Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-10-15 · Heft 42 (15.10.1872) · p. Seite 842

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 42 (15.10.1872)
Date
1872-10-15
Page
Seite 842 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226895--31083-3253989
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mondes auf; zahlreiche Juden in polnischer Tracht wenderi/siH ihm betend zu. Man sieht aber von denselben nur^Sen Mücken^ sodaß man sich mit dem Studium der zum Theit abenteuerlichen 'Kleidun g und mit der vorzüglichen Beleuchtung begnügen muß. ^''Unter 'den,Statuen sind nur zwei, die speciell 10^?^= Hfforjsch e Götzen stände, darstrllen. ^/^Einds 'der' besten 'Werke der ganzen Ausstellung ist WsttLig's „Hägär und Jsmael". Der Knabe Ismael ruht verschmachtend auf dem einen Kniee seiner Mutter, die seinen rechten Arm wie um Erbarmen' für ihn flehend "zum'Himmel erhebt, wie auch ihr eigenes nach oben gesandtes'Gesicht die eigene körperliche Qual zurückdrängt, um! nur dem Schmerze und der Angst um den sterbenden Sohn'Ausdruck zu geben.' Die Gruppe, aus trefflichem Marmor.gearbeitet, ist von ausgezeichneter Technik, sehr .gut angelegt und von ergreifender Wirkung. Die vor Durst vertrockneten und "zitternden Lippen des Knaben, M offenbar nicht mehr im Stande ist, eine Klage aus- ^zust,offen, 'sind mit 'erschütternder Wahrheit gefertigt. Und dabtzi wird" dieser Eindruck doch durch das Bewußtsein det Erhörung und Rettung der Leidenden gemildert. . "/'Kaum minder gut. in seiner Art, freilich der großartigen Auffassung entbehrend, ist K. Boff „Rebekka arnDrünnd'n", gleichfalls aus Marmor. Ein' liebliches Mädchen in orientalischer Kleidung stützt sich auf einen Hif den Brünnenrand gesetzten Wafferkrug. Vorzüglich Hu lohen ist auch die feine Anwendung und Durchführung ^Ler Gewandung. Und A .schließen wir mit dem Wunsche, daß wir auf .dersnächsten Ausstellung jüdische Gegenstände auch durch Adlsche,Künstler, und zwar recht würdig, behandelt sehen Mchlen Vermischtes. Als ein Zeichen der Zeit und des' Wandels dtr Dinge möge' hier-Folgendes erwähnt werden. In Rom 'werden jetzt täglich auf den Volkstheatern mehrere Trauerspiele aufgefüher, in welchen die Grüuelthaten der römischen und spanischen Inquisition, selbstverständlich in -sehr drastischer Weise, dargestellt werden. Diese Stücke, in welchen die bedeutendsten Künstler auftreten, machen einen Ungeheuern Eindruck auf das römische Volk, so tzüß'ses nicht allein in Mafien zu den Theatern strömt, ffpndern auch die Buchhändler nicht genug Exemplare von gMichtlichen ' Werken über die Inquisition herbeischaffen köünen?' Ist' Dieses schon bemerkenswerth und als eine späte. Sühne für! die Miffethaten der vergangenen Jahrhunderts, zu betrachten, so kommt noch hinzu, daß der . Cardinalvicar Patrizi sich an den italienischen Ministerpräsidenten Lanza mit einem Schreiben, wandte, in-welichem er die Unterdrückung dieser Theaterstücke verlangte, sie für eine Jntrigue gegen die Geistlichkeit, für eine Verderbniß der Moral und nur auf Unwahrheiten beruhend erklärte. Der Ministerpräsident wies dies Verlangen in einer einfachen, aber nachdrücklichen Antwort zurück. So haben sich die Dinge in Rom binnen kurzer Zeit verändert, aber es kann, dieser Wandel doch nur als die reife Frucht der unter dem Joche der päpstlichen Regierung vorgeschrittenen Entwicklung angesehen werden. In der diesjährigen Versammlung der Naturforscher und Aerzte, welche in Leipzig abgehalten wurde, hielt der berühmte Neurolog Professor Dubois-Neymond aus Berlin einen glänzenden Vortrag über die Gränzen der Naturwissenschaften. und der Philosophie, und über die Schranken der menschlichen Erkenntniß. Än zwei Puncten charakterisirte er diese Schranken. Das Wesen der Atome, durch welches sie die dem Stoffe inhärirenden Gesetze haben, sei unerkennbar; ebenso aber das Bewußtsein, selbst der niedrigsten Stufe, das eben von allem Stoffe und seinem Gesetze völlig verschieden ist; auf welche Weise mit dem Stoffe das Bewußtsein verbunden, sei unerkennbar. Es mögen wohl in der Versammlung Manche gewesen sein, welche dem Redner nicht beistimmten, weil sie in der Ueberschätzung der naturwissenschaftlichen Schätzung auch diese Räthsel zu lösen nicht für unmöglich halten. Wenn ein Forscher, wie der Genannte, deffen Hauptverdienst gerade auf dem Gebiete liegt, wo Stoff und Geist an einander gränzen, und hier einen unermüdlichen Fleiß, den größten Scharfsinn und die ächteste Wahrheitsliebe bestätigt hat, eine solche Ueberzeugung ausspricht, so ist es von entschiedenem Gewichte; Ünd mag das gebildete Publicum, das kühnen Halbforschern, wie Darwin, Karl Vogt u. dgl. zujauchzt, noch so viele Köpfe zählen: die Stimme eines solchen Mannes bringt sie zum Schweigen, die doch nur einem Modegelüste folgen. . Die größtenteils von Juden bewohnte Stadt Bialacerkiew, im Gouvernement Kiew, ist Anfangs dieses Monats durch eine Feuersbrunst fast ganz in Asche gelegt worden. Das zerstörende Element hatte eine solche Macht gewonnen, daß ihm erst nach vier Tagen Einhalt gethan werden konnte. Gegen 900 Familien haben Obdach und Habe eingebüßt und campiren auf öffentlichen Plätzen unter Zelten. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld.!VerantwoEiher Redacteur Dr. H^ Lotze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.