Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1872)
- Date
- 1872-12-10
- Page
- Seite 999 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Femlieton-Mlage zu Nr. 50. Leipzig, den 10. December 1872. Kleine Berliner Briese. I. ■: .. Es ist ein eigenthümliches Gefühl, aus einer, wenn auch lebhaften Provincialstadt und ihrem Stillleben mitten in das Gewühl einer Großstadt versetzt zu sein. Sind eS doch nicht sowohl die unabsehbar langen Straßen mitihren Reihen mächtiger Gebäude und himmelansteigender Häuser, nicht die großen Plätze, ringsum von Palästen umgeben, der sich stets erweiternde Flächenraum, welchen die Stadt einnimmt, die wachsende Bevölkerung, die sich daselbst ansässig macht, dies Alles, obschon es zur Großstadt gehört, macht doch den Charakter derselben nicht aus. Dies ist vielmehr die unablässig fluchende Strömung der Menschen zu Fuß, zu Pferde und zu Wagen, welche rastlos aneinander vorübereilen, und die innere Fluthung des Lebens, das diese Masse bewegt und erfüllt. Äeußerlich wie innerlich macht sich dieser nieruhende. Wellenschlag fühlbar und überrascht den Ankömmling. Die nächste Empfindung ist, daß in diesem Strome sich der Einzelne wie verliert, seiner Bedeutung entkleidet wird- und eben nur als ein kleines, leicht entbehrliches Glied, als ein Tropfen im Meere erscheint. Ja, das ist der Unterschied, daß in den Provincialstadten das Individuum seine volle Geltung hat, während es daselbst an einem starken Strome des Lebens mangelt; in der Großstadt tritt das Individuum bescheiden zurückaber die Fülle und Beweglichkeit des Lebens tritt in den Vordergrund. Daher kommt es, daß in der Letzteren das Individuum sich wenig zu concentriren, sich in sich zurückzuziehen und geistig zu schaffen vermag, was ihm viel mehr in der Stille ländlichen Aufenthalts gelingt, wo das Individuum sich hervorzuthun, sein Haupt 1 zu erheben und seine Individualität schöpferisch zu bethätigen sich angereizt fühlt. In der Großstadt hingegen' übt das öffentliche Leben seinen Einfluß', man giebt sich ihm hin , man wirkt auf dasselbe seinen bescheidenen Theil mit,- und begnügt sich. In der Provinz Stockung des öffentlichen Lebens, Philisterei, Festhalten am Gegebenen und'Herkömmlichen. - Gerade aus derselben Ursache fließt es wohl, daß in dm'Großstädten daS Vereinswesen, die Association, so überaus in Anregung ist. Ich sage absichtlich nicht „blüht". Da man als Einzelner ohne Einwirkung bliebe, sucht man zu jedem beliebigen Zwecke Gleichgesinnte und Gleichstrebende, um durch vereinte Kräfte das vorgesteckte Ziel zu erreichen. Ein Comitö.wird gebildet, es wird geworben, geschriebenöffentlich aufgerufen, bis sich eine Generalversammlung zusammenbringen' läßt, ein Statut wird entworfen, berathen, amendirt, nach langen Debatten angenommen, und ein Ausschuß oder Vorstand gewählt. Was aber nun? Ist nicht , eben ein Mann da, der die Idee des Vereins mit Liebe ergriffen hat und mit-Ausdauer verfolgt, so führt der.Verein ein kräftiges Dasein nur eine kurze Zeit, und siecht alsbald wieder hin. Dabei trifft es sich aber unglücklicher Weise in der Regel, daß an die Spitze der Direktion ein Mann, der allgemeines Vertrauen besitzt, gestellt wird. Diese Persönlichkeit hat aber in der Regel ein Dutzend solcher Ehrenämter, denen er unmöglich mit seiner Kraft und Thätigkeit sämmtlich genügen kann, und. so tritt daS Eine nach dem Anderen in den Schatten zurück, und eS fragt sich, wie nach einiger Zeit es mit dem neuen Vereine aussieht. Es versteht sich, daß wir hiermit-dieser ganzen Richtung den Werth nicht absprechen wollen: Werden doch hierdurch immer wieder Ideen in den allgemeinen Cours gebracht, und welche von diesen lebensfiihig und wirkliches Bedürfniß sind, die werden immer wieder auftauchen und endlich die mehr oder weniger zweckentsprechende Ausführung finden. In der Provinz geht eine so rasche Beweglichkeit nicht vor sich; der Entwürfe, Pläne und Ideen für das öffentliche Leben kommen sehr Wenige zum Vorschein; hat aber etwas Dergleichen Platz gegriffen, so findet es auch einige wackere Männerdie sich ihm vorzugsweise widmen, und es kommt nur daranf an, daß die neue Veranstaltungdie beidenersten, immer auf 'einander folgenden Perioden der Begeisterung und der Erkaltung überdauert, um ein langes Dasein in Aussicht zuhaben; weil sie dann Allen zur Gewöhnung geworden ist, die nicht gern wieder vermißt wird. Nun, Berlin ist eine Großstadt geworden. '