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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-12-17 · Heft 51 (17.12.1872) · p. Seite 1019

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 51 (17.12.1872)
Date
1872-12-17
Page
Seite 1019 (sequence 17)
Language
German
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Feuilleton-Mlage zu Nr. 51. Leipzig, den 17. Decemver 1872. Mannichfaltiges von der Redaction an die Leser. Ein eisiger Nordwest stürmt über die Ebene. In seinem Gefolge steigen am Horizonte stahlgraue Wolkenschichten auf, welche sich langsam dem Zenith zuwälzen. Alsbald schütteln sie ihre Schneeflocken auf die braune Erde herab. Noch wirbeln die Flocken in der Luft, fallen einzeln zu Boden, und geben diesem ein Ansehen, wie wenn das Alter sein Silbergrau auf ein dunkelfarbiges Haupt zu streuen beginnt. Allmälig verstummt der Wind, der ganze Himmel ist vom finstern Gewölk überzogen, und nun fällt der Schnee dicht und immer dichter herab. Einige Stunden später, und die ganze Fläche der Erde ist mit einem jungfräulich weißen Teppich überdeckt. Es ist ein gar neuer, glänzender Anblick; droben der graue- Himmel, drunten die weiße Erde,, von der nur die Stämme der Bäume mit den weißgepuderten Häuptern, und die Mauern mit ihren schneebelasteten Dächern abstechen. Nur der Himmel bleibt sich nicht getreu; denn während die Schneeschicht auf der Erde immer höher wird, schmelzen die Wolken hinweg, und der Himmel wölbt sich blau und klar über der weißen Flur. Schärfer tritt der Frost ein, die oberste Fläche des Schnees gefriert und schimmert in zahllosen Krystallen. Und der Mensch? Wo und wie er nur kann, eilt er der schützenden Wohnung zu, in welcher die Flammen auf den Herden und in den Oefen ein behagliches Dasein bereiten. Nein! Der Mensch ist im großen Ganzen weniger abhängig von der Natur, vom Wechsel der Erscheinungen in ihr, von den Veränderungen des Wetters, als es scheinen möchte. Zu der Zeit, wo in der irdischen Natur jede Treibkraft schlummert, und selbst die immer beweglichen Ströme unter der Eisdecke gebannt liegen, in dieser Zeit, wo das Leben draußen rastet, pulstrt es im Menschen um so kräftiger, seine Stimmung ist erhöhter, seine Thätigkeit gereizter, seine schöpferische Kraft erregter — viel mehr, als zu der Zeit, wo die Sonnengluth des Sommers ihn abfpannt und seine Fähigkeiten stumpfer macht. In den Tagen, wie wir sie eben geschildert haben, und insbesondere an den Abenden, die draußen so dunkel und unfreundlich sind und dem Tage die Dauer abkürzen, um sich selbst zu strecken und zu dehnen, liebt es der Mensch, seinen Geist angenehm zu beschäftigen, und vor Allem seiner Einbildungskraft'freien Spielraum zu gewähren. Da ist es, wo irgend eine schöne Dichtung, ein guter Roman, eine anziehende Novelle großen Reiz' ausübt und ihren rechten Werth erlangt. Nun, auch wir gedenken, mit dem Beginne des neuen Jahrgangs unsren freundlichen Lesern eine neue .interessante Erzählung zu bringen, die wir schicklicher Weise mit den letzten Nummern des ablaufenden Jahrgangs nicht beginnen können, ohne gegen neue Abonnenten unsres Blattes ungerecht zu sein. Einstweilen giebt es anderen Stoffes noch eine Fülle, der zur Zeit der Aufmerksamkeit unsrer Freunde nicht unwerth erscheint. Im Geiste ist er sogar mit dem, was die Natur dem Menschen in dieser Jahreszeit bringt, nicht ganz ohne Verwandtschaft. Beginnen wir. Wenn die menschliche Gesellschaft einen Zeitpunct erreicht hat, wo ihr inneres Leben wieder einmal in Fluß gerathen, vielbewegt und durchstürmt ist, und hieraus nach neuen Gestaltungen ringt, so ist es natürlich, daß theils alte, vom neuen Leben zurückgewiesene Ansprüche, theils neue Gelüste besonderer Partien der Gesellschaft zum Vorschein kommen, und, da sie mit der Natur und Richtung der Gesellschaft nicht übereinstimmen, zu einem maßlosen Sturme sich anschwellen. Schaden richtet ein solcher Sturm immer an, aber zu fürchten hat man sich vor ihm dennoch nicht; er geht vorüber wie seine Bor-' gänger, und läßt eine geklärte reinere Luft zurück, aus welcher mannichfache schwere und bedrückende Dünste ausgefegt worden sind. Beschwören, wie man früher glaubte, kann man derartige Stürme nicht; man muß sie austoben lassen, und sich möglichst vor ihren schädlichen Wirkungen zu schützen suchen; das Feuer bewahren, damit es nicht zur Brunst auflodert, noch zarte Bäume, noch nicht vollendete Mauern, möglichst stützen, damit sie nicht umgeworfen werden. Kommen wir aus unsrem Gleichniß heraus, damit wir verständlich werden. In der Neugestaltung der menschlichen Gesellschaft , wie sie auf Grund einer langen und kräftigen Entwickelung sich seit einem Jahrhundert auszuformen ringt, haben unstreitig die Mtramontanen und vie Pietisten außerordentlich viel an ihren früheren Vorrechten und Privilegien, an

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