Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-12-24 · Heft 52 (24.12.1872) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 52 (24.12.1872)
Date
1872-12-24
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226905--31292-3254208
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WMton-Wlage zu Nr. 58. Leipzig, den 24. Deeember 1872. Kleine Berliner Briefe, u. Berlin, 28. November. Am 27. d. sollten die Interpellationen Reichensperger und Mallinckrodt im Abgeordnetenhause verhandelt werden. Die > Eine betraf den katholischen Religionslebrer vr. Wollmann in Braunßberg, die Andere den Ausschluß der katholischen Schulbrüder und Schulschwestern vom Lehramte. Es galt also abermals eines jener. Wortgefechte, welche die ultramontane Partei unermüdlich hervorruft, nicht weil sie auf irgend einen Erfolg rechnet, sondern weil sie damit das katholische Volk in Athem erhalten, und der preußischen Staatsregierung, sowie der gesummten liberalen und protestantischen Kammermehrheit, immer feindseliger machen, und eine Saat des Haffes ausstreuen will,, von der sie hofft, daß sie bei ihr günstiger Gelegenheit, d. h. unter dem preußischen Staate und dem deutschen Reiche'gefährlichen Umständen, unselige Früchte.tragen werde.. Man bilde sich nicht ein, daß sie die tragische Rolle eines seine Sache bis zum letzten Blutstropfen verteidigenden, untergehenden Helden zu spielen-vermeint. Nein, sie glaubt fest, ihre Zeit werde kommen, und diese Zeit will sie vorbereiten und ihre Annäherung beschleunigen. Darin liegt das allgemeine Jntereffe, welches diese Discuffionen in sich tragen. Aber die-, Natur der Sache bringt es mit sich, daß wir auch ganz.specielle Jntereffen dabei berührt finden , daß die allgemeinen Fragen auch specifisch jüdische enthalten. Durch die Gefälligkeit eines befreundeten Abgeordneten, wurde .uns ein Matz in der fürdie Abgeordneten reservirten Loge gewährt, von welcher and man leicht Präsidium unv Rednerbühne und das ganze Haus übersieht. Weniger günstig ist der Standpunct für das Hören, ein Mangel, den man daselbst mit der nebenan befindlichen Iournalistentribüne theilt, was keine übergroße Fürsorge für die Letztere, beweist. Es waren sechszehn Jahre vergangen, seitdem wir das Haus nicht besucht hatten. Eigenthümlicher Weise war damals — eg galt; den .berüchtigten wagenerschen Antrag auf Streichung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden' aus der Verfassungdamals wie.heute Reichenspergerder Hauptredner deS Tages. Derselbe trat an jenem Tage für das Recht der Gewissensfreiheit auf, ohne freilich zu verhehlen, daß er es mehr aus der Befürchtung heraus thäte, es käme auch einmal an die Katholiken die Reihe, als au8 principiellen Gründen und aus Achtung für das Recht der Juden. Auch damals wie heute galt es diesem klerikalen Kämpen mehr um eine Demonstration durch die Rede; denn auch damals standdie Tagesordnung , welche den Antrag der Herren Wagener und Gerlach beseitigen sollte, bereits fest. -' Das Haus macht architektonisch keinen imponirenden, immerhin aber einen freundlichen Eindruck. Von drei Seiten die Tribünen, die vierte blau mit Säulen decorativ bemalt, der Saal durch Oberlicht längs über dem ganzen Raume erhellt. Die Temperatur war, namentlich in den Logen, heiß, und man kann nicht läugnen , daß den Abgeordneten durch die täglichen Sitzungen von fünf bis sechs Stunden in diesem Raume körperlich und geistig eine schwere Pflicht auferlegt ist. Die Uebersicht der Parteien im Saale ist leicht: das ultramontane Centrum in der Mitte, die verschiedenen confervativen Fractionen rechts, die Liberalen links; diese Abtheilungen gehen vom Büreau des Hauses nach den Wänden concentrisch aus. Ein guter SituationSplan gestattet leicht, jede Persönlichkeit aufzufinden,'-sie in ihrer individuellen Erscheinung kennen * zu lernen, und in ihrem Gebaren während der Sitzung zu beobachten'. ' Es kann hier nicht unsere Absicht sein, die 'Verhandlungen, die sich Übrigens an diesem Tage auf die Interpellation Reichensperger beschränkten, des Näheren zu skizziren, was ja unterdeß die öffentlichen' Blätter hinreichend gethan haben. Die ventilirte Frage - hat ein allgemeines und ein besonderes Interesse.' Das Letztere dreht' sich um die innerkatholische Fragen ob die Antiinfallibilisten vom Staate noch als Katholiken anzusehen, und solche als Religionßlehrer im Amte zu erhalten seien, oder nicht. Das Allgememe liegt in der Frage: ob der obligatorische Religionsunterricht an, den Schulen aufrecht zu erhalten sei, oder nicht. Hier' ist e8 auch, wo das specifische jüdische Jntereffe berührt wird. Man bestrebt sich gegenwärtig von mehreren Seiten, dem ' jüdischen Religionsunterrichte dieselbe - 'Stellung' ün dem öffentlichen Schulen zu erringen,-welche der christ-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.