Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-11-12 · Heft 46 (12.11.1872) · p. Seite 919

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 46 (12.11.1872)
Date
1872-11-12
Page
Seite 919 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226899--31166-3254076
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zeitung des Z«-enth«ins. Feuiüeton-Leilage zu Rr. 46. Leipzig, de» 12. Novemder 1872. Ueber den Begriff „Liebe" in der hebräischen Sprache: Mitgetheilt von Löwen stein. Unlängst ist uns ein äußerst interessanter Aufsatz von Ur. Carl Abel in die Hand gekommen, der „den Begriff der Liebe in einigen alten und neuen Sprachen" zum Gegenstände hat. Wir wollen versuchen, das die Leser dieses Feuilletons besonders Änteressirende daraus möglichst knapp zusammenzustellen. Da der kürzeste Ausdruck eines Gedankens ein Wort ist, so haben die Menschen diejenigen Gedanken, welche sie am häufigsten und lebhaftesten denken, in dieser gedrungenen Form verkörpert. Gedanken, welche seltener oder matter gedacht werden, müssen durch die Zusammenstellung mehrerer Worte, die sich gegenseitig ergänzen, ausgedrückt werden. Nehmen wir ein Volk von gesunder Leibes- und Geistesanlage, und setzen wir den Fall, dieses Volk lebte in Verhältnissen, die ihm häufige, gefährliche Kriege auferlegten. Bei einem so gestellten Volke würden wir erwarten, Worte zu finden, welche die Eigenschaft, die es am meisten bedürfte, bezeichnen. Muth, Herz, Dreistigkeit, Entschlossenheit, Kühnheit, Unerschrockenheit, Verwegenheit wären Gesinnungen, die es häufig und intensiv hegen und deshalb mit ebensoviel besonderen Worten benennen müßte. Ein anderes Volk aber, dem es in Frieden zu leben vergönnt gewesen ist, würde weniger VeranlassungEgehabt haben, diese Gefühle zu fühlen und außzudrücken.t ^Freilich, da der Muth sich nicht nur im Kriege, sondern auch in vielen anderen Lagen geltend zu machen hat, so ist es wahrscheinlich, baß auch ein solches Volk in seiner idyllischen Ruhe ein eigenes Wort für diese nothwendige oder mindestens wünschenswerthe Eigenschaft besitzen würde, aber die anderen aufgeführten Worte könnten fehlen , insofern die Gelegenheit zu ihrer Entwicklung^gemangelt hat — die Gelegenheit, in allerlei Roth und Gefahr immer stärkere Seilen des MutheS zu zeigen und zu üben. Sollte ausnahmsweise einmal^ungewöhnlicher Muth von Nöthen rrnd*vorhanden gewesen sein, so würde man ihn großen Muth, aber nichtKühnheit genannt haben. - . - Wenn daS richtig ist, so ergiebt sich daraus, daß die Worte einer Sprache die gebräuchlichsten und. empfunden sten Gedanken eines Volkes, ausdrücken; daß sich in ihnen die wesentlichen Züge seines seelischen Seins in einem ächten und unzweifelhaften Abdrucke wiedergeben; daß seine natürliche Anlage, seine Erlebnisse, seine Geschichte sich in . diesen authentischen Zeugnissen spiegeln müssen. Ein Volk, das viele Worte für irgend eine sinnliche oder geistige Vorstellung hat, muß sich viel mit derselben beschäftigt, muß sie nach mancherlei Seilen hin entwickelt und nüancirt haben; ein Volk, bei dem daS Gegentheil der Fall ist, läßt uns den entgegengesetzten Schluß auf seine äußere und innere Geschichte machen. Jedes Lexikon, wenn man es so betrachtet, nimmt dann die Gestalt eines psychologischen Repertoriums an, und die Erkenntniß seines Inhalts wird, zur scharf umrissenen Skizze einer nationalen Individualität. Im Folgenden wollen wir nun die verschiedenen Worte betrachten, welche die hebräische Sprache anwendet, um die verschiedenen Arten der menschlichen Liebe zu bezeichnen. Eine so mächtige und doch so zarte Empfindung schildernd, gestatten sie einen liefen Einblick in das Herz derer, die sie geschaffen haben und gebrauchen. Sv stark das Gefühl in ihnen pocht, so delicat sind die Unterschiede, die sie von einander trennen; so gewaltig der ganze Begriff, so fein die Theile, in die er sich spaltet. Sowohl in der lebhaften Färbung der Worte, welche die Liebe bezeichnen, als in ihrer Menge und vielfach verschiedenen Bedeutung tritt das Gewicht hervor, welches man auf daß Gefühl gelegt hat, und die reichen Mittel, deren man sich zu seinem Ausdrucke bedient. Dies macht die Worte der Liebe besonders geeignet , den Werth der Sprache als einer wahren Selbstschilderung der Völker zu erläutern. Wie das naive Alterthum von der gebildeten Neuheit, wie ein dem Ueberstnnlichen ernstlich, zugethanes Volk von der skeptischen Gegenwart, so unterscheidet sich die altjüdische Liebe von den Gestaltungen desselben Begriffs in Europa. Der Hebräer unterschied die verschiedenen Arten der Liebe, die zwischen den Menschen möglich sind, als abstracte und concrete, als unthatige und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.