Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1872)
- Date
- 1872-09-17
- Page
- Seite 759 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zeitung -es Iudenthums. Femlteton-Mlage zu Rr. 38. E Leipzig, de» 17. September 1872. Sittenspiegel. -Von Salomo Alami, aus dem Jahre 1415. (Fortsetzung.) Dem Mund des Gerechten entströmt Weisheit und seine Zunge kündet das Recht. Der Anfang Deiner Rede sei der Lehre gewidmet und der Belehrung Deiner Kinder. Erwirb Weisheit und Erkenntniß auf jede Weise, gieb sie nicht preis, denn sie. ist Dein Leven; die Frucht des Gerechten ist ein-Baum des Lebens, Seelen erwirbt er mit seiner Weisheit, scheidet das Werthvolle von dem Werthlosen, und seine Gerechtigkeit währt ewig. Sprich von ihr, erfülle Dich mit Liebe zu ihr, und wende in der Muße alle Gedanken ihr zu, denn besser ist ihr Ertrag als der Gewinn des Silbers, und ihr Erwerb als Gold. Ihr Ziel ist groß, die Zeit zu kurz, es zu erreichen; weßhalb also Zeit verlieren? Und gilt es, der Seele Erholung zu bereiten, so ist es gut, sie in ihr eigenes Reich zu führen. In den Stunden des Gebets beschäftige Dich mit nichts Anderem, damit Deine Andacht nicht darunter leide; vermeide es, den Zeitgenossen nachzuahmen, die während de8 Gebets anderer Rede pflegen und in das Bethaus wissenschaftliche Bücher bringen, um sich Ansehen zu, geben in ihrer Gemeide. Dein Gebet sei demüthig und klar; wisse, vor wem Du stehst, und denke. Du stündest vor einem Herrscher von Fleisch und Blut. Ist Dir eine angenehme Stimme eigen, so bediene Dich ihrer im Lobe Gottes; rufest Du ihn in Wahrheit an, so wird Er Dich erhören. Uebe Deine Zunge, Gott zu preisen und Ihm zu danken bei jeglichem Geschicke; denn gerecht ist Gott, rein und wahr Sein Wirken. Des Frommen Zunge ist auserwähltes Silber, des Thoren Wort gereicht ihm zum Verderben. - Behüte Deine Zunge vor böser Rede, vor Verläumdung und Verspottung, und bediene Dich nie des Gottesnamens unnöthiger Weise, was große Sünde ist. Fliehe die Lieder der Trunkenen, den Gesang der Thoren, welche die Segenssprüche durch sinnliche Melodien unterbrechen , die nach dem Tacte genau bemessen sind, um den Männern zu gefallen, die Weibern gleichen, den Knaben und Kindern; wie Götzendiener benehmen sie sich. Meide die Weiber und ihr Gerede, fliehe die Schmeichler und die Heuchler, glaube ihren Liebesworten nicht, denn siebenfache Lüge tragen sie im Herzen, hasse den Schein und die Schmeichelei, und siehst Du Deinen Nächsten in Thorheit den Weg .der Vernunft verlassen, so belehre ihn. Deiner eigenen Lebensgefährtin gegenüber bewahre Deinen Mund! und hüte Dich vor Sünde, denn der Gefallenen sind, gar Viele. Mit aller Kraft vertritt die Wahrheit und daß Recht, tadele das Falsche und den Frevel, weise in ihre Schranken, die gegen die Männer der Treue und des Glaubens böse Rede führen, und wer seinen Nächsten im Geheimen verläumvet, den strafe nach Gebühr. Wende in Allem Recht und Wahrheit an, das sei Dein Schmuck, in dem Du einherschreitest, und Deine Kraft übest. Besser ist es kein Gelübde zu thun, als das Gelübde nicht zu erfüllen; das Wort, das über Deine Lippe geht, mache zur Wahrheit gegen Jeden; im geschäftlichen Verkehre hüte Dich vor jedem Betrüge, lasse Dein Wort nicht unerfüllt und ändere Deine Rede nicht um; wer im Umgang mit Nichtjuden gewissenlos verfährt, der läßt sich eine schwere Sünde zu Schulden kommen, die das Wort der Schriftrügt: „Ein Gräuel Gottes begeht, wer Unrecht übt." Denn das Wesen der Wahrheit ist zu festigen und zu kräftigen, während das Wesen des Truges ist zu vernichten und zu zerstören. Gott aber ist ein Gott der Wahrheit, der diejenigen liebt, welche sie üben, und denen zürnt, welche sie übertreten. Hüte Dich vor Ruhmredigkeit, und sei nicht stolz auf irdischen Erwerb und Gewinn; rühmeDich nicht der Weisheit,denn nichts ist menschliche Weisheit yor Gott, vor dem die Klugen irren; rühme Dich nicht der Starke, denn vergänglich ist sie, die <utt‘ Morgen blüht und am Abend welkt; rühme Dich nicht de8 Reichthums, denn oft zeigen sich an ihm Flügel, und oft gereicht er zum Verderben für Körper und Seele; prahle nicht mit Ruhm, denn er ist trügerisch für diejenigen, welche ihm vertrauen, und thöricht ist es , auf Die sich zu berufen, die im Grabe ruhen. Gilt e8 die Weisheit, so erinnere an Achitophel und Bileam, die an ihrer Weisheit zu Grunde gingen; gilt's die Kraft, so erinnere an Goliath, dem sie seinen Fall bereitete; gilt'S Reichthum und Größe, so erinnere an Haman, den sie