Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1872)
- Date
- 1872-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226891--30980-3253882- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
36. Jahrgang. Allgemeine JW 38. Zeitung des Zu-enthurns. Ei» unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Leipzig, den 17. September 1872. Diese Heituna erscheint wöchenllich einmal Dienstag«, in 2 bi« 2'/, Bogen. Preis des Jahrgang« » Thlr. Halbsahrig 2 Thlr. Vierteljährig 1 Tblr. Inserate werden mit 2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen. Postämter und AeitungS-Expeditionen nehme» Bestellungen an; der Haupt-Expediriou für beide Letztere hat sich das König!. Sachs. Haupt-ZeitungS-Bureau unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Was hat das Geschick aas den Inden gemacht? — Literarscher Wochenbericht: Vom Scheine. Zeitungsnachrichten r Deutschland: Berlin, Aus Württemberg, Aus der Provinz Preußen, Schneidemühl. — Oesterreickisch-nnqarische Monarchie: Pest, Aus Oestreichisch-Schiesien, Krakau. — S chw eiz: Baden. — Schweden: Bonn. — Donanfiirftentbümer: Bonn, Piatra. — Rußland: St. Petersburg. Kiew. Wloclawek, Warschau. — Amerika: Chicago, Portland(Oregonl. — Nachtrag: Agram. Feuilleton - Beilage r Sittenspiegel. «Fortsetzung.) — Aus dem Leben des allerjüngsten Erzbischofs. — Bestrafter Wahn. — Vermischtes. Leitende Artikel. Bonn, 8. September. Was hat das Geschick aus den Juden gemacht? Die Vergangenheit des menschlichen Geschlechtes gleicht einem großen Krater, in welchem es unaufhörlich kochte und gährte, und aus dem dann von Zeit zu Zeit glühende Massen hinausgeschleudert wurden. Diese erkalteten, und dienten mit der Zeit zur Unterlage für neue Geschlechter, deren Culturwerke und Betriebsamkeit. Nein! diese Gährung, diese Kämpfe der gegensätzlichen Elemente, dieses immerwahrende Werden und Absterben, sie sind noch nicht zu Ende, sie nehmen die höchsten Kräfte und Anstrengungen des gegenwärtigen Geschlechtes noch immer in Anspruch. Dennoch wird es klarer und durchsichtiger, wo es hinaus will; die großen Zielpuncte sind bereits sichtbar geworden und haben ihren Ausdruck gefunden. Der Mensch will frei sein; er will ein menschenwürdiges Dasein haben; er will seinen Glauben an Gott den Weltgeist und die Vorsehung von allem Aberglauben frei haben und vor allem Unglauben schützen und stärken; er will die materiellen Schätze der Erdennatur so weit wie möglich ausbeuten; er will seinen Geist in Wissenschaft und Kunst immerfort bethätigen und entwickeln. Auf diesem Grunde will er in der Gesellschaft wie in sich selbst ein religiös-sittliches Leben führen. Dies ist einfach alles; und mögen die Ansichten über die Mittel und Wege, die dahin führen, noch so verschieden sein und sich noch so sehr bekämpfen: der eigentliche Zweck, das wirkliche Ziel liegt in Obigem ausgesprochen. Wir wollen nicht sagen, daß dies nicht auch den vergangenen Geschlechtern vorgeschwebt habe, in diesem und jenem Puncte anerkannt gewesen sei; aber so allgemein und genau bewußt war es noch in keiner Zeit. Dies freilich verhindert nicht, daß nicht die alten Feinde des Menschenglücks und der Menschenbefreiung immer wieder auf und an die Massen heran treten, um sie zu verlocken, und das alte Joch, sei es in alter, sei es in neuer Form und Verkleidung, ihnen auf den Nacken zu legen. Entweder sie zeigen auf die Unruhen und Wirren, auf das Gähren und Kochen hin und sagen: wir allein sind der Frieden und die Wahrheit, bleibet bei uns, wir schützen Euch vor Sturm und Untergang, der sonst unausbleiblich ist; oder sie verweisen auf das noch nicht befriedigende Maß, das' von den