Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1873)
- Date
- 1873-01-08
- Page
- Seite 26 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Feuilleton. Kleine berliner Briefe. IV. Ter Wechsel und Wandel in den Persönlichkeiten und Stimmungen,' den wir im vorigen Briese, wie in jeder Weltstadt, so auch in Berlin, erkannt haben, zeigt sich auch in dem eigenthümlichen Zuge, daß Berlin, ungleich ihren älteren Schwestern, nur in sehr geringer Zahl sogenannte Patrieiersamilien besitzt, d. h. solche Bürgerfamilien, welche seil längerer Zeit, durch mehrere Generationen hindurch, sich durch eonstamen, sortgeerbten Besitz, und durch Förderung von Wissenschasl und sinnst, als Mittelpnnete des edleren geselligen Verkehrs anszeichnen. Wir kennen derartige Häuser in Berlin nur zwei, die Ravem'-'s und die Mendelssohns. Andere ältere reiche Familien haben für sinnst und Wissenschaft nie Etwas geleistet, und verdienen daher jene charakterisircnde Bezeichnung nicht. Auch nach einer anderen Seite hin hat sich in Berlin ein großer Umschwung vollzogen: wir meinen den ungeheueren ^uxus, der sich im Gegensätze zur Vergangen heit und deren Einfachheit in Berlin verbreitet hat, und verhältnismäßig durch alle Schichten der Bevölkerrurg geht. Wir erit'.nern uns in den Memoiren des Barons Larrey, des Generalarztes der napoleonischen Heere, über den Einzug des französischen Kaisers in Berlin nach rer Herrliche Treppenhäuser empfangen beim Eintritt, die mit den kostbarsten Teppichen, mir Fülle von Mcht durch prächtige Eandelaber, und mit mancherlei Knnstgegenständen ausgestattct sind; prächtige Salons, Wohnzimmer und Räumlichkeiten aller Art, eröffnen sich rem Besucher, sämmtlich in reichster Art geschmückt, in rafsiuirtem Mxus; ja, hat man Gelegenheit noch weiter zu schreiten, so trifft man selbst ans geräumige, shbarilisch ausgestauele Schlafzimmer, die bekanntlich erst bei ansgebildctem Mxns, j namentlich in Deutschland, diesem anheimfallen, während soitst! lhörichterwcise die Schlasräume der Familien, in welchen man -doch ununterbrochen eine so lange Zeit athmet. an Raum urid Ansstallung am kärglichsten fortzukommen pflegen. Dieser all- E gemein gewordene Mpus in den häuslichen Einrichtungen drückt ' notbwendigerweise besonders auf die Mittelelasse. Wir haben hier! keilte Erörterung über die volkswirthschaftlichen Ergebnisse und Vor-! theile des Mxus für Industrie und Kunst, für Berwcrthung des > Eapitals und der Arbeit anznstellen. Einleuchtend ist es aber,! daß dieser gesteigerte s'nxus, sowohl durch Nachahmung und ^Eifersucht, als auch durch die Forderungen des Anstandes, die ' Relbwendigkeit, einen gewissen Rang zu behaupten, den Schein ■ eines günstigen Besitzes und Erwerbes zu erhalten, den Mittel- : stank zu Ausschreitungen veranlaßt, die ihm oft theuer zu stehen Schlacht bei Jena gelesen zu haben, wie die Franzosen überrascht waren, als sie nach ihren beschwerlichen Märschen durch die märkischen Sandwüsten eine so herrliche Stadt antrafen, die sich auch architektonisch vielfach anszeichnete; man denke an den Zug vom brandenburger There bis über die >lurfmstenbrücke. Ebenso überrascht, fährt er fort, waren sie aber, als sie in das Innere der Häuser getreten, und hier den Mangel an jedem Vupls gewahrten, an den sie in Paris so sehr gewöhnt waren. Keine Spur von seidenen Tapeten, feinen, reich gearbeiteten Möbeln, prächtigen, geräumigen und hellen 'Wohnungen, von modischem Eomfort und Ueberflnß vielmehr altmodische, höchst einfache, kaum behagliche Einrichtungen, ulld so selbst in den höchsten Familien und reichsten Häusern, im Bürgerstande sogar dürftig. Würde Baron Larrey jetzt, etwas über sechzig Jahre später, Berlin besuchen kennen, welche Veränderung würde sich seiner Beobachtung ansdrängen, und Jene würde um so ausfälliger erscheinen, wenn er erführe, daß sie dem größten Theile nach erst Frucht des letzten Jahrzehnts und wenig darüber ist. Wie die Zahl der großen Gebäude, der stattlichen Häuser, in außerordentlicher Proportion zngenemmen hat, so auch die innere Atisltatlnng derselben. Eö zeigt sich da ein blendender Vnpus, der hier mtd da mit Geschmack und Kunst sich vereinigt, meisientheils jedoch mehr den Reichthum, als das ästhetische Bedürfnis:, mehr das Verlangen, es Anderen gleichzulhun, als das Verständniß der Formen und der hartnenischen Uebereinstimmnng bezeugt. kommen. Geschieht es doch häufig, daß in diesen Kreisen schon die erste Einrichtung einen großen Theil des Besitzes absorbirt, oder gar in Schulden stürzt, abgesehen davon, daß solche luxuriöse Einrichtungen die Bedürfnisse and) anderweitig immerfort steigern. Was uns bei der Erwägung dieser Verhältnisse am Meisten Sorge macht, ist der Einfluß, den-sie nothwenrig ans die allgemeine Gesinnung und auf das Familienleben im Besonderen übt. Es ist einsichtlich, daß, wenn die materiellen Bedürfnisse den Menschen so außerordentlich oecupiren, unwillkürlich das Streben, das Sinnen und Trachten, vorzugsweise auf den materiellen Erwerb gerichtet wird, und sich hierin zmn Schaden aller idealen LebcnSanschanungcn verlieren muß. Von der ankeren Seile wird es den jungen Männern zur unabweislichen Mubwendigkeir, bei dem Eingehen der Ehe auf das Vermögen der Braut zu sehen, da sie schon zur Einrichtung, noch mehr zur Bestreitung der weiteren Bedürfnisse der Familie, ohne Beihülfe von dieser Seite gar nicht auskommcn. Wir kennen uns aber nicht verbergen, daß hierdurch Familie, Ehe, Verwandtschaft, diese Grundlagen der menschlichen Gesellschaft und Sittlichkeit, sehr herabsinken, und zum Gegenstände der Spccnlation und des Handels werden, sowie daß im Einzelnen viel Trübsal innerhalb der Familien bereitet wird. Wir konnten uns nicht enthalten, an dieser Stelle hiervon zu sprechen, oder es wenigstens anzudenten, obwohl dieses Uebel sich schm: nicht mehr ans Berlin beschränkt, sondern sich verhältmßmäßig auch ans die Provinzen alrsgedehnt hat. Ein sehr unparteiischer Zeichner