße folgten, der Hingebung, welche sobald wieder erschlaffte, der Entschiedenheit, die sich so schnell wieder entnüchterte; sie galt den vielen bedeutenden Männern, die aus die Bühne traten, der außerordentlichen Beredsamkeit, die jetzt nicht mehr gefunden wird, dem heiligen Willen, welchem nur das rechte Geschick und die rechte Thatkrast mangelten. Alles dieses tauchte in mannichsachen Gestalten, Erlebnissen und Beobachtungen ans den Schatten rer Vergessenheit in mir auf — und da ich cs prüfte und wog, selbst mit denl Prüfsteine und der Wagschale der Gegenwart,, erfand ich es groß, weltgeschichtlich, von dauernder Wesenheit, denn das starke >tind ist zum stärkeren Manne geworden, zum Manne der ganzen Zeit! — Mögen immerhin die kleinen R'nle des gegenwärtigen Tages ans jenes Jahr, wenn nicht schelten, doch mit einer gewissen Mißachtung hernntersehen; um kurze Zeit, und es geschieht ihnen von den kleinen Männern der Zukunft Dasselbe. Wir Juden aber dürfen nicht vergessen, daß das Jahr 1818 uns in den meisten Ländern Europas unsere staatsbürgerliche Stellung begründet hat. Die (hleicWellnnz der Inden im yeyeiiwiirtiyen Frankreich. In der Ratioualversanunlnug zu Versailles wurde jüngst ein Gesetz über die Arbeit von Kindern und Frauen in den Fabriken discutirt und beschlossen, in welchem die Sonntagsarbcit verboten wird. In der Sitzung vom 5. Februar hat der Abgeordnete Bamberger folgendes Amendement zu dem Gesetze über die Arbeit der Kinder in den Fabriken vorgeschlagen. „Die Arbeit der, zu den christlichen Eulten gehörigen Kinder, die unter sechszehn Jahre alt sind; diejenige der Mädchen und Frauen jedes Alters, die zu den sei ben E ulten gehören, wird an den Sonntagen und den von dem Gesetze anerkannten Festtagen verboten."

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