Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1872)
- Date
- 1872-10-22
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Ar. 43. Leipzig, den 22. Oktober 1872. Die neue (orthodoxe) Synagoge in Pest. Den .allzubekannten Wirren und Parteikämpfen in Ungarn giebt die pester Gemeinde ein leuchtendes Beispiel, wie gerade eine Großgemeinde durch Billigkeit und Duldsamkeit Frieden und Eintracht in ihrem Schoße da zu erhalten vermag, wo doch die große Mannichfaltigkeit der Elemente den Frieden zu stören am Ehesten scheinen könnte. Wo man jeder gemachten Forderung gerecht zu werden sucht, da wird nicht allein der Hadersucht die Spitze abgebrochen, die Veranlassung entzogen, sondern das Bedürfniß selbst führt dahin, dem großen Ganzen angeschloflen zu bleiben, und die Vortheile zu genießen, welche eine große Gesammtheit darbietet. So hat jetzt die pester Gemeinde eine Prachtvolle Synagoge für diejenigen erbaut, welche ganz nach dem herkömmlichen Ritus beten wollen, und hat für diese Synagoge einen eigenen Darschan angestellt, der auch im Rabbinatscollegium einen Sitz hat. Die Synagoge wurde am 1. October durch Einsenkung des Schlußsteines innerhalb der heiligen Lade und feierliche Einweihung eröffnet. Die Urkunde, die in den Schlußstein eingeschloffen wurde, enthält eine kurze Geschichte der Cultusanstalten der pester Gemeinde, und ist um so interessanter, in je kürzerem Zeiträume, nämlich seit 1784, aus einem kleinen Anfänge eine Gemeinde von mehr als 40,000 Seelen erwachsen ist. Neben dem Zeugniß, was Friede und Eintracht zu schaffen vermögen, wird uns aber auch hier ein solches für das energische religiöse Leben, das in dem modernen Geschlechte der Juden noch lebt, gegeben. Aus diesem Gesichtspunkte wird man diese Urkunde gern lesen, die wir hier wörtlich wiedergeben, mit Auslastung einiger Details, die den größeren Leserkreis nicht interefsiren. Urkunde, welche bei der Einweihung der von der pester israelitischen Gemeinde neuerbauten Synagoge in Pest in der Theresienstadt, Rombachgaffe Nr. 8, im Innern der heiligen Lade, am 1. October 1872, versenkt worden ist. Die ältesten Documente weisen aus, daß bereits vom Jahre 1784 bis 1796 im hauslerschen Hause ein israelitisches Betzimmer bestanden hat, in jenen Zeiten, wo die Israeliten in Pest noch keine Gemeinde bildeten, sondern nur wenige in Pest wohnten, und israelitische Gasthäuser hielten für Israeliten, welche aus Wofen täglich, und zur Marktzeit aus allen Gegenden nach Pest strömten. Dieses Betzimmer wurde im Jahre 1796 in die Kö-- nigsgaffe, B. Orczysches Haus, übertragen und später auch ein zweites Zimmer für Frauen eingerichtet — im Jahre 1820 wurde eine schon mehr geordnete Synagoge im B. Orczyschen Hause, im Königsgaffenhofe, ersten Stock, linken Seitenflügel, errichtet, mit einer Abtheilung für Frauen. — Aber bei der rapiden Zunahme der israelitischen Bevölkerung genügte diese Synagoge nicht, und wurde eine erweiterte Synagoge in demselben Hause, Königsgaffe, vis-L-vis dem Thore, im ersten Stock für. Männer und im zweiten eine Frauengallerie errichtet, zusammen mit 550 Betsitzen. Diese Synagoge wurde bis züm heutigen Tage benutzt, und würde auch schon in -früheren Jahren bei Weitem nicht genügt haben, wenn nicht ein Theil der Gemeindemitglieder im Jahre 1828 sich ein Bethaus nach dem Muster des wiener Chortempels in der Kömgsgasfe zur weißen Gans eingerichtet hätte. Dieser Chortempel wurde im Jahre 1830 in das B. Orczysche Haus übertragen, in welchem die Herrschaft denselben in der Höhe von zwei Stockwerken eigens für. diesen Zweck bauen ließ, dort, wo gegenwärtig die Filiale der pester Landessparcasse besteht. Beide Häuser, die alte Synagoge sowohl, als der Tempel, wurden von der Gemeinde administrirt und erhalten, und der Friede und. das gute Einvernehmen zwischen den Besuchern der beiden Bethäuser ward auch nicht einen Augenblick gestört; aber es stellte sich bald heraus, daß bei der immer mehr und mehr zunehmenden israelitischen Bevölkerung auch die beiden gemietheten Bethäuser weder im Raume, noch in der Einrichtung genügen konnten, und das lebhafte Bedürfniß, erweiterte und eigens neu erbaute Bethäuser zu besitzen, wurde immer reger und lauter. Die Bewilligung hierzu, sowie zur Erbauung eines Spitals und einer Lehrschulanstalt war bereits im Jahre 1835 aller-, höchsten Orts erwirkt. Das. Spital wurde auch schon im Jahre 1840—1841 in der Fabriksgasse erbaut für das Bethaus wurde das?; B. Baldacische Haus, in Pep,