Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1872)
- Date
- 1872-10-22
- Page
- Seite 862 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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fehler haben, Juden zu sein. Selbst eine dem Grafen erwiesene Ehre, ein ihm angetragenes Protectorat über den chiescher Turn- und Feuerwehrverein, wies er zurück, weil der Verein nicht geneigt war, auf die daran geknüpfte Bedingung, sammtliche Juden auszuschließen, einzugehen. Seit den letzten Tagen ist es jedoch zu offener Feindschaft mit den Juden gekommen, und zwar aus folgendem Anlasse: Der junge Graf ritt mit'feinem Reitknechte' vor den Fenstern des dortigen Kaufmannes L. H., welcher gerade zum Fenster heraussah', vorbei und fragte Ersteren , ob hier nicht ein Jude zum Fenster her-' abschaue. Letzterer hörte diese Frage und gab schlagfertig die bekannte treffende Antwort: „Ja, ein Jude schaut hinunter, und ein E.. . schaut herauf." Seitdem prangt an dem Eingänge des gräflichen Parkes eine Tafel mit folgender Inschrift: „Durch das Benehmen des. Juden L. H. (hier folgt der volle Name) ist der Eintritt in diesen Park allen Juden verboten." Folgender humoristischer Artikel aus einem englischen Blatte mag hier , seine Stelle finden. ' >,Die zehn Stämme Israels, die so lange schon verloren und über deren Aufenthalt die Gelehrten streitig sind, . sollen nun mit aller Gewalt aufgefunden werden. Der „Jewish Meffenger" macht den Vorschlag, eine Expedition zur Aufsuchung derselben auszurüsten und Herrn Stanley an die Spitze zu stellen. Allem Anscheine nach sollte es für den Auffinder Livingstone's viel leichter sein, die zehn Stämme, die, wenn mam die Länge der Zeit und die bekannte Vermehrungsfähigkeit des jüdischen Volkes in Erwägung zieht, gewiß zu Millionen angewachsen sind, aufzufinden, als einen einzigen Menschen. Aber es ist nicht so leicht, wie es aus sieht. Vom vr. Livingstone wußte man, daß er in Afrika und nicht in Europa, Asien oder sonstwo stecke. Aber die zehn Stämme, wo weilen sie? Die Einen wollen sie in China, also in Asien aufgefunden haben , nach Duchinski, der bekanntlich Herrn Quatrefagos zu der „preußischen Race" verholfen hat, leben die zehn Stämme unter dem Namen Muskoviten an den Ufern der Moskwa im südlichen Rußland. Ein Anderer hat kürzlich entdeckt, daß die zehn Stämme sich in England niedergelassen haben, und daß die handelsbeflissenen Engländer Juden sind. Endlich ist ja auch der Glaube verbreitet gewesen und findet hier und da noch Anhänger, daß die Zigeuner die Abkömmlinge Jakobs sind. Herr Stanley wird daher trotz seines Auffindungstalentes keine leichte Mühe haben, falls er überhaupt die Expedition unternehmen und seine Lorberen wieder auf's Spiel sollte stellen wollen." Wer die Vorgänge und Aeußerungen, Lei 8en jetzt staltgefundenem Pilgerfahrten nach^LourdeS^und Herbeillais in Frankreich, und den Wettstreit zwischen der üreißen und schwarzen Jungfrau beachtet, wer den jüngsten "Hirtenbrief des Bischofs von Trier gelesen, worin er unter- Anderem'die Gläubigen auffordert - „durch ihre Gebete- Macht über das Herz Gottes zu erwerben" — der muß eingestehen, daß es in unsrem Jahrhundert noch sehr dunkel aussieht. Man erwäge dabei, was in der Masse „beten" heißt — eine Anzahl unverstandener Worte in einer todten Sprache hersagen. Und mit solchem Hauch menschlicher Lippen soll „das Herz Gottes^ beherrscht sollen die Bestimmungen der göttlichen Weisheit und Liebe, der göttlichen Vorsehung und Gerechtigkeit geändert und bestimmt werden! Nein, die wunderbare Macht des Gebetes liegt anderswo; sie besteht in der Erhebung des Geistes zu Gott, in der Verbindung der Seele mit Gott, daher in der Aufrichtung, im Tröste, in der Weihe unsres Herzens, in der Stärkung unsres sittlichen-Willens, in der Läuterung unsrer Erkenntniß, in der Heiligung unserer Beweggründe. Nur so hat das Gebet auch eine Wirksamkeit aus unser Thun und Lassen, und dadurch auf den Gang unsres Lebens. Jndeß dürfen wir Juden nicht zu stolz fein. Auch bei uns hat der Aberglaube seine verderbliche Kraft geübt, und übt sie noch immer. Wenn der Chaßid glaubt, daß jedes Gebetwort seines Rabbi einen guten Engel erschafft, der dem Willen des Rabbi Unterthan ist; wenn er glaubt, daß der Segensspruch des Rabbi die. Gesetze der Natur beherrscht, also auch Gott seinen Willen auf- , zwingt — ist es etwas Anderes? Und dieser^ChgßM^ Zahl ist Hunderttausende. Ja, die Lehren des' wahren Judenthums sind Dies niemals gewesen, sind die lautere religiöse Wahrheit. Aber wir müssen diese erkennen, wir müssen mit Eifer für sie eintreten, nur dann erfreuen wir uns ihrer wahrhaft. Bekämpfen wir den Aber, glauben, wo wir ihn finden, mit unsren besten Kräften unter uns und unter Anderen! Jndeß auch dessen wollen wir eingedenk sein, daß m jenen angeführten Vorgängen der officielle Katholicismüs,. die Kirche selbst, spricht und handelt — während die Chaßidim eine verirrte, vom eigentlichen Äudenthume längst zurückgewiesene Secte sind. Der bekannte AM Bauer, der Günstling der Exkaiserin Eugenie, der fanatisch fromme katholische. Priester, ein getaufter Jude aus Wien aus sehr angesehener undreicher Familie, wird sich jetzt — verheirathen. Wer weiß, wozu sich solch ein wandelbarer Geist noch wan--- deln wird, ohne daß eine Confession die andere um einen solchen Bekenner zu beneiden braucht!. . Verlag von Bamngärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Dmck von I. B. Hirschfeld. '.Verantwortlicher Redaeteur vr. H. Lohe. ' '' -